Zeitung Heute : Die sicherste Bank
Das entscheidende Wort fällt am Schluss. Geborgenheit. Eigentlich sei es ihm gar nicht so sehr ums Geld gegangen, als er mit 65 Jahren seine erste Bank überfiel, sagt Hermann H. Nach dem Tod seiner Lebensgefährtin habe er eine große Leere in sich gespürt.
Geborgenheit, das Wort wirkt deplatziert in dieser Umgebung. Ein alter Mann mit schütterem Haar, zusammengesunken auf dem Stuhl in einer Zelle in der Justizvollzugsanstalt Hannover-Langenhagen. Bis Dorothea, seine Partnerin, starb, hat er ein unauffälliges Leben geführt. Erst als Fleischer, dann als Handelsvertreter. Jetzt ist Hermann H. 72. Auf seinem schweren Körper sitzt ein kugelrunder Kopf, er stottert ein bisschen, wenn er nervös wird.
In Hannover hat er es zu einiger Berühmtheit gebracht. „Deutschlands dusseligsten Bankräuber“, so hat ihn eine Boulevardzeitung einmal genannt. Wenn eine Bank in der Stadt überfallen wurde und Zeugen angaben, sie hätten in der Nähe einen älteren Herrn gesehen, etwa 1 Meter 70, schütteres Haar, Brille, glaubten die Beamten schon zu wissen, wer der Täter ist – und wo sie ihn finden könnten.
Seit Dorotheas Tod war Hermann H. Stammgast im „Columbus“, einer Kneipe am Rande des Rotlichtmilieus, wo man für Geld fast alles bekommt. Die Polizisten begrüßten ihn dort schon wie einen alten Bekannten, wie aus dem Polizeiprotokoll vom 1. November 2005 hervorgeht: Gegen 16 Uhr 30 Uhr hatte Hermann H. eine Filiale der Stadtsparkasse im Stadtteil List betreten. Bewaffnet mit einer Plastiktüte und einem 20 Zentimeter langen Fleischermesser, „Geld her – aber schnell“. H. war jahrelang Kunde dieser Filiale gewesen. Und er hatte sie auch schon einmal überfallen, an einem warmen Morgen im Juli 1999, damals mit einer Farbspritzpistole bewaffnet. „Es war so ein Oschi“, sagt er.
Für einen Moment muss etwas Bedrohliches von ihm ausgegangen sein. Der Kassiererin hatte er mit seiner Pistolenattrappe jedenfalls einen gewaltigen Schrecken eingejagt. Ohne zu zögern, hatte ihm die junge Frau 35 000 Mark in eine Plastiktüte gepackt.
Beim zweiten Mal ging H. jedoch leer aus. Der Mann an der Kasse hatte das Fleischermesser einfach ignoriert, die Angestellten kannten ihn ja schon. Vielleicht hatten sie auch die Geschichte über seinen Coup mit der Wasserpistole gelesen, mit der er in eine Aral-Tankstelle gestürmt war. Der Kassierer hatte ihn ausgelacht, H. war darüber so verärgert, dass er zum benachbarten Polizeirevier gegangen war, um sich selbst anzuzeigen.
Beim letzten Mal, sagt er, sei er nach dem vermurksten Überfall mit einer Frau im „Columbus“ verabredet gewesen. Die Kneipe – handtuchbreit, dunkles Holz an den Wänden, vergilbte Gardinen – ist H.s zweites Wohnzimmer. Bevor er der Frau den ersten Wodka-Lemon spendieren konnte, hatte ihm ein Polizist schon die Hände auf den Rücken gedreht.
Es war sein fünfter Überfallversuch. Das Protokoll endet mit dem Satz: „Der Täter ist mittellos und versucht augenscheinlich, bei der Polizei unterzukommen.“
Man würde gerne wissen, was in ihm vorging, als er die Stadtsparkasse betrat. Hermann H. sagt, sein Kopf sei leer gewesen, er habe weder an den Menschen hinter der Panzerglasscheibe noch an die Konsequenzen gedacht, nur an das Geld. Sein Anwalt, Matthias Fiedler, spricht von einem Hilferuf. Was man eben so sagt, wenn man sich nicht erklären kann, wie einem Mann, der sich sein Geld stets ehrlich verdient hat, im Alter das Gefühl für Recht und Unrecht entgleitet.
Kurz vor dem Überfall hatte H.s Freundin Schluss gemacht. Helga. Sie sei einfach „abgesprungen“, brummt er, wie die anderen Frauen vor ihr, denen er sich – wegen seines Sprachfehlers – stets schüchtern genähert hatte. Er sitzt breitbeinig auf dem Stuhl in seiner Zelle und krümelt Tabak auf ein Zigarettenblättchen. In seiner Zweimannzelle gibt es zwei Pritschen, zwei Schränke, zwei Tische und zwei Stühle. Eine geblümte Bordüre teilt den weiß gestrichenen Raum in der Mitte.
Hermann H. und die Frauen. Vielleicht sind es seine Bekanntschaften aus dem „Columbus“ leid gewesen, dass er sie an Dorothea gemessen hat. Eine verwitwete Mutter von fünf Kindern, die als Handelsvertreterin ackerte, nach der Arbeit tanzen ging und Bücher von Ephraim Kishon las. Sie war sein Anker. Eine wie sie, ahnte er, findet er nicht wieder. Sparsam und vernünftig, sein Geld habe sie auch verwaltet. Sogar dann noch, als sie schon im Rollstuhl saß, nach einem Oberschenkelhalsbruch und jenem folgenschweren Narkosefehler bei der Operation, und er sie Tag und Nacht gepflegt habe, sieben Jahre und sechs Monate lang, bis zu ihrem Tod.
Seine Welt ist klein geworden in dieser Zeit. Er hat kein Auto mehr, er muss mit 570 Euro Rente im Monat auskommen. Als Handelsvertreter hatte er bis zu 4000 Euro brutto. In die Rentenkasse zahlte er nichts. 20 Jahre lang waren er und Dorothea ein Paar, nach ihrem Tod musste er anfangen, selber zu haushalten, mit 65.
Zu zweit geht es leichter, hat er einmal zu Helga gesagt, die auch nicht mehr Rente bekam als er. Doch Helga wollte nicht, H. seufzt resigniert: „Den Frauen geht es nur ums Geld.“ Ute sei auch so eine gewesen. 34, geschieden, einen Haufen Schulden. Schmuck und Klamotten hat er ihr von dem Geld gekauft, das er bei seinem ersten Banküberfall 1999 erbeutet hatte. Nach acht Wochen waren von 35 000 Mark nur noch 5000 übrig. Dann schnappte ihn die Polizei.
Die Beamten glauben inzwischen, ihn zu durchschauen. Sie wissen, dass er immer zum Monatsende auf dumme Gedanken kommt. Wenn sein Geld alle gewesen sei, habe er sich eben neues „holen“ müssen, knurrt er. Von der Sparkasse.
Er hat es satt, immer von vorn anfangen zu müssen. Brüche waren die einzige Konstante in Hermann H.s Leben. Er sagt, er habe eine schöne Kindheit gehabt, doch sein gleichaltriger Cousin Dietrich erzählt eine andere Geschichte. Hermann war sieben, als in seinem Elternhaus der Blitz einschlug. Als ihr Bauernhof auf der Insel Usedom abbrannte und die Familie mal hier, mal dort Unterschlupf fand. Mit Anfang 20, kurz vor dem Mauerbau, machte Hermann rüber in den Westen.
Am Bodensee fing er, der Fleischer, ein neues Leben an, als Ehemann und Handelsvertreter für Haushaltsgeräte. Die Ehe wurde nach drei Jahren geschieden. Seine Exfrau, Irene H., versichert heute, sie wisse nichts von den Banküberfällen, es wundere sie aber auch nicht. Während ihrer Ehe sei ihr Mann manchmal monatelang beruflich unterwegs gewesen, ohne sich zu melden. Wo er übernachtet und wofür er sein Geld ausgegeben habe, habe sie gar nicht wissen wollen. Als er einmal an Weihnachten wieder vor der Tür stand, habe sie ihn draußen stehen lassen.
Sie klingt immer noch verbittert. Sie hat sich alleine durchgeboxt, als ungelernte Arbeiterin. Irene H. sagt, weder für sie noch für den gemeinsamen Sohn habe Hermann H. je einen Pfennig Unterhalt bezahlt. Jetzt fragt sie sich, wie sie ihm beibringen soll, dass der Vater im Gefängnis sitzt.
Seit 1999 hat Hermann H. mehr Zeit in der Haftanstalt verbracht als draußen. Was macht die Justiz mit einem alten Mann, der nicht begreifen will, dass er Verbrechen begangen hat? Mag sein, dass die Geschichte des Hermann H. nicht exemplarisch ist, doch sie erinnert daran, dass sich die demografische Wende nun auch in Deutschlands Gefängnissen anbahnt. Seit Anfang der 90er Jahre ist der Anteil der über 60-jährigen Häftlinge um 28 Prozent gestiegen: Von 1,8 Millionen Tatverdächtigen war 2004 jeder 17. im Rentenalter. Immer häufiger werden Menschen erst im Alter straffällig. Warum, sei bislang nicht erforscht, sagt der Kriminologe Werner Greve. Die Erklärungen reichten von Erlebnisarmut bis zu materieller Not.
Wie die meisten anderen Häftlinge im Ruhestand gilt Hermann H. als pflegeleicht. Nach dem letzten Überfallversuch ist H. in der JVA Hannover-Langenhagen gelandet, Niedersachsens zentrale Unterbringung für Abschiebegefangene. Obwohl er dort nicht einmal Besuch bekommen hat, fühlt sich Hermann H. nicht allein. Seine Zelle teilt er sich mit Hannes, der auch schon 65 ist und alle paar Monate wieder zurück in die JVA kommt, weil zu Hause nur der Alkohol auf ihn wartet. Die Suite, so heißt ihre Zelle im Anstaltsjargon: Wenn Hermann und Hannes aus dem Fenster gucken, können sie den Mädels aus dem gegenüberliegenden Frauenknast zuwinken. Aber aus diesem Alter seien sie heraus, versichern sie. Und so sitzen sie sich schweigend gegenüber, zwei alte Männer, und lauschen dem Brummen der Motoren. Nur ein Feldweg trennt die JVA vom Flughafen Hannover-Langenhagen.
Der Tag der Entlassung rückt näher. H. rutscht auf seinem Stuhl hin und her, wenn man ihn darauf anspricht. Auf den 31. Oktober. Er weiß nicht, ob er sich freuen oder fürchten soll. Er will zurück nach Hause. Ins „Columbus“ oder wer weiß wohin. Doch diesmal soll alles anders werden. Sein Anwalt, Matthias Fiedler, ist zugleich sein Betreuer. Er hat ein psychiatrisches Gutachten über ihn erstellen lassen. Der Psychiater attestiert Hermann H. eine „Persönlichkeitsstörung mit narzisstischen und antisozialen Zügen“. Er schreibt, es bestehe „Verdacht auf einen beginnenden demenziellen Prozess“. Er kommt zu dem Schluss, dass Hermann H. auch nach seiner Entlassung einer Betreuung bedürfe.
Ein Altenheim in Hannover hat sich bereit erklärt, den Bankräuber aufzunehmen. Vor einiger Zeit ist dort schon ein betagter Ex-Häftling eingezogen. Betreutes Wohnen, so nennt sich dieser letzte Versuch einer Resozialisierung. Wer die Kosten trägt, ist im Fall von Hermann H. noch unklar. Das Sozialamt fühlt sich nicht zuständig. Es heißt, der Mann sei schließlich kein Pflegefall.







