Zeitung Heute : Die Selbstgerechten

Der Tagesspiegel

Von Hellmuth Karasek

Nun demonstrieren sie also wieder und sie wissen die gute Sache auf ihrer Seite. Sie demonstrieren für den Frieden, für die gerechte Sache der Palästinenser; sie demonstrieren gegen Scharon, gegen Bush (der Scharon nicht in den Arm fällt), gegen Israel und gegen die Juden. Ja, auch gegen die Juden wird wieder demonstriert, und was den Neonazis recht ist (und ein Rechtsbruch) das ist der friedlichen Linken billig. Sie kennt keine Berührungsängste, keine Skrupel: Der Schurke, der Kriegstreiber, der Böse, das ist Scharon, das sind die Israelis, die Juden.

Ohne dass es sie störte oder sie sich gar dagegen wehrten, ziehen sie in Umzügen mit, in denen ein Vater seine kleine Tochter symbolisch zur Selbstmordattentäterin aufgeputzt hat. Dass Frau Arafat ihre Kinder auch für Selbstmordattentate opfern würde, stört sie ebenso wenig und ruft keinen Protest hervor, wie dass ein Al Quaida-Angeklagter im Frankfurter Prozess „Alles Juden!“ gegen das Gericht randaliert. Und dass die deutschen Touristen-Opfer in Dscherba im Bekenner-Schreiben von den Hintermännern der Mörder geschmäht werden, indem man Allah für einen weiteren Sieg preist.

Nein, für den selbstgerechten Fanatismus dieser Gutmensch-Demonstrationen, die eine kaltschnäuzige Gleichgültigkeit für die israelischen oder deutschen oder amerikanischen Opfer des Terrors aufbringen – so als würden die Selbstmordattentäter Soldaten und nicht Unschuldige in Gaststätten, bei Festen, im Omnibus heimtückisch töten und verstümmeln – für diese selbstgerechte Einäugigkeit fehlt (mir) jedes Verständnis.

Nicht etwa, weil die vereinigte Demonstrationslinke sich jedes Mal nach ihren Märschen eines Besseren belehrt sehen konnte: so schmerzlich es klingt, es ist wahr, der Krieg im Golf, in Jugoslawien, in Afghanistan, immer als blindwütiges kapitalistisches Verbrechen angeprangert, hat als Ergebnis Verbesserungen zumindest im Ansatz gezeitigt, für Kuwaitis wie für Kosovo-Albaner und Serben wie für afghanische Frauen.

Und selbst wenn es unsere wahnhafte deutsche Vergangenheit, den durchindustrialisierten Massenmord an den europäischen Juden nicht gäbe (den es aber gibt, so sehr wir ihn auch durch wütende Proteste gegen das Vorgehen der israelischen Armee wegzuleugnen suchen), selbst dann wäre nicht zu verstehen, warum wir unsere Wut (die wir als gerechten Zorn tarnen) ausgerechnet gegen Israel richten sollten.

Ist Israel nicht der einzige Staat im Nahen Osten, der unserem Verständnis von Staat und Gesellschaft und sozialer Ordnung entspricht? Eine Demokratie und ein Rechtsstaat, der sich geradezu bewundernswert in Zeiten schrecklichster Kämpfe und Kriege nicht hat aushebeln lassen. Mit einer Bevölkerung, die ihre Regierung abwählen kann, sie massiv, mitten im Existenzkampf, kritisieren, ihr die Gefolgschaft verweigern kann.

Gibt es, anders als auf israelischer Seite, bei den offiziellen Stimmen der arabischen Staaten und Organisationen ein Wort des Zweifels, des Bedauerns anstelle einer fanatischen, selbstgerechten, gottesgewissen Entschlossenheit Israel als Staat zu vernichten? Gibt es das, ohne dass Fanatiker solche Ansätze nicht sofort wegbomben? Und setzt Saddam nicht gruselige Blutgelder für die Familien von Selbstmordattentätern aus (wobei ein offenbar von jeder moralischen Vernunft verlassener Möllemann Verständnis für die aufbringt)

Die Staaten, Halbstaaten und Organisationen, die Israel umgeben und bekämpfen, sind Diktaturen, die ihre im Elend dahinvegetierenden Massen durch einen Regress zu einer mittelalterlichen Religion in einen dumpfen Fanatismus treiben. Sie haben fünfzig Jahre lang Israel dahin getrieben, wo es jetzt steht und um sich schlägt. Ihren „gerechten Kampf gegen die Unterdrückung“ führen die Al-Aqasa- oder Al-Qaida-Brigaden, indem sie Touristen irgendwo in Flammen aufgehen lassen. Sich damit im Protest zu solidarisieren, das verlangt schon ein hohes Maß an Selbstverleugnung. Oder soll man es Dummheit nennen?

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