Zeitung Heute : Die seltsamen der Sitten

Sei nicht interessanter als dein Mann! Rede nur über Geld! Keine Mätzchen! Als Frau eines Hedgefonds-Managers bekam sie das jahrelang zu hören. Dann hatte Sarah Tucker dieses Leben satt.

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Von Claudia Keller Alles eine Frage der Kontrolle. Ankaufen, verkaufen, Aktienpakete, immer den Börsenkurs im Blick. Zwölf Stunden am Tag. Man muss wissen, was die anderen denken. Auch abends, zu Hause, Kontrolle. Über die Ehefrau, was sie anhat, was sie sagt.

„Sag bloß nicht, dass du aus Essex kommst. Versteck deine Uhr. Sprich nicht mit Gerard. Sonst fragt er dich über mich aus. Und sag bloß nicht, dass du nicht Ski fahren, Surfen oder Tauchen kannst. Und dass wir dieses Jahr noch nicht auf den Malediven waren.“ Sarah Tucker sitzt im Londoner Vorort Richmond in ihrem Esszimmer, verstellt die Stimme und macht nach, was sie mithörte, als ein Banker seine neue Frau zur Dinnerparty mitbrachte. Er lief voraus, sie hinterher, den Tränen nahe. Dann habe er sich umgedreht, sie kurz umarmt und gesagt: „Wichtig ist, dass du immer du selbst bleibst.“

Sarah Tucker, 42, blond, zierlich, Leder-Mini und schwere Stiefel, streicht die mittellangen Haare aus dem Gesicht und holt den Espresso aus der glänzenden Küche. Früher trug sie nur schwarze, graue, blaue Kostüme, denn auch sie war eine dieser Bankersgattinnen, wie die rasant wachsende Londoner City sie in diesen Jahren zu Zigtausenden hervorbringt: selbstbewusst, hoch qualifiziert, im Job superbezahlt. Aber, sagt Tucker, „wenn er abends aggressiv und gestresst von der Bank nach Hause kommt, trägt sie ihm die Pantoffeln ans Sofa.“

Sie kann so reden, sie war sieben Jahre lang mit einem Hedgefonds-Manager verheiratet und Teil jener Welt, in der das Jahreseinkommen in Millionen Pfund gerechnet wird, der gesellschaftliche Erfolg in Ferrari und Zuneigung in Diamanten. „Die Banker stehen wahnsinnig unter Druck. Sie belauern sich gegenseitig und setzen ihre Frauen als Waffen im beruflichen Konkurrenzkampf ein“, sagt sie. Und so gedeiht im Biotop der Finanzindustrie eine ganz eigene Spezies Frauen und Männer, die ein Rollenmodell aus dem 19. Jahrhundert lebt, als weibliche Wesen wie eine Art Ware gehandelt wurden und Ehen Wirtschaftsverträge waren. Die Frauen, sagt Tucker, würden das mitmachen, weil auch sie durch die Verbindung an Ansehen gewinnen. Weil Alleinstehende ab einem bestimmten Alter nicht ernst genommen würden.

Sarah Tucker hat nach dem Abitur eine Banklehre gemacht und in der Zeit ihren heutigen Ex-Mann kennengelernt. „Wir hatten beide nicht viel Geld, eigentlich unsere beste Zeit.“ Ihr Freund stieg dann in der Finanzhierarchie auf, wurde vom System und seinen Sitten absorbiert. Als er mit Mitte 20 anfing, Millionen zu verdienen, hörte sie auf, wurde Reisejournalistin und lernte die Welt kennen. Sie war erfolgreich, hatte im BBC-Fernsehen eine eigene Reisesendung und schrieb Bücher. In den Augen ihres Mannes und seiner Kollegen war das ganz interessant, aber es zählte nicht. „Ein paar Mal habe ich den Fehler gemacht und bei einer Dinnerparty auf die Frage nach meinem Beruf ehrlich geantwortet. Ich erzählte, dass ich nach Japan und Afrika geflogen bin, wie aufregend das war.“ Sarah Tucker lacht hell. Jedes Mal sei nach zehn Minuten ihr Mann gekommen und habe gesagt: „Und was hat das gebracht? 500 Pfund.“ Damit sei das Thema erledigt gewesen.

Wer an der Seite eines Bankers überleben wolle, müsse die Kunst beherrschen, sich öffentlich zu unterwerfen und den eigenen Beruf, die Kinder, das Haus und die Gefühle für beide zu managen, sagt Tucker. Man sei mit Menschen verheiratet, die schon sehr jung in einem sehr engen Korsett funktionieren mussten. Die wenigsten der Neu-Millionäre hätten studiert, sagt Tucker. Und kaum einer hatte vor dem Einstieg in den Beruf Zeit, etwas anderes zu erleben. Die Vorschriften, wie man wohnt, sich kleidet, was man trinkt, isst, liest, wo man Urlaub macht, die Kinder einschult, die Haare frisiert, helfen ihnen, sich in unbekanntem Terrain und zwischen Leuten, die schon immer reich waren, zu orientieren. Dafür haben sie nicht viel Zeit, das muss schnell perfekt klappen. So wie dauernd von ihnen Perfektion erwartet wird – ohne die wären sie nicht, wo sie sind.

„Alles ist bis ins Kleinste normiert“, sagt Tucker, „bis in die Wohnungseinrichtung und den Frauentyp“: in der Regel kleine, zierliche Exemplare, weil die Männer neben ihnen größer wirken.

Und dann gehe es weiter – „Regel Nummer eins“, Tucker reckt den Daumen mit dem dicken Silberring nach oben: Rede als Bankersfrau nie über deinen Beruf, wenn er interessanter ist als der deines Mannes. Und – der Zeigefinger schnellt vor – Regel Nummer zwei: „Rede überhaupt nie über etwas anderes als Geld.“

Es gibt sicher schlimmere Bürden zu tragen. Aber Sarah Tucker kam das irgendwann alles zu falsch vor. Nach der Scheidung spendete sie ihre Diamantringe wohltätigen Organisationen.

„Bei unseren eigenen Dinnerpartys habe ich mich oft in die Küche verdrückt“, sagt sie. „Natürlich weil ich nicht wollte, dass der teure Fisch verkocht oder die gebratenen Wachteln anbrennen. Aber auch, um mich für ein paar Minuten zu erholen von all dem Geschwätz über Geld, wer wie viel hat, wer wo welches Haus kauft.“ Wenn man einen gemeinsamen Nenner habe wie ein Hobby oder die Liebe zu einem Haustier, dann sei das erträglich. Wenn nicht, werde es zur Qual, stundenlang Konversation machen zu müssen mit Leuten, denen man nicht über den Weg traut. Denn diese Dinnerpartys können regelrecht existenzgefährdend sein: Was, wenn man beim zweiten Champagner etwas preisgibt, was dem Gatten in der Bank schadet?

Deshalb wird das gesellschaftliche Schaulaufen trainiert, deshalb hat sich Sarah Tucker nicht wirklich gewundert über den Banker, der seine Frau vor der Dinnerparty instruierte, nicht über ihre Herkunft oder Urlaubsziele zu sprechen.

Sie erzählt von einem Charity-Basar, den sie mit ihrem Mann besuchte. Während die Männer an einem Tisch diskutierten, ob der 2001er Châteauneuf du Pape besser ist als der 2001er Barolo, oder ob ein Ferrari 575M Maranello mehr Stil hat als ein Aston Martin Vanquish, ging es bei den Frauen am Nebentisch um die Juwelen, die sie von ihren Männern zu Weihnachten bekommen hatten. „Alle erwähnten den Preis, als ob die Höhe der Investition den Ring schöner macht.“ Schließlich habe man geradezu gestritten darüber, ob man ein 2000-Pfund-Valentino-Kleid mit einem 2000-Pfund- Dior-Kleid vergleichen könne.

„Wenn Sie auf so einer Veranstaltung wären, würden Sie als Erstes gefragt“, Sarah Tucker zupft mit spitzen Fingern an ihrem Pullover, „wie teuer Ihr Mantel ist, von welcher Marke und wo Sie ihn gekauft haben. Noch bevor man Ihnen Guten Tag sagt.“

Die Kür komme dann auf dem Spielplatz dazu. Wenn die Paare mit Anfang 30 Kinder bekommen, sagt Tucker, gebe es zwei Wege. Die eine Sorte Frau arbeite sofort im Beruf weiter, die Kinder würden von Nannys aufgezogen. Die anderen setzten den Konkurrenzkampf an der Sandkiste fort. Welches Kind mit wie teuren Sandförmchen spiele, sei ebenso wichtig, wie einen Platz an der angesagtesten Eliteschule zu ergattern und dafür Sorge zu tragen, dass sich der Nachwuchs mit den richtigen Kindern anfreunde, denen aus den strategisch wichtigen Familien. Kinder alleinerziehender Mütter kämen da nicht gerade in die engere Wahl.

Sarah Tucker hat gerade einen Roman über die „Spielplatz-Mafia“ geschrieben („The Playground Mafia“, Arrow Books). Das Buch ist durchaus autobiografisch gefärbt. Seit der Scheidung von ihrem Ex-Mann vor fünf Jahren ist sie selbst alleinerziehende Mutter eines achtjährigen Jungen. Sie habe ihren Mann sehr geliebt, sagt sie, deshalb habe sie es lange bei ihm ausgehalten.

In Sarah Tuckers Esszimmer fällt die Wintersonne auf ein riesiges Gemälde, das eine leicht geöffnete Orchidee zeigt. Im Wohnzimmer hängen Bilder von roten Mohnblumen. In der gemeinsamen Wohnung mit ihrem Mann hingen nur schwarz-weiße Architekturdrucke, sagt Tucker. Ihr Mann stand auf kühles Design, wie alle anderen auch. „Diese Blumenbilder waren das Erste, was ich mir nach der Scheidung gekauft habe“, sagt Tucker. „Die platzen richtig vor Farbe.“

Farben, Blumen, Sarah Tucker ist stolz auf ihre Individualität. Das verstieß früher gegen Regel Nummer drei: Entweder du passt dich sofort an oder das Rudel schließt dich aus.

Das Rudel, die Gruppe, sei auch eine Art Schutzwall, mit dem sich die Banker von der Außenwelt abschotten. In den seltenen Fällen aber, in denen sie die Banker mal alleine traf, habe sie Erstaunliches gehört. Da verwandelten sich die Funktionäre der Geldindustrie in vom Schicksal gekränkte Männer, sagt Sarah Tucker, die alle lieber Architekt, Künstler, Designer geworden wären, Geld nicht so wichtig finden und sich selbst versprechen: „Nach den ersten zehn Millionen steige ich aus!“ „Wenn ich 35 bin, gehe ich!“ Aber die wenigsten würden den Absprung schaffen.

Nach solchen Gesprächen befällt Sarah Tucker dann das herrliche Gefühl, noch einmal davongekommen zu sein.

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