Zeitung Heute : Die SPD als Bremser

GERD APPENZELLER

Das ist für viele Berliner Kinder und ihre Eltern vermutlich kein gelungener Ferienauftakt gewesen! Von den 2400 Mädchen und Jungen, die für die fünften Klassen der sogenannten grundständigen Gymnasien angemeldet worden waren, erfuhren die meisten auch am letzten Schultag nicht, ob sie nach den Sommerferien auf die Schule ihrer Wahl gehen können.Vermutlich wird nichts daraus werden, denn der Senat hat die Entscheidung darüber unterlassen, ob an weiteren Gymnasien fünfte und sechste Klassen eingerichtet werden können.Die Sozialdemokraten, die sich gegen diese Öffnung sperren, hatten für den Fall der (vorhersehbaren) Abstimmungsniederlage mit Koalitionsbruch gedroht.So drückte man sich eben.

Für 99 Kinder, die im Herbst aus dem Bonner Raum mit ihren Eltern nach Berlin kommen und sich für fünfte oder sechste Gymnasialklassen angemeldet haben, ist das nicht weiter tragisch.Sie werden, so sagte die für das Schulwesen verantwortliche Senatorin, nach Begabung und Neigung in die Berliner Schulen "eingefädelt".Frau Stahmer weiß schließlich, daß das ausgefallene und unflexibel angewandte Berliner Schulsystem bei den umzugswilligen Regierungsmitarbeitern nicht gerade den besten Ruf hat .Die Landeskinder können mit solcher Vorzugsbehandlung nicht rechnen.Auf ihrem Rücken wird ein geradezu unglaublicher, teilweise ideologiebefrachteter Streit über die Schulpolitik ausgetragen, für den in erster Linie Teile der SPD und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, GEW, verantwortlich sind.Die GEW argumentiert dabei ausgesprochen zynisch, wenn sie der CDU vorwirft, sie instrumentalisiere im Streit um die grundständigen Gymnasien den Elternwillen.Eine Kernaufgabe demokratischer Politik ist es, Bürgerwünsche aufzugreifen und wiederzuspiegeln.Wenn die Gewerkschaftsspitze das für falsch hält, sollte sie über ihr Rechtsstaatsverständnis nachdenken.

Die besondere Ironie der sozialdemokratischen Taktik der Verzögerns und Verweigerns liegt darin, daß führende Parteimitglieder ohne die geringsten Berührungsängste ihre Kinder auf genau jene grundständigen Gymnasien schiêken, deren Ausweitung sie ablehnen.Aus dem propagierten, angeblich gleichen Recht für alle wird so ein Sonderrecht für Privilegierte, denn wenn es nicht genügend fünfte Klassen an Gymnasien gibt, werden sich im Kampf um die wenigen Plätze oft jene mit den besseren Beziehungen oder mit der Fähigkeit durchsetzen, politischen Druck zu erzeugen.Da ist es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis Berliner Eltern unter Berufung auf die Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes im Grundgesetz den Weg nach Karlsruhe gehen werden.Und was ist mit den aus dem Großraum Stuttgart nach Berlin kommenden debis-Mitarbeitern? Werden ihre Kinder demnächst auch bevorzugt in die fünften und sechsten Klassen "eingefädelt", oder sind sie, wie die Berliner, Bildungsanwärter zweiter Klasse?

Die SPD macht den Berliner Kindern, ihren Eltern und letztlich auch sich selber mit ihrer Starrköpfigkeit das Leben unnötig schwer.Es geht nicht um die Abschaffung des Berliner Schulsystems, sondern um seine Differenzierung.Da die Entscheidung für oder gegen ein Gymnasium in der Tat nicht zwingend nur nach der vierten oder nur nach der sechsten Grundschulklasse getroffen werden kann, sollten beide Möglichkeiten in ausreichender Zahl und vor allem flächendeckend vorhanden sein.In der Kombination mit dem Angebot der Orientierungsstufen und der Gesamtschulen, die ja noch durchlässiger reagieren können, liegt der Reiz eines Schulsystems, das wirklich individuelle Bildungsentscheidungen ermöglicht.Wenn die SPD das nicht begreift, wird die weitere Entwicklung sie überrollen.Aufhalten läßt sie sich jedenfalls nicht.

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