• Die sieben Gebote Man ist eingeladen – zu einem großen Dinner, zu einem schönen Abend. Worauf muss man heute achten? Ein Ratgeber von Elisabeth Binder

Zeitung Heute : Die sieben Gebote Man ist eingeladen – zu einem großen Dinner, zu einem schönen Abend. Worauf muss man heute achten? Ein Ratgeber von Elisabeth Binder

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Sorry, aber da müssen Sie durch. Wenn Sie nicht mindestens einmal, besser zwei oder dreimal so peinlichen Situationen ausgesetzt waren, dass sich Ihnen noch Jahre später die Fußnägel hochkrempeln, wenn Sie daran zurück denken, lernen Sie es nie. Denn dann sehen Sie die Notwendigkeit eines Protokolls, selbst wenn es ungeschrieben ist, nicht wirklich ein und werden womöglich noch so glanzlos wie die 68er. An die erinnern Sie sich doch? Sie fanden es spießig, Frauen die Tür aufzuhalten, weil sie dachten, das sei eine überflüssige Benimm-Vorschrift aus der Adenauer-Ära, gegen die es zu rebellieren gelte. Es ist fast nicht zu fassen, dass die Leute vor erst 35 Jahren noch so rückständig waren. Schließlich ist es ja ganz klar, dass es zu blauen Flecken und mehr kommt, wenn zwei Leute versuchen, gleichzeitig durch eine Tür zu gehen.

Es gibt eine fortgeschrittene Möglichkeit, das zu verhindern, aber die kommt später. Früher hatte man sich mit einer Benimmregel beholfen und schlicht darauf geeinigt, die Frau zuerst gehen zu lassen. Was auch aus feministischer Sicht völlig in Ordnung ist. Wer zuerst geht, ist ja im Grunde völlig egal, es handelt sich beim Betreten eines Zimmer schließlich nicht um ein olympisches Wettrennen, bei dem der Sieger die Goldmedaille kriegt. Und es spricht einiges dafür, dass der Mann, der in der Regel die stärkeren Körperkräfte hat, die Tür hält, während die Frau mit ihren ausgeprägteren geistigen Fähigkeiten zuerst den Raum betritt und sich einen Überblick verschafft. Vielleicht kann sie dem Mann ja helfen, rasch eine bestimmte Person oder einen bestimmten Gegenstand zu entdecken. Aber wir wollen uns lieber nicht bei den traurigen 68ern aufhalten.

Die peinliche Situation weckt Ihren unstillbaren Durst, sich wirklich gut zu benehmen, und das ist wirksamer als alles andere. Knigge-Vorschriften zu pauken, die man im Grunde übertrieben findet, das führt nie zum Ziel. Denn, nicht wahr, richtig gut ist man ja nur dann, wenn man etwas wirklich will. Am besten ist eine Peinlichkeit, die Ihnen keinen Ausweg und keine Entschuldigung lässt. Man sagt ja immer, die Partys seien die besten, auf denen man selbst der unbedeutendste Gast ist, also auf der niedrigsten Stufe der Rangordnung steht. Solche Partys sind ideal für die Art von Initial-Erlebnis, von dem hier die Rede ist.

Stellen Sie sich mal vor, Sie sind eine ganz normale Journalistin, die nebenbei als Restaurantkritikerin jobbt. Eine große Dame der Gesellschaft lädt Sie zu sich nach Hause ein, und Sie haben keine Ahnung, was sie dazu bewogen hat, Ihnen diese Ehre zukommen zu lassen, aber egal. Sie sind supergerührt. Zurecht, denn außer Ihnen sind nur Milliardäre und Stars aus Film und Fernsehen da. Ihnen wird schmerzlich bewusst, dass Sie den durchschnittlichen Kontostand dieser ehrwürdigen Gesellschaft beträchtlich senken. Es gebe Pellkartoffeln, sagt die Gastgeberin mit noblem Understatement. Ein netter, mildherziger Milliardär hat Sie an seinen Tisch geladen. Irgendwann ermutigt er Sie, sich doch auch was vom Büffet zu holen. Sie sehen eine große Schüssel Kräuterquark mit Pfefferkörnern, und da Sie Kräuterquark mögen, schon, weil der nicht dick macht, füllen Sie sich zur Kartoffel drei große Löffel davon auf den Teller. Da kommt die Gastgeberin des Weges und flötet kritisch: „Oh, da will aber jemand dick werden.“ Sie hatten gerade die erste Gabel voll zum Mund geführt und voller Entsetzen festgestellt, dass es kostbare Kaviarsahne war und kein simpler Kräuterquark, den Sie sich da so großzügig auf den Teller geladen haben. Und nun muss die Gastgeberin ja denken, wegen Ihrer vergleichsweisen Armut wollten Sie die Situation ausnutzen und sich mal richtig den Bauch voll schlagen mit teuren Delikatessen. Was eine Katastrophe für Sie ist!!! Dass Sie da was verwechselt haben, können Sie unmöglich zugeben, denn Sie sind schließlich Restaurantkritikerin. Und Restaurantkritiker, das weiß nun wirklich jeder, kriegen den Unterschied zwischen Kaviar-Sahne und Kräuterquark bereits im allerersten Proseminar eingetrichtert. Dass Sie eine Kontaktlinse nicht finden konnten und dann einfach so losgerast sind, um möglichst keine Sekunde von dieser tollen Fete zu verpassen, können Sie auch schlecht sagen. Wie uncool wirkt denn das? Kein Ausweg in Sicht. Also die perfekte Ausgangssituation für den Einstieg in das neue Benimm-Konzept.

Damit Sie sich wirklich effizient peinlichen Situationen aussetzen können, unterbrechen Sie bitte an dieser Stelle die Lektüre, und begeben Sie sich erst mal in Gesellschaft. Lesen Sie frühestens nach der ersten Peinlichkeit weiter. Wenn Sie gar keine Zeit haben, dürfen Sie sich ersatzweise auch an eine vergangene Situation erinnern. Am besten schreiben Sie sie auf, um ein bisschen Salz in die Wunde zu reiben.

2. Du sollst Dir Vorbilder suchen

Früher reichte es aus einem ganz einfachen Grund aus, Protokollbücher zu büffeln. Ein Conte am spanischen Hof geriet nicht so schnell in Verlegenheit, sich in Peking oder Konstantinopel mit gleicher Nonchalance bewegen zu müssen, wie auf seinem eigenen Terrain. Heute ist das anders. Sie wissen natürlich, dass man sich in den USA meist beim Vornamen nennt, was aber, anders als unsere Politiker oft zu denken scheinen, nicht heißt, dass man sich auch gleich duzt. Und natürlich wissen Sie auch, dass man sich in Japan nicht selber nachschenkt. Aber dann haben Sie Ihren nächsten Businesstermin in Kalkutta oder Reykjavik und was dann? Sie können nicht die Benimm-Vorschriften von 180 Ländern studieren und sie ständig abrufbar haben. Schulwissen vergisst man ja auch. Oder können Sie noch das Wort „peccare“ durchkonjugieren? Sehen Sie!

Eine globale Gesellschaft verlangt eine härtere Schule als ein überschaubarer Königshof in den Zeiten der Renaissance. Suchen Sie sich Vorbilder! Sehen Sie fern. Blättern Sie Zeitschriften oder, noch besser, Zeitungen durch. Gehen Sie mit offenen Augen durch die Welt. Suchen Sie Menschen, die Ihnen wirklich richtig nett vorkommen und versuchen Sie, sie nachzuahmen. Kürzlich rief mich eine sehr schöne und sehr berühmte Schauspielerin an, die ich gewonnen hatte, etwas für diese Zeitung zu schreiben. Nein, sie ließ sich nicht durch ein Vorzimmer verbinden, und sie wollte auch nicht zicken oder Bedingungen stellen oder was anderes Schwieriges. Sie hat mich nur sehr nett und höflich gefragt, ob die Richtung, in die sie es schreiben wolle, wohl okay sei. Unnötig zu sagen, dass ich tief gerührt war und sie sofort in die Liste meiner Vorbilder aufgenommen habe. Irgendwelche vertrockneten Buchhalter, die sich das Etikett Manager umhängen, würden sich durch ein Vorzimmer verbinden lassen und würden, nachdem ihre Sekretärin den gewünschten Gesprächspartner rangeschafft hat, extra noch drei Minuten warten mit dem Aufpicken des Hörers, um zu zeigen, wie wichtig und viel beschäftigt sie sind. Leider kann ich kein Beispiel nennen, denn für solche Leute ist mir meine Zeit zu schade. Was immer sie wollen oder zu bieten haben, ich vergesse sie grundsätzlich sofort.

3. Du sollst Dir eine schimmernde Rüstung zulegen

In Ihrer Freizeit treten Sie anders auf als im Berufsleben, nicht wahr? Privat dürfen Sie verletzlich sein und angreifbar und auch mal im alten Jogging-Anzug rumlaufen. Im Job tragen Sie entweder Berufskleidung oder einen schicken Anzug, der Distanz ausatmet. Wenn Sie sich in Gesellschaft begeben, sollten Sie diese Spielregel berücksichtigen. Gehen Sie professionell da hinein. Verkleiden Sie sich! Eine Charity-Lady wird ein Abendkleid immer mit dem gleichen Stolz tragen wie ein Maurer seinen Blaumann. Machen Sie bloß nicht den Fehler, zu einer offiziellen Gala das Cocktailkleid anzuziehen, in dem Sie einst mit einem sehr geliebten Mann die erste Runde übers Parkett drehten. Das macht Sie nur befangen.

Gucken Sie sich im Fernsehen Übertragungen von verschiedenen gesellschaftlichen Ereignissen an und achten Sie darauf, was die Leute anhaben. Kleidungsstücke, die Ihnen besonders gefallen, sollten Sie sich nach und nach auch zulegen. Wichtig ist nicht das Designer-Etikett, das drin klebt. Völlig unverzichtbar hingegen ist die Tatsache, dass Sie sich in einem Kleidungsstück wohl fühlen müssen. Das hat nämlich einen ganz wichtigen Effekt auf Ihre Aura. Wenn Sie da raus gehen, kostümieren Sie sich wie ein Schauspieler, der sich auf die Bühne begibt. Dann kann Ihnen schon fast nichts mehr passieren.

4. Du sollst die Rüstung mit einem edlen Kern füllen

Vielleicht beginnen wir, indem wir der oben zitierten Gastgeberin die Bemerkung mit dem dick werden wollen verzeihen. Vermutlich fand sie sie schlicht schlagfertig, und das war sie in gewissen Grenzen ja auch. Ganz gewiss jedenfalls war sie sich nicht im Klaren darüber, dass sie damit das schwächste Glied in ihrer Fetenkette in Verlegenheit bringen würde. Denn sie war ja eine edle Frau, die nicht darauf guckt, wie viel Geld jemand in der Tasche hat, sondern sich an inneren Werten orientiert, und wenn sie Sie in dieser Hinsicht nicht als das schwächste Glied gesehen hat, könnte man ihre Bemerkung glatt als Kompliment auffassen. Außerdem musste sie aus den Restaurantkritiken ja wissen, dass Sie öfter mal Kaviar zu essen bekommen und gar nicht besonders scharf drauf sind. Und schließlich und endlich ist es gut für die eigene gesellschaftliche Performance, wenn man jemandem verzeiht. Erstens tun wir ihr damit ja einen Gefallen, wofür sie uns was schuldig ist, was in uns das schöne Gefühl der Überlegenheit heranwachsen lässt und uns in die Lage versetzt, ihr beim nächsten Mal mit einem nonchalanten Lächeln zu begegnen, was sich immer gut macht. Und zweitens muss man sich überwinden, um eine bei Licht betrachtet doch eher unangenehme Bemerkung zu verzeihen und um sich zu überwinden, muss man stark sein. Also souverän. Und nichts auf der Welt ist einem guten gesellschaftlichen Auftritt so bekömmlich wie Souveränität. Damit kriegen Sie später jedes Hummergabelproblem hingebogen.

Und selbst wenn die Souveränität nur auf einer Hypothese aufbaut, in diesem Fall auf der, dass die Gastgeberin schon wisse, dass Sie ihr mit dem Verzeihen einen Gefallen getan haben, verliert sie nicht an Wirkungskraft. Unter Pragmatikern zählt immer das, was zum Erfolg führt, egal wie verrückt der Weg dorthin ist. Souveränität ist wirklich das Alpha und Omega, wenn Sie sich unter die Leute begeben, egal ob es sich um ein Betriebsfest handelt oder um ein Staatsbankett. Dem Training dieser Souveränität können Sie gar nicht genug Zeit widmen.

Falls Sie sich zum Verzeihen doch nicht durchringen können, gibt es noch einen anderen Zugang zur fetentechnisch korrekten inneren Haltung. Denken Sie mal kurz darüber nach, ob es eher wichtig oder eher nützlich ist, in Gesellschaft zu gehen und Networking zu betreiben. Wichtig kann es ja nicht sein, denn es ist keine Frage auf Leben und Tod. Wäre es das, schwebte man in großer Gefahr, denn niemand garantiert einem, dass Netzwerke nicht aus seidenen Fäden gesponnen sind. Also reißen können. Was, wenn man dann durch das Loch fällt und tief fällt? In bodenlose Isolation? Nützlich sind die Netzwerke, das stimmt schon. Aber nützlich sind auch elektrische Zahnbürsten, sogar gesundheitsfördernd. Und doch gibt es Leute, die ohne solche Geräte leben und trotzdem noch alle Zähne im Mund haben.

5. Du sollst Mahlzeiten schätzen lernen

Jetzt sind Sie ja schon fortgeschritten, nicht wahr? Deshalb wissen Sie auch, dass es völlig egal ist, wie unübersichtlich der Besteck-Dschungel rings um ihren Teller herum ist. In den 50er Jahren, die die 68er so verachtet haben, obwohl sie so schlecht bestimmt auch nicht waren, da hatten die Leute noch Zeit. Also konnten sie sich damit aufhalten, das Aussehen von Hummergabeln und Schneckenzangen zu büffeln, um bei jedem Dinner als Experten auftreten zu können. Diese Einstellung hat sich trotz der 68er zum Teil bis in die Pretty-Woman-Ära gehalten. Heute geht das schon deshalb nicht mehr, weil niemand die Zeit hat. Macht aber nichts. Da Sie durch Ihre innere und äußere Rüstung inzwischen stark genug sind, heben Sie einfach irgend ein Ess-Werkzeug hoch, dessen Sinn sich Ihnen nicht erschließt, und sprechen Sie Ihren Nachbarn darauf an: „Wow, das sieht ja toll (wahlweise gefährlich oder bizarr) aus. Haben Sie eine Ahnung, was man damit macht?“ Wenn der Nachbar es auch nicht weiß, dann verwickeln Sie ihn in eine möglichst lustige Diskussion über die Nutzungsmöglichkeiten, die dieses Gerät in sich bergen könnte.

Ach ja, seit alle immer in Japan und China zu tun haben, ist es in gewissen Kreisen in, zu asiatischen Gerichten nur noch Stäbchen statt Messer und Gabeln zu servieren. Kürzlich war ich mal bei einem Lunch mit zwölf Personen. Einer konnte es, die anderen quälten sich, bis der erste den Mut fand, nach einer Gabel zu fragen. Wollen Sie wissen, wer der Held dieses Lunches war?

Ich habe mich redlich bemüht, das Essen mit Stäbchen zu lernen, aber es gelingt mir einfach nicht. Stäbchen sind wie höhere Mathematik für mich. Ich bin eben keine Japanerin. Was man mir, nebenbei gesagt, aber auch ansieht.

6. Du sollst noble Tugenden kultivieren

Neid war gestern. Wirklich. Nur noch gruselige Proleten mokieren sich über den Reichtum oder die Schönheit oder Berühmtheit ihrer glücklicheren Mitmenschen. Erinnern Sie sich noch an die Trümmerfrauen, die sich über Marlene Dietrich so aufregten, weil die „in Saus und Braus“ gelebt habe, während sie selbst, also die Trümmerfrauen, nur Staub gefressen haben? Okay, weil Staub ein bisschen vernebelnd auf die grauen Zellen wirkt, darf man ihnen diese unterirdische Einstellung vielleicht zugestehen. Aber man soll sie nicht nachahmen, indem man Politikern ihre Flugmeilen vorrechnet oder Popstars ihren VIP-Status. Würden Sie lieber in Nordkorea leben? Einer der letzten Bastionen des Kommunismus, der ja alle Menschen gleich machen wollte und umso wirkungsvollere Unterschiede zwischen Kadern und dem gemeinen Volk geschaffen hat? Es ist viel besser, wenn es Unterschiede gibt, weil man dann den Glücklicheren beobachten und ihm nacheifern kann. Der VIP-Status kommt nämlich meist mit einem Mehr an Energie und Fleiß und bewusst gepflegtem Talent. Vielleicht könnten Sie das auch haben, wenn Sie sich ein bisschen anstrengen. Mal ganz abgesehen davon, dass, siehe 2. Gebot, ein paar Vorbilder dringend gebraucht werden, damit die Leute endlich lernen, wie man sich gut benimmt.

7. Du sollst auf Äußerlichkeiten Rücksicht nehmen

Es ist nun mal eine oberflächliche Welt. Damit kann man hadern, darauf kann man schimpfen und sich ohne Ende grämen, dass gesellschaftliches Leben nicht mehr nur aus geschlossenen Honoratiorenrunden besteht, die nach festgelegten Regeln anspruchsvolle Diskussionen über Gott und die Welt führen, sondern manchmal und immer öfter eben auch aus unnützen Glamour-Galas und total verspielten Filmpremieren. Oder man kann die Situation analysieren und offensiv mit ihr umgehen: Ein perfekter Trick, mit dem man sich öffnet, um die ungeschriebenen Regeln rasch zu erfassen. Also ein angenehmer Partygast wird. Rücksicht hilft auch sehr verbohrten 68ern mit fortgeschrittener Knigge-Phobie, in Gruppen Räume zu betreten. Ohne sich blaue Flecken zu holen. Es ist im Grunde wirklich ganz einfach.

Eine zu ihrer Zeit berühmte Dame der Berliner Gesellschaft, eine Amerikanerin, pflegte jedem, der sich ihr näherte, ein fröhliches „Air Kiss, Air Kiss“ entgegen zu flöten. Wollen Sie wissen, warum sie so scharf auf Luftküsse war? Ganz einfach, sie war ein Profi. Auf die harte Weise hatte sie gelernt, dass Deutsche alles sehr gründlich tun, auch das Küssen. Wenn schon, denn schon. Aber so ein richtig kräftiger Schmatz auf die Wange zieht natürlich das Make-up in Mitleidenschaft. Und diese Dame war in ihrer Jugend mal Schauspielerin und wusste, wie hart man für ein richtig gutes Make-up arbeiten muss. Sie fand es einfach schade, wenn das Werk ihres Visagisten durch gutwillige Deutsche unfreiwillig zerstört wurde. Da sie aber eine nette und rücksichtsvolle Frau war, eine, die mitdenkt, hat sie einen charmant pädagogischen Stil entwickelt, um ihren Konversationspartnern aus der Steinzeit herauszuhelfen. Wahrscheinlich ist es ihr zu verdanken, dass sich der Air Kiss immer mehr durchsetzt, und die Frauen auch deshalb immer schöner wirken. Perfektion kommt eben nicht notgedrungen durch Goodwill und plumpe Gründlichkeit zustande. Sondern manchmal auch durch einen eleganten Verzicht.

Und da wir nun einmal endlich bei den Äußerlichkeiten angelangt sind, wird es höchste Zeit, die nach diesem Konzept korrekte Antwort auf die Bemerkung mit dem dick werden zu finden. Sie geht so: „Ach du liebe Zeit, ich dachte, das wäre Kräuterquark! Sorry, mein Diät-Coach killt mich, wenn er das erfährt. Ich weiß, es ist eine Sünde, aber darf ich’s trotzdem stehen lassen?“ Nicht bald danach verabschiedet man sich mit dem Hinweis, dass man bedauerlicherweise noch auf eine andere Veranstaltung muss und nimmt sich beim Rausgehen vor, die nächsten drei Events mit Milliardären einfach mal zu schwänzen. Schließlich hat man auch noch andere Probleme.

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