Zeitung Heute : Die SPD ist Berlins stärkste Partei

BERLIN . Die SPD ist auch in Berlin als stärkste Partei aus der Bundestagswahl hervorgegangen.Nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis erreichten die Sozialdemokraten 37,8 Prozent (West 39,6/Ost 35,1 Prozent).Die Sozialdemokraten gewannen neun von dreizehn Wahlkreisen.Wermutstropfen: Der stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende Wolfgang Thierse konnte erneut kein Direktmandat im Wahlkreis Mitte/Prenzlauer Berg erringen.Dort siegte die Berliner PDS-Vorsitzende Petra Pau.Erhebliche Verluste mußte die CDU hinnehmen.Sie kam auf 23,7 Prozent (West 29,5/Ost 14,7 Prozent) und gewann kein Direktmandat.Die Grünen konnten leicht zulegen und erhielten 11,3 Prozent (West 13,5/Ost 7,9).Christian Ströbele verpaßte im Wahlkreis Kreuzberg/Schöneberg das erste Direktmandat für das Bündnis 90/Grüne.Die PDS gewann vier Direktmandate in Berlin, verlor aber 1,3 Prozentpunkte gegenüber 1994.Direktmandate für die PDS holten neben Petra Pau auch Gregor Gysi (Hellersdorf/Marzahn), Christa Luft (Lichtenberg/Friedrichshain) und Manfred Müller (Hohenschönhausen/Pankow/Weißensee).Anders als 1994, als die CDU in sechs Wahlkreisen vorn lag, blieb sie diesmal ohne Direktmandat

So stark hat Gerhard Schröder wahrscheinlich seine Stimme über Monate nicht strapaziert wie die Berliner Sozialdemokraten an einem Abend.Im Willy-Brandt-Haus bei der SPD herrscht schon vor Schließung der Wahllokale Silvesterstimmung.Der Countdown bis zur Prognose wird mit dem Fernsehmoderator mitgezählt.Dann ist kein Halten mehr.

Plötzlich trifft man nur noch Sozialdemokraten, die den Sieg bis zur Gewißheit geahnt hatten.Rotwein und Bier fließen in Strömen, am Buffet stehen lange Schlangen; es riecht nach Kartoffelsalat und Buletten.Es muß Jahrzehnte her sein, daß sich Berliner Genossen so glücklich in den Armen lagen.An diesem Abend darf geküßt, gelacht, vor Glück geweint und vor Aufregung geraucht werden, bis die Aschenbecher überlaufen und die Luft zum Schneiden dick ist.

"Kohl ist weg!" skandieren junge Leute mit hochgereckten Armen, und: "Sozialismus jetzt oder nie!" Schon die Fernseh-Wiederholung alter Umfragen, nach denen die SPD vorn lag, löst Jubelstürme aus: "Jawoll ja!" Und die Prognose wird mit Jubel kommentiert, so daß keiner mehr sein eigenes Wort versteht.Für die PDS gibt es ebenso übermütige Buhrufe, die könnte ja Rot-Grün vermasseln.

"Die benehmen sich hier alle, als sei das schon das Ergebnis", meint eine alte Fahrensfrau kopfschüttelnd.Aber wenn der Trend rollt, dann rollt er.Selbst der Landesvorsitzende Detlef Dzembritzki bekommt vom rauschenden Beifall etwas ab.Und es dauert nicht lange, bis jemand aus dem oberen Stockwerk eine Fahne herunterläßt: "Rot-Grün jetzt!" gru

Die Berliner CDU erwies sich nach den ersten Hochrechnungen als tief enttäuschter, aber doch fairer Verlierer.Auf der Wahlparty der Union im neuen Haus der Konrad-Adenauer-Stiftung gratulierte CDU-Landeschef Eberhard Diepgen dem Wahlsieger SPD.Er gehe davon aus, daß auch bei einer nur hauchdünnen Mehrheit im Bundestag Rot-Grün die nächste Bundesregierung bilden werde.Was dies für die Hauptstadt Berlin bedeuten könne, sehe er "mit einer gewissen Sorge."

Die Christdemokraten in Berlin müßten jetzt aber nach vorne schauen mit dem Ziel, die Abgeordnetenhauswahl 1999 zu gewinnen.Auch der CDU-Generalsekretär Volker Liepelt versprach, "daß wir mit Blick auf die Berliner Parlamentswahlen im nächsten Jahr schon bald in die Gegenoffensive gehen werden." Er warnte die SPD davor, angesichts des Wahlergebnisses "übermütig zu werden." Aber niemand rechnet ernsthaft damit, daß wegen des Wechsels in Bonn die große Koalition in Berlin vorzeitig aufgelöst wird.Die CDU-Parteiführung begann bereits gestern, auf der gut besuchten Wahlparty, die Parole "Jetzt erst recht" auszugeben.Und gegen einen SPD-Spitzenkandidaten Walter Momper werde man gern den Wahlkampf organisieren, meinte CDU-Fraktionschef Klaus Landowsky. za

In Berlin hat Bündnis 90/Grüne zugelegt, das zeichnete sich nach ersten Hochrechnungen um 20.30 Uhr ab.Doch für die 2500 Anhänger der Partei, die sich im Prater in Prenzlauer Berg versammelt hatten, ist das nicht die Botschaft des Abends.Die lautet: "Kohl ist abgewählt." So freut sich Vorstandssprecher Andreas Schulze schon kurz nach der ersten Prognose.

Auf einer Leinwand verfolgt die grüne Anhängerschaft dichtgedrängt die Hochrechnungen.Als Gerhard Schröder wortgewaltig von einem "Generationswechsel" spricht, kommt Christian Ströbele in den Saal.Der 59jährige wird von einem Heer von Kameras umlagert.Er ist noch immer einer der prominentesten Grünen.Schon nach ersten Hochrechnungen muß er anerkennen, daß er zwar in Kreuzberg vorn liegt, in Schöneberg jedoch weit abgeschlagen ist.

Damit sind die Träume vom ersten grünen Direktmandat geplatzt.Für Ströbele macht das nichts, er steht auf Listenplatz zwei und kommt sicher in den Bundestag."Ich bin doch etwas enttäuscht, aber habe nach den enormen Zugewinnen der SPD damit gerechnet."

Daß die Grünen auf Bundesebene leicht verloren haben, machen die Berliner Protagonisten am Verhalten der Bundespartei zu Beginn des Wahlkampfes fest.Spitzenkandidatin Andrea Fischer betont, die Berliner hätten sich nicht an dem "Unsinn" beteiligt, der ihnen aus Bonn vorgesetzt worden sei.Damit spielt sie natürlich auf die Diskussion um einen Preis von fünf Mark für einen Liter Benzin an.Für den Berliner Abgeordneten Bernd Köppl haben sich die Grünen damit den Fehler geleistet, "den Leuten etwas vorzuschreiben, statt sie mit auf die Reise zu nehmen". AX

Eine rauschende, nur kurz durch Anfälle von Skepsis unterbrochene Wahlnacht erlebten rund 2500 PDS-Anhänger in drangvoller Enge in einer Fabriketage in der Straßburger Straße in Prenzlauer Berg.Die positiven Prognosen, die unmittelbar nach 18 Uhr begannen, sich dann allmählich von der Fünf-Prozent-Hürde weg aufwärts bewegten und schließlich am späten Abend auf vier Direktmandate zusätzlich hindeuteten, waren immer wieder Anlaß begeisterten Jubels: "Kohl ist weg, und wir sind da!" Gregor Gysi, in Zukunft wohl Fraktionschef im Bundestag, enthüllte in Siegerlaune ein Plakat, das in den nächsten Tagen auf den Straßen zu finden sein wird: "Der Osten hat rot gewählt".

In einer kurzen, umjubelten Rede sagte er, wenn Schröder die PDS-Stimmen zu seiner Wahl brauche, werde er sie bekommen.Die Zustimmung zu Gesetzen und dem Haushaltsentwurf setze jedoch voraus "daß wir uns darin wiederfinden".Wenn dies alles aber nicht notwendig sei, werde die PDS die Rolle einer "linken sozialen Opposition" entschlossen wahrnehmen. bm

Die Freude war bei der FDP nur kurz.Wenige Sekunden dauerte der Jubel bei der ersten Prognose über die sechs Prozent.Dann dämmerte es den Liberalen, daß nicht nur die Ära Kohl zu Ende geht, sondern wahrscheinlich auch die doppelt so lange Regierungszeit der Freien Demokraten.Die etwa 200 FDP-Mitglieder im Berlin-Pavillon an der Straße des 17.Juni blickten, das Glas fest in der Hand, tapfer auf den Bildschirm.Man hatte sich wohl in den vergangenen Stunden und Tagen damit vertraut gemacht, daß die Kröte Opposition geschluckt werden muß.Trotzdem waren vereinzelt die Stichworte "sozialliberale Koalition" und "Ampel" zu hören.

"Die FDP ist drin, aber was nutzt es ihr?", fragte mancher.Landesgeschäftsführer Jürgen Dittberner fand dagegen, daß dies sehr viel nützt: "Jetzt ist Gelegenheit, ohne Rücksichtnahme das politische Profil zu schärfen und sich zur Programmpartei zu entwickeln.Dann sind wir in vier Jahren ein hochinteressanter Partner." Offensichtlich war Dittberner heilfroh, daß der Bonner Kampf nun ein Ende hat."Ich bin nicht traurig."

Dann befand auch FDP-Chef Rolf-Peter Lange, daß "wir Anlaß zur Freude haben" und beklagte die "Formschwäche unseres Partners", und daß der nächste Wahlkampf "am Montag morgen um acht Uhr beginnt." Ha

Katzenjammer bei den Rechten: In einer italienischen Pizzeria am Bahnhof Lichtenberg warten gerade einmal zehn DVU-Mitglieder auf den Landesvorsitzenden Olaf Herrmann.Wortführer der ansonsten schweigsamen Runde ist der Lichtenberger Kreisvorsitzende André Otto.Vor wenigen Wochen hatte er beim Plakatieren einen Ausländer angegriffen und verletzt, seitdem steht er unter polizeilichen Auflagen.Am Wahlabend gibt sich Otto zugeknöpft: Kein Kommentar, die Rechten wollen unter sich bleiben.

Als sich gegen 20 Uhr die Niederlage der rechtsextremen DVU sowohl bundesweit als auch in Mecklenburg-Vorpommern nicht mehr schönreden läßt, macht der 27jährige kein Hehl mehr aus seiner Enttäuschung.Die Schuldigen sind für ihn klar: Die Medien hätten die DVU nicht beachtet.Und die rechten Wähler? An Zustimmung für die ausländerfeindlichen Wahlslogans hat es in Lichtenberg schließlich nicht gemangelt.

Bei der rechtsextremen NPD haben Medienvertreter ohnehin keinen Zutritt: Auf dem Gehweg vor dem stadtbekannten Neonazitreffpunkt Café Germania in Lichtenberg sorgen jugendliche Skinheads und Germania-Betreiber Andreas Voigt für Gesichtskontrolle. KK

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