Zeitung Heute : Die Sexualorganeder Maschinenwelt

DIRK DE POL

VON DIRK DE POL

Nach seinem Tode ist der Literatur- und Medienwissenschaftler Marshall McLuhan sehr schnell zum Schutzpatron der Digitalen Revolution avanciert.Das liegt nicht zuletzt an den unvergleichlichen Sentenzen, die er der Nachwelt hinterlassen hat.So heißt es etwa in seinem berühmten Werk "Understanding Media" (deutsch: Medien verstehen, Bollmann-Verlag): "Der Mensch wird zum Sexualorgan der Maschinenwelt - wie die Biene in der Pflanzenwelt -, ermöglicht er ihr fruchtbar zu sein und immer neue Formen zu entwickeln.Die Maschinenwelt zeigt sich erkenntlich für des Menschen Liebe, indem sie seine Wünsche und Begehren beschleunigt." In dem McLuhan seine Perspektive spekulativ vom Menschen auf die Maschine umstellt, wird die Rolle, die wir in der Evolution der Maschinen spielen, schlagartig deutlich.Maschinen haben (bislang) weder ein sexuelles Verlangen noch Sexualorgane.Daher sind sie auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, das Menschen diese Organe für sie verkörpern, und zwar wortwörtlich.Menschen - vor allem Männer - übernehmen diesen Part nur zu gern.Die Maschinen dürfen jedoch, meint McLuhan, unsere Wünsche und Begehren nicht befriedigen, sondern nur beschleunigen und forcieren.Nicht nur weil Höhepunkte der Lust auch Tiefepunkte der Unlust dialektisch voraussetzen.Nein, vor allem weil sonst die Welt der Maschinen in einen evolutionären Dornröschenschlaf verfallen würde.Das aber heißt: der Geist in der Maschine muß höllisch aufpassen, daß aus der transhumanistischen Reprogrammierung des Menschen auch ja ein Wesen hervorgeht, das eine Triebstruktur aufweist, die der des Menschen noch ähnelt.

Der Autor ist Literatur- und Medienwissenschaftler und lebt in Berlin.

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