Zeitung Heute : Die Sorglosen und ihr Skandal

Arbeitslosigkeit? Steuern? Kein Problem in Kanada. Wie soll man da Wahlkampf machen?

Christoph von Marschall[Ottawa],Montreal

Der Rideau Canal in Ottawa ist im Kältehoch mit minus 27 Grad so fest zugefroren, dass viele mit Schlittschuhen zur Arbeit fahren. „Bringen Sie mal bei den Temperaturen die Bürger dazu, die Haustür für uns aufzumachen“, sagt Mona Fortier, Mitte 20, Wahlkampfmanagerin des liberalen Abgeordneten Mauril Belanger. Ein Gutteil ihrer Arbeit besteht darin, den freiwilligen Wahlhelfern hinterherzufahren, damit die sich im beheizten Van mit einem Kaffee aufwärmen können.

Der Ärger der Bürger, dass sie nach nur anderthalb Jahren wieder an die Urnen müssen, schlägt den Abgeordneten bei jeder Wählerversammlung entgegen, besonders denen der liberalen Minderheitsregierung von Paul Martin. Keine Debatte, bei der sich nicht jemand über „the scandal“ erregt – oder, im französischsprachigen Quebec, über „la corruption“. Von den Millionen, die für Öffentlichkeitsarbeit gedacht waren, um die Frankophonen nach dem knapp gescheiterten Unabhängigkeitsreferendum 1995 von ihren Abspaltungsplänen abzubringen, sind beträchtliche Summen in die Taschen liberaler Parteifreunde geflossen.

Die vorgezogene Wahl heute wird die Konservativen nach zwölf Jahren wieder an die Macht bringen, zehn bis 13 Prozent Vorsprung haben sie in den Umfragen – eine kleine Kulturrevolution für das extrem Bush-kritische Kanada, das sich, seit George W. im Weißen Haus amtiert, mit doppeltem Eifer als sozialdemokratisch und europäisch von den USA abhebt.

Im Wahlkampfbüro des Liberalen Mauril Belanger hängen zwei ältere Damen und ein grauhaariger Herr ununterbrochen am Telefon: 20 000 Anrufe haben sie sich in den letzten Wochen vorgenommen, um sicherzustellen, dass die Anhänger auch bei widrigem Wetter wählen gehen. „Wie kommen Sie ins Wahllokal, brauchen Sie einen Fahrdienst?“ An der Wand hängen Stadtpläne, auf denen die Straßen blau, rot und grün markiert sind – je nachdem, wo Belanger Hausbesuche gemacht hat, in welchen Vorgärten er ein Plakat aufstellen durfte, wo das Faltblatt mit den zehn Gründen, liberal zu wählen, verteilt wurde. Rot wie das Ahornblatt in Kanadas Flagge ist die Farbe der Liberalen, Blau die der Konservativen.

Ottawa-Vanier, ein bürgerliches Viertel mit überdurchschnittlichen Einkommen, war bisher verlässlich rot. 26 000 Stimmen, fast 50 Prozent, hat Belanger 2004 geholt, 13 000 Stimmen Vorsprung vor dem Nächstplatzierten, ein dickes Polster in Kanadas einfachem Mehrheitswahlrecht nach britischem Vorbild. Aber angesichts des politischen Gegenwindes will der beleibte 50-Jährige „nichts für garantiert nehmen“ und macht sich nachmittags abermals zu Hausbesuchen auf.

Abends bei der Kandidatendebatte im Mehrzweckraum eines Altenheims illustrieren die Fragen der Bürger, was für ein glückliches und ökonomisch gesegnetes Land Kanada 2006 ist – und welchen Unmut der Skandal ausgelöst hat trotz der Erfolgsbilanz der Liberalen. Steuern, Jobs, Gesundheitssystem: Die Sorgen europäischer Industriestaaten spielen hier keine Rolle. Arbeitslosigkeit ist so gut wie unbekannt, die Hälfte der Firmen klagt über einen Mangel an Fachkräften und hofft auf mehr Einwanderung. Seit acht Jahren vermelden die Regierungen Haushaltsüberschüsse, bei Pisa liegt Kanada weit vorn. Die Provinz Alberta verfügt über die zweitgrößten Ölreserven der Welt nach Saudi-Arabien.

120 Bürger sind gekommen, quer durch alle Altersgruppen, graues Haar ist in der Mehrheit, dazwischen Schwarze, Asiaten und zwei schwule Paare mit Ohrringen. Zwischendurch kräht ein Baby. An der Wand hängen Dartboards. Was tun gegen Aids in Lesotho, gegen Menschenschmuggel und Zwangsprostitution, wie stehen die Kandidaten zum Klimaschutzabkommen von Kyoto, wer sichert die Lebensmittel gegen Pestizide, wann erhöht die Regierung die Entwicklungshilfe endlich auf 0,7 Prozent des Bruttosozialprodukts? Und: Wie hält man Kanadas Provinzen in einem gemeinsamen Staat zusammen? Die Fragen sind knapp, keine Antwort dauert unter dem strengen Blick des Moderators länger als zwei Minuten, fundamentale Gegensätze zwischen Liberal, Konservativ, Linksdemokratisch oder Grün sind nicht herauszuhören. Nicht einmal wird der Ton laut oder erregt, von Beschimpfungen ganz zu schweigen. Ein Muster an demokratischer Kultur? Ein schon fast beängstigendes Maß an „political correctness“?

„Die Kanadier wollen einen Wechsel der Führung ohne einen Wechsel der Politik“, sagt Andrew Cohen, Professor für Journalismus und internationale Politik an der Universität Ottawa. Früher hat der 46-Jährige als USA-Korrespondent kanadischer Zeitungen in Washington gelebt. „Anders als in den Vereinigten Staaten gibt es breiten Konsens in Kanada: für Abtreibungsfreiheit und die Homo-Ehe, gegen die Todesstrafe und den Irakkrieg, aber für Friedenseinsätze in Afghanistan, auch wenn die Tote fordern.“ Alles in allem eine skandinavisch gezähmte Version der USA. Was für Folgen würde ein Machtwechsel haben? „Die Konservativen wollen einen schlanken Staat und eine schwächere Zentralregierung.“ Über die Versuche, den konservativen Spitzenkandidaten Stephen Harper als kanadische Bush-Kopie anzugreifen, kann Cohen diesmal nur lachen. 2004 hatten sie damit Erfolg. Damals bot Harper durch ideologischen Rigorismus Angriffsflächen, wetterte gegen die Homo-Ehe, lehnte das Kyoto-Protokoll ab und verteidigte Bushs Pläne, einen Raketenabwehrschirm zu bauen, der auch Kanada schützt. Aus seiner klaren Niederlage 2004 hat der 46-jährige Ökonom, der als Redenschreiber und Kommentator Karriere machte, gelernt. Frühzeitig hat er sich diesmal in der Mitte positioniert, hat sich einen sanfteren Haarschnitt verpassen lassen und versprochen, die bereits geschlossenen Homo-Ehen anzuerkennen. „Ein Sieg der Konservativen, kein Sieg des Konservatismus“, fasst Cohen das erwartete Wahlergebnis zusammen.

Tags drauf in Montreal, 180 Kilometer weiter westlich. Eine leichte Erwärmung auf minus 17 Grad hat Eisregen mit sich gebracht, der die Straßen in Rutschbahnen verwandelt. Am Universitätshügel hat die Feuerwehr die abschüssigen Gassen komplett gesperrt. Die Mehrzahl der wenigen Passanten trägt Überschuhe, in deren Sohle Metallspikes eingelassen sind.

Montreal mit seiner europäisch anmutenden Architektur im Zentrum soll also die Höhle des Löwen sein. Der separatistische Bloc Quebecois war das einzige Thema, bei dem in der Hauptstadt Ottawa ernste Sorgen zu hören waren, bei der Wählerversammlung im Altenheim wie im Gespräch mit Politikprofessor Andrew Cohen. „Kanada ist das einzige G-8-Land, das durch eine Wahl seine Einheit verlieren kann“, hatte Cohen geseufzt. Die Referenden über die Unabhängigkeit in Quebec 1980 und 1995 scheiterten nur knapp, es fehlten wenige tausend Stimmen. Bei Wahlen holt der Bloc um die 45 bis 50 Prozent in der Provinz.

Parteichef Gilles Duceppe ist ganz in Schwarz gekleidet, der Kontrast lässt das kurze, leicht gewellte, hellgraue Haar umso silbriger wirken und die blauen Augen ein wenig wässerig. Im Sitzen wirkt er schlank und das Jackett übergroß. Erst wenn er aufsteht, sieht man, dass der Zweireiher dem 58-Jährigen hilft, den Bauch zu verbergen. Das Interview für den lokalen Kabel-TV-Sender „Musique plus“, der sich an junge Hörer unter 25 wendet, gibt er auf einem Sofa, den Oberkörper vorgebeugt. Nur das Wippen der Fußspitzen verrät eine leichte Anspannung. Die Stimme ist leise, selbst Kanadas Separatisten wirken noch skandinavisch gezähmt. Im Plauderton begründet er seinen Wunsch nach Unabhängigkeit. „Wir leisten gute Arbeit, die jungen Leute hier bei uns sollen den Nutzen haben“, sagt er – und jeder versteht, was er meint: Schluss mit den Steuerzahlungen an Ottawa.

Draußen wartet der Wahlkampfbus, ganz in Hellblau, geschmückt mit der Lilie, dem Wappensymbol der französischen Bourbonen wie der Provinz Quebec, und dem Parteislogan „Zum Glück ist der Bloc da!“ Der hintere Teil des Busses ist ein kleiner Salon: braunes Ledersofa, zwei gepolsterte Bambussessel. Gilles Duceppe wischt alle Einwände beiseite. „Natürlich ermuntert uns kein Staat auf der Welt. Aber wenn wir erst mal unabhängig sind, wird jeder mit uns Geschäfte machen wollen.“ Wobei die Wirtschaft nicht das treibende Motiv ist für den Wunsch nach frankophoner Souveränität, sondern die Kultur.

Das Ressentiment gegen Ottawa verfängt auch bei der Jugend, die Korruptionsaffäre hat es noch verstärkt. Die jungen Moderatoren von „Musique plus“ sympathisieren mit der Unabhängigkeit, können aber keine handfesten Argumente nennen. Sie haben das Gefühl, dass alles, was sie gut an Kanada finden – Wohlstand, Toleranz, Abgrenzung zu den USA, sozialer Frieden – garantiert bliebe, aber noch ein Mehrwert an Identität hinzukäme. „Wir könnten Teil von etwas Neuem sein.“

Gretta Chambers, 79-jährige Ex-Präsidentin der McGill-Universität, ganz elegante Dame und Weltbürgerin, sagt altersweise: „Eigentlich geht es nicht um Separatismus, sondern um das Gefühl von Selbstbestimmung.“ Sie hat in beiden Referenden für den Zusammenhalt gekämpft. „Eine Stimme für den Bloc ist nicht automatisch eine Stimme für die Abspaltung.“ Wer nicht liberal wählen wolle, „parkt seine Stimme beim Bloc“.

Das könnte sich ändern: Die letzten Umfragen versprechen eine kleine Kulturrevolution. Der Bloc wird sein gutes Ergebnis von 2004 nicht wiederholen, die bisher in der Provinz chancenlosen Konservativen haben gute Aussichten auf einige wenige Mandate in Quebec. Ihr Spitzenkandidat Stephen Harper wirbt für einen neuen Finanzausgleich zwischen Zentralregierung und Provinzen. Und – er spricht ein kultiviertes Französisch.

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