Zeitung Heute : Die Sogkraftvon Berlins Medien

JOACHIM HUBER

Mammon und Macher: Im Ballungsraum aus Stadt und "Speckgürtel" glaubt ein jeder, einen Markt aus sechs Millionen Konsumenten für sich gewinnen zu könnenVON JOACHIM HUBERDen Wagemutigen gehört die Medienwelt.Auf jeden Fall in Berlin, wo mit Hörfunk und Fernsehen immer noch mehr Geld verloren als gewonnen wird.Trotzdem stehen die Investoren im elektronischen Bereich Schlange.Wenn der Radiosender Hundert,6 neue Finanziers sucht, sind sie im Münchner Thomas Kirch rasch gefunden; bricht das Fernsehen aus Berlin FAB zu neuen Programmufern auf, baut der Hamburger Medienunternehmer Frank Otto auch schon die Brücke; geht die TV-Station Puls TV in Konkurs, schnappen TV München, RTL Köln und andere nach der Frequenz.Nicht Glücksrittertum treibt die Interessenten an, sondern die Überzeugung, im Ballungsraum aus Stadt und "Speckgürtel" einen Markt aus sechs Millionen Konsumenten für sich gewinnen zu können. Die angekündigte Übernahme von Hundert,6 durch Thomas Kirch beendet eine Dekade und eröffnet eine neue.Gegründet 1987 als erster Privatsender in West-Berlin, hat der "Froschfunk" mittelständischen Unternehmern die Taschen gefüllt.Die Abwärtsbewegung trat mit dem Mauerfall ein, als der Medienanstalt Berlin-Brandenburg über die Sondersituation der geteilten und alliierten Stadt UKW-Wellen in Hülle und Fülle zur Vergabe zuwuchsen.Lizensiert wurde ein kommerziell ausgerichteter Hörfunk, der bei aller Vielfalt der Sender die programmliche Einfalt nicht leugnen kann und dem anspruchsvolleren öffentlich-rechtlichen Radio nur mehr ein Viertel der Hörer zubilligt.Waren 1991 nur fünf werbefinanzierte, aber 13 werbefreie Programme im UKW-Frequenzband zu finden, konkurrieren aktuell 18 Sender um Werbegelder, zu denen sieben werbefreie Angebote kommen.Im gleichen Zeitraum hat sich der Radio-Werbemarkt von knapp 70 Millionen auf über 170 Millionen Mark in 1997 ausgeweitet.Selbst bei dieser Expansion arbeitet unter den privaten Sendern die Mehrzahl noch defizitär.Ein Allerlei-Angebot besitzt in dem ausdifferenzierten Sortiment keine Akzeptanzchance mehr.Im Berliner Verdrängungswettbewerb triumphiert das "Konzeptradio", das über ein klar formatiertes (Musik-)Programm ein klar umrissenes Publikumssegment beschallt.Marktführer 104.6 RTL ist - überhöht betrachtet - der gelungene Versuch, mittels eines CD-Players am Sendemast einen massenhaften Kontakt zwischen Werbetreibenden und Konsumenten herzustellen.Das einträgliche RTL-Beispiel aber lockt, selbst wenn die Wartezeit eines heute lizensierten Senders bis zum ersten verlustfreien Monat mit dreieinhalb Jahren prognostiziert wird. Der stagnierende Werbemarkt und die verlängerte "Rotphase" verlangen einen langen Atem, den nur noch Stationen aufbringen können, die im Medienverbund agieren oder großen Medienhäusern angeschlossen sind.Radio Energy ist dann der Berliner Ableger einer ganzen Energy-Kette, Kiss FM in die Mediengruppe von Frank Otto eingegliedert.Die Sender sind vertikal und horizontal vernetzt, um die optimale Kontruktion bei Akquise und Einkauf, bei Marketing und Promotion zu erreichen.Thomas Kirch zum Exempel: in Bayerns Hauptstadt finden sich TV München, Radio Gong und Energy in einer Medienpartnerschaft, in der Hauptstadt sollen TV Berlin als Nachfolger von Puls TV und Hundert,6 Gleiches ermöglichen.Läßt sich im Hörfunk ein Engagement noch mit einstelligem Millionenbetrag kalkulieren, fordert das kommerzielle Ballungsfernsehen nach zweistelligen Raten.Und dabei sucht das teuerste aller Medien in Berlin noch seinen Werbemarkt.Zudem der schärfste Konkurrent, der SFB, nicht schläft.Das Fernsehen des ARD-Senders hat aus der bitteren Radio-Lektion seine Lehre gezogen.Als der erste ernsthafte Wettbewerber IA Ende 1993 den Bildschirm füllte, war das B 1-Programm hellwach und spielt seitdem das Quotenspiel zu seinen Gunsten.Mit der "Abendschauisierung" wurde zwar der Anspruch eines Metropolen-Fernsehens aufgegeben, doch konnte Puls TV niedergehalten werden.Jetzt tritt höchstwahrscheinlich der kleine Kirch als Wettbewerber auf.Damit werden auch beim Regional-TV die beim Hörfunk erprobten Konstanten Professionalisierung, Kommerzialisierung und Optimismus Einzug halten.Denn was immer Berlin erreichen will, bei Funk und Fernsehen ist es schon erreicht: höchste Sogwirkung für Mammon und Macher.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben