Zeitung Heute : Die Sonnenwender

Jahrhundertelang lag Viganella im Schatten, bis der Bürgermeister eine Idee hatte. Ein Spiegel wirft nun Licht vom Berg herab. Zur Weltpremiere kamen CNN und Al Dschasira.

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Von Susanne Stiefel Viganella besitzt eine eigene Sonne. Seit wenigen Tagen fängt ein Spiegel auf den Bergen die Sonnenstrahlen ein und schickt sie gebündelt auf den Dorfplatz hinunter ins schattige Tal. Lo specchio, sagen die Einwohner andächtig, der Spiegel hat das Leben freundlicher gemacht.

Alle waren schon da und haben ihre Scheinwerfer auf das Dorf im Piemont gerichtet: Das italienische Fernsehen und das deutsche. Iranische Kameraleute und japanische. BBC, CNN und Al Dschasira. Am 17. Dezember 2006 weihten die Bewohner die Sonne ein, die nur für sie scheint. Seitdem vergeht kein Tag, an dem nicht irgendjemand vorbeischaut und nach dem Spiegel fragt. Ein Journalist, der noch mehr wissen will. Ein Tourist, der von dem kleinen hartnäckigen Dorf nahe dem Lago Maggiore gehört hat. Oder einer der vielen Einwohner anderer Bergdörfer in Österreich, der Schweiz oder Spaniens, die auch von der Natur benachteiligt sind.

Jahrhundertelang war Viganella im Winter ohne Sonne. Aber Viganella hat auch einen Bürgermeister, der sich nicht so leicht schrecken lässt. „Kommen Sie, ich zeig Ihnen den Computer, der den Spiegel bewegt“, sagt Pierfranco Midali und rennt die Treppen des Rathauses hoch, als müsse er persönlich die Sonnenstrahlen einfangen.

Midali ist einer, der immer zwei Stufen auf einmal nimmt. An diesem Morgen kurz vor Weihnachten hat er schon eine Nacht im Führerhaus hinter sich. Die Augen sind klein, aber nicht müde, diesen Zustand scheint er nicht zu kennen. Midali ist Lokführer im Hauptberuf, ganz Oberitalien fährt er an, Milano, Villadossola, Domodossola. Und so nebenbei regelt er die Geschicke der kleinen Gemeinde, in die er vor 17 Jahren eingeheiratet hat, dank seiner Frau Paola, die hier seit ihrer Geburt lebt. Wie ihre Eltern auch schon und deren Eltern. Paola, die ihren Mann kaum mehr zu Gesicht bekommt, weil er so viele Rollen hat: Koch, wenn es ein Dorffest gibt. Lokführer, weil einer ja das Geld herbeischaffen muss. Und Sonnenexperte, weil sich sein Dorf auf diese Weise gut verkaufen lässt.

Denn Pierfranco Midali hat sich nicht nur in Paola verliebt, sondern auch in dieses Bergdorf: 197 Einwohner, sieben Kilometer von der nächsten größeren Gemeinde entfernt, eingekeilt im Antronatal zwischen zwei hohen Bergwänden. Die Talstraße schlängelt sich fast achtlos an Viganella vorbei, nur eine kurze Stichstraße führt bis zum Parkplatz vor der Barockkirche. Sackgasse. Dann kann man nur noch zu Fuß durch die Gassen und über steile Treppen weitergehen, vorbei an den maroden Natursteinhäusern mit Holzbalkonen, wo in Winkeln altertümliche Weidenkörbe stehen, in denen tatsächlich noch Heu vom Schober in den Stall getragen wird.

In Viganella ist die Zeit stehen geblieben. Seit acht Jahren ist Midali hier nun Bürgermeister und tut alles, um seinen Ort zu retten – doch sein Dorf stirbt aus, weil niemand von Schönheit allein satt wird. Die Schule hat schon in den 90ern dicht gemacht, weil die Jungen mit ihren Kindern wegziehen. Landwirtschaft wird an den steilen Hängen kaum mehr betrieben, eine andere Erwerbsquelle ist bisher nicht in Sicht. Tourismus könnte helfen. Doch bisher ist Viganella eine unbekannte Schöne, die Reisenden ließen das Dorf in dem engen Seitental auf dem Weg zum Lago Maggiore links liegen .

Pierfranco Midali will, dass sich das ändert. Unverdrossen hat er Geld für die Renovierung der Kirche, der Piazza und des alten Herrenhauses Casa Vanni mit seinen Rundbögen gesammelt. Doch der größte Coup ist dem Bürgermeister mit dem Spiegel gelungen. Denn der Spiegel hat Viganella in der ganzen Welt bekannt gemacht.

Angefangen hat alles mit einer Sonnenuhr. Die malte der Architekt Giacomo Bonzani vor sieben Jahren an die Wand der Kirche, ein filigranes Kunstwerk aus Linien und Zahlen, sorgfältig dem Lauf der Sonne folgend, die im Sommer hoch steht und im Winter flach, alles musste stimmen. „Schade nur, dass diese Uhr an 83 Tagen im Jahr nicht funktioniert“, sagte der Bürgermeister, als er das Gemälde sah.

Denn vom 11. November bis zum 2. Februar schafft es die Sonne nicht über die Bergkette im Süden. Und das heißt: Kein Licht für Viganella und damit auch kein Schattenzeiger für die Sonnenuhr. „Dann müssen wir eben dafür sorgen, dass die Sonne immer ins Dorf kommt“, sagte der Architekt, und mit diesem Vorschlag lag er beim Bürgermeister genau richtig.

Denn für visionäre Projekte ist Pierfranco Midali immer zu haben. Sie fanden einen Ingenieur, der die technische Tüftelarbeit übernahm. Sie fanden eine Firma, die Spiegel herstellt. Und am Schluss auch noch Sponsoren, die die 100 000 Euro aufbrachten, damit sie ihr Projekt realisieren konnten. Pierfranco Midali ist nicht nur schnell und niemals müde, sondern auch hartnäckig. Inzwischen prangt auch an seinem Privathaus, direkt hinter dem Rathaus, eine Sonnenuhr. Es ist eine Art Verdienstorden für den Mann, der für sein Dorf die Sonne vom Himmel holte.

Gesteuert wird sie, keine Frage, vom Amtszimmer des Bürgermeisters. Midali holt einen unscheinbaren Koffer vom Aktenschrank herunter, „das ist er“, sagt Midali, vergnügt zeigt er auf den kleinen Computer, der den Lauf des Lichts regelt. Midali rattert die Daten herunter, die er natürlich längst auswendig kann: 40 Quadratmeter messe der Spiegel oben auf dem Berg, er bestehe aus 14 Einzelspiegeln und wiege 22 Zentner. Das Handy bimmelt, „si si, ich bin gleich fertig“, schreit er fröhlich hinein. Wo waren wir? Ja, diese Einzelspiegel seien horizontal und vertikal beweglich, capito? Schließlich sollten sie, je nach tages- und jahreszeitlichem Lauf der Sonne, deren Strahlen einfangen und immer genau auf den Dorfplatz schicken, die Kirche beleuchten, die Bänke und die Gedenktafel für die Gefallenen der Weltkriege. Wieder das Handy. „Ja, die Fernsehleute sollen auf die Piazza kommen, ich brauche noch eine Minute.“ Damit die Spiegel so funktionieren, brauche es ein ausgeklügeltes Programm, und das alles sei in dem Computerkoffer oben auf dem Schrank.

Nicht, dass der Lokführer diesen Koffer anrühren würde, um etwa das Licht nur auf sein Haus oder das der Schwiegermutter zu lenken. Oder nur auf den, der anständig mithilft beim weihnachtlichen Dorffest. Midali lacht. Nein, für die komplizierte Programmierung ist der Ingenieur verantwortlich, und der Spiegel funktioniert auch erst seit heute. Was soll’s? Die Einweihungsfeier vor fünf Tagen war trotzdem schön, die Flamencotruppe aus der andalusischen Partnerstadt Huelva hat Wärme ins Bergdorf gebracht, schöne Reden wurden gehalten, die Kameras surrten, was bedeutet da schon eine kleine Panne?

„Ich komme“, ruft er in sein Telefon und hüpft die Treppenstufen vor dem Rathaus hinunter. Auf der neuerdings sonnenbeschienenen Piazza wartet das Fernsehteam. Wer nun Wärme und Licht erwartet, ist enttäuscht. Ein spanischer Kameramann ist eifrig bemüht, den zaghaften Schatten einzufangen, den Bürgermeister Midali beim Interview in der Kunstsonne wirft. Wer auf den 1100 Meter hohen Berg blickt, muss die Augen zusammenkneifen, denn von oben blendet der Spiegel. Doch die Strahlen, die er auf den schattigen Dorfplatz wirft, sind ein bisschen kümmerlich und tauchen den Platz in ein unwirkliches Licht – als ob jemand bei Tag das Flutlicht angeknipst hätte. Eine fahle, kalte Helligkeit, die niemanden wärmt und ganz sicher nicht bräunt.

Also alles doch nur ein Werbegag? So viel Aufwand für so ein bisschen Licht, Herr Bürgermeister? „Das ist doch erst der Anfang“, sagt Pierfranco Midali enthusiastisch. „Wir sind eben Pioniere, einer muss den ersten Schritt machen.“ Auch das Handy habe als Brikett angefangen und passe heute in jede Hemdtasche. Midali glaubt an den Fortschritt. Natürlich werde bald alles besser, die Technik optimiert, die Spiegel effektiver, das Licht stärker, das Programm weniger störanfällig. Die anderen werden es besser machen, damit hat der Bürgermeister keine Probleme. Ihm genügt es, dass er der Erste war.

Viele Dörfer liebäugeln mit der Spiegelsonne. Etwa das österreichische Rattenberg, mit Viganella durch das gemeinsame Schattendasein verbunden. Oder Personico im Tessin. Die meisten sind es leid, dass ihnen ein Berg im Winter die Sonne stiehlt. Ein Dorf, so erzählt man sich, hat schon zwei Meter eines Bergkammes abtragen lassen, um mehr Sonne zu erwischen. Auch der Bürgermeister von Personico will einen Spiegel. Ein Besuch in Viganella ist schon geplant.

Wenn wie jedes Jahr am zweiten Februar, an Maria Lichtmess, die Sonne nach Viganella zurückkehrt, begrüßen die Bewohner sie mit einem großen Fest. Dann fühlen sie sich nicht mehr in ihrem Dorf wie in einem dunklen Zuschauerraum, während um sie herum die Sonne den Bergspitzen glitzernde Kronen aufsetzt. Winterliche Düsternis macht nicht eben fröhlich, und auch wenn sich Viganella an die depressive Dunkelheit gewöhnt hat – warum soll die Technik nicht helfen, das Leben ein bisschen angenehmer zu machen?

Ave zupft sich die Lockenwickler zurecht, die sie unter einem Kopftuch versteckt, lächelt ihr Zahnlückenlächeln und tätschelt der Fernsehfrau den Unterarm. „Wir sind glücklich, dass wir nun die Sonne haben“, sagt sie laut, „sehr, sehr glücklich.“ Was sich denn geändert habe?, fragt die Reporterin. „Einfach alles, das ganze Leben“, sagt Ave dramatisch, ihr Mann Celso lächelt. Beide sind um die 70 und seit Neuestem ab und zu im Fernsehen.

In der Bar delle Alpi sitzen ein paar Männer beim Kartenspiel, heute ist der kürzeste Tag des Jahres, doch die Karten sind interessanter als die künstliche Sonne. Nur Barista Franco Rolandi wird nicht müde, den Spiegel zu loben. Riesiger Fortschritt, interessante Entwicklung, all die Neugierigen, die von der spiegelnden Neuigkeit oben auf dem Berg angelockt werden: Franco Rolandi redet von mehr Licht und hofft auf mehr Kunden. Von den paar Einheimischen, die kaum konsumieren beim Kartenspielen, kann er nicht leben. Vielleicht wird der Spiegel ja zum Motor für sanften Tourismus. Das alte römische Wegenetz könnte für Wanderer und Mountainbiker ausgebaut werden.

Lo specchio, in die vielen Hoffnungen hat sich auch ein bisschen Neid gemischt. Aber Pierfranco Midali ficht es nicht an, dass ihm die einen den Ruhm neiden und andere ihn für einen Aufschneider halten. Und über die, die über den Aufwand um das kleine bisschen Licht auf seiner Piazza spotten, lacht er: „Wärme und Romantik durch Technologie, das ist doch schön.“ Und wenn ein Sonnenbrillen-Designer käme und ihn als Modell wollte? „Dann setze ich mich mit einer Sonnenbrille auf meine Piazza“, sagt der Lokomotivführer. Denn für sein Viganella würde er alles machen.

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