Zeitung Heute : Die sieben Stufen der Hölle

Malte Lehming

Doug ist 35 Jahre alt und prahlt damit, selbst dann keine Angst zu haben, wenn er Grizzlybären gegenübersteht. Ein abgebrühter Kerl also. Dieser Doug kommt strahlend durch eine Metallröhre ins Studio, setzt sich auf eine Art Zahnarztstuhl, schnallt sich wie im Flugzeug an und wird hydraulisch nach oben ins Rampenlicht gefahren. Dort ist er allein, umringt von mehreren lodernden Feuern, die gelegentlich sehr weit aufgedreht werden. Über Monitor ist Doug mit dem Moderator der Sendung, dem früheren Tennis-Star John McEnroe, verbunden. "Ich weiß, was es heißt, Druck auszuhalten", sagt der ganz in schwarz gekleidete Moderator. "Heute Abend brauchen Sie das Herz eines Champions."

Doch die aufgedrehten Feuer sind noch relativ harmlos. Es kann auch passieren, dass dem Kandidaten plötzlich ein lebensgroßes Krokodil vors Gesicht fällt. Erst beim zweiten Hinsehen stellt sich das Tier als eine zappelnde Fälschung heraus, die an Seilen hing. Das musste Alisa erleben, die Judokämpferin und ehemalige Polizistin. Nebenbei sollen Doug und Alisa ein paar Fragen beantworten oder sich Film-Sequenzen einprägen. Der Höchstgewinn liegt bei 250 000 Dollar.

Am Dienstagabend ging "The Chair" im US-Fernsehkanal "ABC", der zum Walt-Disney-Konzern gehört, zum ersten Mal auf Sendung. Die Regeln der Show sind eine Mischung aus Quiz und Horror. Nicht nur der Geist, sondern auch der Körper der Kandidaten müssten perfekt funktionieren, sagt McEnroe. Der Volksmund nennt das "Folter-TV". Die Vorauswahl der Teilnehmer ist streng. Ständig werden sie medizinisch untersucht. Nur die Fittesten werden akzeptiert. Und selbst die müssen eine Erklärung unterschreiben, in der sie bestätigen, über alle Risiken informiert worden zu sein. Damit sichert sich "ABC" gegen Klagen ab.

Links unten am Bildschirm ist für den Zuschauer ein kleines rotes Herz eingeblendet, das fortlaufend die Pulsfrequenz des Kandidaten zeigt. Vor der Sendung wurde dessen Normalwert ermittelt. Während der Sendung darf dieser Wert nicht um mehr als ein Drittel überschritten werden. Die magische Grenzzahl wird oben links gezeigt. Überschreitet der Kandidat diese Zahl, verliert er so lange Geld, wie er es nicht schafft, sich wieder zu beruhigen und seine Pulsfrequenz zu senken. Der 24-jährige David aus Kalifornien - "Ich bin sexy und selbstbewusst" - hatte von Anfang an so starkes Lampenfieber, dass er keine einzige Frage beantworten konnte, weil sein Herz dauerhaft etwa 140 Mal pro Minute schlug. Sein Normalwert hatte bei 80 gelegen. Weder Feuer noch ausgestopfte Krokodile waren notwendig, um David sofort ausscheiden zu lassen.

Noch härter als bei "The Chair" ging es am Sonntagabend beim Fernsehsender "Fox" zu. Dort lief die Premiere von "The Chamber". Das Konzept ist ähnlich. In einer Art Folterkammer werden die Kandidaten extremer Hitze oder Kälte ausgesetzt. Untermalt von düsterer Musik und angeschnallt auf einem metallenen Stuhl müssen sie sieben Ebenen der Qual durchstehen, jede davon "höllischer" als die vorherige, wie eine Stimme drohend verkündet. Der Stuhl hat Achterbahn-Eigenschaften. Der Kandidat kann ruckartig kopfüber gedreht werden. Zusätzlich ist er Vibrationen von Erdbebenstärke oder Sturmböen ausgesetzt. Wer die siebte und letzte Ebene übersteht, ohne zwei Fragen nacheinander falsch beantwortet und ohne länger als 20 Sekunden den "Stressquotienten" überschritten zu haben, bekommt 100 000 Dollar.

Der Idee der beiden Horror-Quiz-Sendungen liegt ein ganzheitlicher Ansatz zugrunde. Der Mensch soll nicht nur klug, belesen und aufmerksam sein, sondern auch gelassen, unerschrocken und duldsam. Das Letztere freilich sind Tugenden, die die Verantwortlichen von "ABC" und "Fox" erst noch lernen müssen. Weil "The Chair" und "The Chamber" sich so verdammt ähnlich sind, liegen die Produzenten in einem erbitterten Urheberstreit. Wer hat von wem geklaut?

Die erste Klage reichte die Produzentin von "The Chair" ein, Julie Christie (die mit der Schauspielerin nur den Namen gemein hat). Sie behauptet, vor einem Jahr mit dem Konzept der Show bei allen großen US-Sendern gewesen zu sein. Bei "Fox" sei man dermaßen begeistert gewesen, dass man ihr für die Rechte "alles, was Sie wollen" geboten habe. Trotz der Offerte sei sie schließlich zu "ABC" gegangen, weil ihr der Konzern die größte künstlerische Freiheit in der Umsetzung garantierte.

"Fox" konterte. In der Gegenklage erhebt der Sender den Vorwurf, die Produzenten von "The Chair" hätten im Vorfeld geheime Informationen über "The Chamber" erlangen wollen. Unter anderem soll versucht worden sein, den Hauptkoordinator von "The Chamber" abzuwerben. Der Streit eskalierte, je dichter der Premiere-Termin rückte. "Fox" hatte ursprünglich geplant, mit "The Chamber" am 20. Januar herauszukommen. Am vergangenen Mittwoch dann, während die Konkurrenz gerade die beliebten "American Music Awards" zeigte, kündigte "ABC" an, die Premiere von "The Chair" an diesem Dienstag, dem 15. Januar, auszustrahlen. "Fox" konterte erneut. Zwei Tage später hieß es, "The Chamber" werde bereits am Sonntag, dem 13. Januar, gezeigt. Die Zuschauer allerdings kamen durcheinander. Kaum eine Programmzeitschrift hatte die Änderung vermerkt. Die Einschaltquote am Sonntag war eher mäßig.

Der Streit ist symptomatisch. Das spannendste Reality-TV läuft in den Vorstandsetagen der großen amerikanischen Fernsehsender. Als "CBS" mit "Survivor" herauskam, wollte "Fox" mit "Boot Camp" mithalten. Auch dieser Streit wurde vor Gericht ausgetragen. Den jüngsten Coup hat NBC geplant. Am 3. Februar wird der "Super Bowl" übertragen, das Endspiel im Football, die Sendung mit den höchsten Einschaltquoten. In diesem Jahr hat sich "Fox" die Rechte daran gesichert. In der Halbzeit jedoch, dem großen Show-Event für die ganze Familie, wird "NBC" eine Playmate-Ausgabe von "The Fear Factor" zeigen. Das überwiegend männliche Publikum steht vor einer harten Entscheidung.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben