Zeitung Heute : Die Silberscheiben fassen bis zu acht Stunden Film in Super-Qualität - Ländercodes sind ein Problem

Paul Janositz

Zu Hause den Fernseher einschalten, die Scheibe in den Player stecken, die Beine hochlegen und Tarzan durchs Zimmer schwingen lassen. Tierlaute und Urschrei schallen von links nach rechts, von vorne nach hinten, der Betrachter fühlt sich im tiefsten Urwald, mitten im Geschehen. Bild und Ton wie im Kino liefert ein digitales Wiedergabe-System, das in den USA bereits viermillionenfach verkauft wurde und hierzulande - nach dem Weihnachtsboom - den Durchbruch geschafft hat.

Die silbern schimmernden Scheiben, die aussehen wie gewöhnliche CD, können bei gleichem Durchmesser eine bis zu 26fache Datenmenge speichern. Maximal 17 Gigabyte passen auf eine DVD, wenn beide Seiten mit jeweils zwei übereinanderliegenden Speicherschichten bedeckt sind. Die Daten liegen in kleinen Vertiefungen auf spiralförmigen Spuren in einer reflektierenden Aluminiumschicht vor - wie auf CD oder Minidisc.

Trifft der Laserstrahl auf diese so genannten Pits, so wird er abgelenkt, andernfalls reflektiert. Ein als Empfänger dienender Fototransistor erkennt daraus die Signale 1 oder 0. Die Pits sind im Vergleich zur CD von 0,83 Mikrometern auf 0,4 Mikrometer (millionstel Meter) verkleinert. Die Datenspuren sind dichter zusammengerückt, von 1,6 Mikrometer bei der CD auf 0,74 Mikrometer bei der DVD.

Um trotz enger Abstände die Daten noch zuverlässig lesen zu können, werden Laser mit kürzeren Wellenlängen eingesetzt. An Stelle des Infrarotlasers der herkömmlichen CD mit einer Wellenlänge von 780 Nanometern (milliardstel Meter) tastet jetzt ein roter Laser mit 640 Nanometern die Spuren ab. Um auf einer "DVD der Zukunft" noch mehr Daten speichern können, arbeitet die Industrie an noch kurzwelligeren Lasern, die weiter verkleinerte Strukturen möglich machen.

Bei zweischichtigen Scheiben ist die obere Schicht halbdurchlässig, die tiefer liegende Lage voll reflektierend, so dass beide Schichten mit derselben Laseroptik, jedoch unterschiedlicher Fokussierung, abgetastet werden können. Alle DVD-Geräte können zweischichtige Disks lesen. Zweiseitig bespielte Scheiben müssen umgedreht werden. Damit die Laufwerke auch eine herkömmliche CD lesen können, sind sie mit einem Zwei-Linsen-System ausgestattet. Eine einseitige DVD kann in einer Schicht 4,7 Gigabyte (GB) speichern, die doppelschichtige Scheibe kommt auf 8,5 GB, das reicht für vier Stunden Film.

Da mit dieser Technik erstmals ganze Filme in hoher Qualität digital aufgezeichnet werden konnten, erhielt die potente Scheibe zunächst den Namen "Digital Video Disk". Die Abkürzung DVD wurde auch beibehalten, als sich weitere Anwendungen abzeichneten. "Digital Versatile Disk", digitale vielseitige Scheibe, bedeutet das Kürzel jetzt, da die DVD auch für Audio-Zwecke (DVD-Audio) und als beschreibbares Superspeichermedium (DVD-ROM) eingeführt ist. Um DVD-ROM lesen zu können, muss der PC allerdings mit einem geeigneten Laufwerk ausgestattet sein. Software, die das Fassungsvermögen der DVD bereits ausnutzt, ist derzeit noch rar.

Dagegen sind DVD-Player mittlerweile in großer Auswahl verfügbar. Etwa 65 Modelle werden angeboten. "Bild- und Tonqualität sind beeindruckend", urteilen Stiftung Warentest (12/98) und die Zeitschrift Computerbild (16/99 und 23/99). Negativ werden schlechte Gebrauchsanleitungen und komplizierte Bedienung bewertet. Freuen können sich die Verbraucher über sinkende Preise, die gute Geräte bereits für 700 bis 1000 Mark verfügbar machen.

Die Zahl der Titel wird sich nach Branchenschätzung in diesem Jahr von rund 1000 auf das etwa dreifache und bis 2001 auf etwa 5000 erhöhen. Allerdings müssen sich die Nutzer mit Kopierschutz und so genannten Regionalcodes herumärgern. Mit diesen Sperren will die Filmindustrie verhindern, dass sich die DVD-Konsumenten die neuesten US-Kinohits zu früh zu Gemüte führen. Wer die Filmscheibe allerdings über PC abspielt, kann im Internet Software finden, die die Codes außer Kraft setzen.

Gegenüber herkömmlichen VHS-Kassetten haben DVD viele Vorteile. Theoretisch lassen sich bis zu acht Stunden Video in exzellenter Qualität speichern. In der Praxis wird das Potenzial für Zusatzangebote genutzt. Beispielsweise ist die Synchronisation in bis zu acht Sprachen oder bis zu 32 verschiedenen Untertiteln möglich. Hinzu können Informationen etwa zu Regisseur oder Schauspielern kommen.

Es sind bereits DVD-Videos auf dem Markt, die einzelne Filmsequenzen in verschiedenen Versionen zeigen. Beispielsweise können nicht jugendfreie Passagen durch andere Szenen ersetzt und so eine Art Kindersicherung eingebaut werden. Auch der Schluss lässt sich nach individueller Vorliebe gestalten. Wer keine Tragik möchte, steuert das Happy End an und umgekehrt.

Für eifrige Videogucker und Filmliebhaber dürfte sich der Einstieg in die neue Technik lohnen. Ein neuer Fernseher ist nicht nötig. Auf hochwertigen TV-Geräten sieht man die DVD-Vorzüge jedoch deutlicher, meint Warentest. Die DVD-Player liefern standardmäßig Dolby-Surround-Signale. Zur Hochform laufen die Superscheiben jedoch erst bei digitalem Surroundsound (AC-3) auf. Wer noch keinen geeigneten Recorder besitzt, für den empfiehlt sich ein DVD-Player mit integriertem AC-3-Decoder.

Trotz dieser Vorteile bevorzugen die meisten Videofans immer noch den VHS-Recorder, da dieser abspielen und aufnehmen kann. Doch die Lücke schließt sich, da Pioneer neuerdings einen Recorder für DVD mit 4,7 GB anbietet. Sony lässt sich bei der Entwicklung eines DVD-Recorders mit etwas mehr Kapazität noch etwas Zeit. "Schnellschüsse" seien nicht geplant, erst müsse die Frage des Kopierschutzes geklärt sein, sagt Myriam Hoffmann, Sony-Sprecherin. Zur Cebit präsentiert Sony tragbare DVD-Player mit und ohne Bildschirm. An den "DVD-Man" lässt sich eine Brille anschließen, die das Bild vor den Augen sichtbar macht.

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