Zeitung Heute : Die Seiten der Geschichte

Simon Wolf

Eine groß angelegte Studie mehrerer Bildungsinstitutionen zeigt deutliche Defizite im Geschichtsunterricht – gerade was die deutsche Teilung angeht. Welches Bild haben Schüler heute von der DDR?


Fünf Prozent der deutschen Gymnasiasten halten Walter Ulbricht für einen oppositionellen Liedermacher der DDR, für mehr als sieben Prozent war Erich Honecker der zweite Bundeskanzler der Bundesrepublik. Und weniger als die Hälfte weiß, dass der Arbeiteraufstand in der DDR 1953 war.

„Wir können es uns einfach machen und über solche Fehler lachen“, sagt Ulrich Mählert von der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. „Oder es positiv sehen: Dass rund ein Drittel der Schüler Ulbricht richtig mit seiner Funktion als SED-Chef in Verbindung bringt.“

Mählert ist Mitherausgeber einer Studie der Stiftung und des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands. Die Autoren haben untersucht, was in deutschen Schulbüchern über die DDR geschrieben wird, was die Lehrer über diese Zeit erzählen – und was davon bei den Schülern hängen bleibt. Mählert findet das Ergebnis durchaus positiv. „Die Konturen der DDR-Geschichte haben die meisten vermittelt bekommen. Was oft fehlt, ist das Verständnis dafür, wie die DDR funktioniert hat und warum das System eine Diktatur war.“

Verantwortlich dafür sind weniger die Schüler selbst als ihre Schulbücher und der Unterricht. Nur bei jedem zweiten Gymnasiasten stand die östliche Hälfte der deutschen Teilungsgeschichte bis zum zehnten Schuljahr auf dem Stundenplan, obwohl das Thema Teil der Lehrpläne ist. „Oft bildet die NS-Zeit den Mittelpunkt des Geschichtsunterrichts, für die DDR-Geschichte fehlt am Ende einfach die Zeit“, hat Marianne Demmer beobachtet, die stellvertretende Bundesvorsitzende der GEW. Etwas überrascht war sie von der Motivation der Schüler. Mehr als 80 Prozent wünschten sich ausdrücklich mehr Unterricht über die DDR-Zeit.

Ulrich Mählert erklärt sich das Interesse damit, dass die DDR-Geschichte sehr nah dran ist am Leben der Schüler und Relevanz hat für viele aktuelle Fragen. Diese Nähe hat aber auch problematische Seiten; sie ist zumindest mitverantwortlich für fortbestehende Unterschiede im Denken der Gymnasiasten in den neuen und alten Bundesländern. Neben Filmen und dem Fernsehen, die für fast 80 Prozent der Befragten eine wichtige Informationsquelle sind, haben auch die Familie und Freunde einen großen Einfluss darauf, was die Jugendlichen von der DDR wissen. Beim Faktenwissen schneiden die beiden Gruppen noch relativ gleich ab, die Meinungen aber gehen stärker auseinander.

Für rund 73 Prozent der westdeutschen Gymnasiasten war der Sozialismus in der DDR von vorneherein zum Scheitern verurteilt, diese Einsicht teilen nur 58 Prozent im Osten. Dort denkt hingegen die Hälfte, dass die DDR ein gutes Konzept hatte, das nur leider schlecht ausgeführt wurde – was nur 34 Prozent der West-Gymnasiasten so sehen. „Da leben Nostalgie auf der einen Seite und Feindbilder auf der anderen Seite noch ein bisschen weiter“, sagt Peter Lautzas, Vorsitzender des Verbandes der Geschichtslehrer. Dass mehr als jeder vierte westdeutsche Gymnasiast es für eine gute Idee hält, die Mauer wiederaufzubauen, ist ein trauriges Ergebnis davon.

Umso wichtiger findet es Ulrich Mählert, einen ähnlichen Geschichtsunterricht in Ost und West anzubieten. Die Studie zeige, dass die Schulen in dieser Hinsicht auf einem guten Weg sind. „Die These ist nicht abwegig, dass sich die jetzige Schülergeneration deutlich weniger in ihrem Denken zwischen Ost und West unterscheidet als ihre Eltern.“

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