Zeitung Heute : Die späte Wut

Galiciens Küste zwei Jahre nach der Ölpest

Ralph Schulze[Santiago de Compostela]

Victors Beruf ist Muschelsucher, so heißt das. Dabei sucht er die Muscheln nicht, er fischt nach ihnen. Aber er fischte auch keine, monatelang. Monatelang fischte er Ölklumpen. Victors Beruf war damals Ölklumpenfischer.

Er steht auf der Straße und sagt: „Seit der Tanker auseinander brach, träume ich jede Nacht von der Katastrophe.“ Der griechische Schrotttanker „Prestige“, beladen mit 77000 Tonnen Schweröl, in Seenot geraten vor der Nordwestküste Spaniens am 13. November 2002. Sechs Tage später brach er auseinander und sank. 2000 Kilometer Küste wurden verseucht. Es war die schlimmste Ölpest in Westeuropa, die schlimmste Umweltkatastrophe in Spanien. Sie ist für die Betroffenen noch immer nicht verdaut. Und sie hat einen Rechtsstreit um Schuld und Milliarden-Entschädigungen ausgelöst.

Am Samstag laufen deshalb 20000 Menschen durch Santiago de Compostela, die berühmte Haupt- und Pilgerstadt Galiciens, es ist eine Demonstration, sie rufen: „Nunca máis“. Das ist Galicisch, es heißt nie mehr. Sie haben Transparente dabei, auf denen das steht, und manche haben sich die Losung auf ihre Jacken, vor die Brust, gesteckt. Sie protestieren gegen jene behördliche Pannenserie, die Mitte November 2002 die Ölpest noch verschlimmert hatte. Die damalige konservative Regierung Spaniens von Premierminister Jose Maria Aznar hatte den leckgeschlagenen Tanker tagelang übers Meer schleppen lassen.

Wochenlang war das Ausmaß der Katastrophe vernebelt worden, es gab amtliche Erklärungen, in denen es hieß: „Es gibt keine Ölpest“. Tausende Fischer kämpften mit Eimern, Schaufeln und mit Bratpfannen gegen die Ölflut, während die Behörden zunächst hilflos zusahen.

Inzwischen werfen Fischer wie Victor wieder ihre Netze aus und sammeln wieder Muscheln. Entenmuscheln, eine Delikatesse und gut bezahlt. Sie fangen aber bis zur Hälfte weniger davon als früher. Immer noch verheddern sich Ölklumpen in den Maschen. Und immer noch sind, trotz zweijähriger gigantischer Reinigungsarbeiten, einige Strände und Klippen ölverschmiert.

Nach offiziellen Angaben bleiben noch 66000 Quadratmeter Küste zu säubern, was etwa acht Fußballfeldern entspricht. Nicht eingerechnet sind die unsichtbaren Ölablagerungen auf dem Meeresboden. Das „Prestige“-Wrack, das in 4000 Metern Tiefe auf dem Atlantikgrund liegt, wurde bis vor sechs Wochen – so gut es ging – leer gepumpt. 1500 Tonnen Öl konnten den Behörden zufolge nicht aus dem Rumpf geborgen werden. Unabhängige Experten aus Spanien und den USA sagen, dass deutlich mehr davon im löchrigen Laderaum geblieben ist. Es ist die Rede von 20000 Tonnen.

Derweil wird vor Gericht gegangen. Prozesse wurden gegen den Kapitän der „Prestige“ angestrengt. Aber auch gegen die spanischen Seebehörden, die den Befehl gaben, die havarierte „Prestige“ aufs Meer zu schleppen. Zugleich wurde jenes internationale Schifffahrtsregister ABS, das der altersschwachen „Prestige“ Seetüchtigkeit bescheinigte, von Spanien auf eine Milliarde Euro Entschädigung verklagt. Das Nachsehen haben in diesem juristischen Ringen zehntausende Menschen – wie Victor – aus der Fisch- und Tourismusindustrie. Der internationale Versicherungsfonds, der bei Ölunfällen wie dem vor der galicischen Küste zahlen soll, hat bisher erst 57,5 Millionen Euro ausgeschüttet. Die Fonds-Obergrenze liegt bei 170 Millionen. Es ist ein Sechstel des auf mindestens eine Milliarde Euro geschätzten Schadens.

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