Zeitung Heute : Die spinnen, die Schweizer

Von Harald Martenstein

Zurzeit halte ich mich in der Schweiz auf. Das Erste, was einem hier auffällt: Die rauchen in den Restaurants. Ich war in einem Gasthäusli, der Wirt hat mit einer Zigarette im Mundwinkel das Rösti zum Tisch getragen. In der Schweiz geht es zu wie im Pariser Quartier Latin des Jahres 1960.

In den Schweizer Zeitungen stehen viele Artikel über die neueste Initiative der Gesundheitskommission des Ständerats. Diese Gesundheitskommission schlägt vor, den Anbau von Cannabis zum Eigengebrauch sowie den Besitz von Cannabis und, logischerweise, auch den Konsum von Cannabis für straffrei zu erklären, und zwar ab 18 Jahren. Der Bundesrat und die Eidgenössische Kommission für Drogenfragen haben sich zum Cannabisproblem mit ähnlicher Tendenz geäußert, deshalb wird der Vorschlag möglicherweise Gesetz. Dann werden in den Restaurants nicht nur Zigaretten geraucht, sondern auch Joints. Die Schweiz wird das neue Amsterdam. Ich war verwirrt. Ich habe das mit meinem privaten Schweizbild nicht zusammenbekommen. Die Schweiz ist doch erzkonservativ und hat einen Reinlichkeitsfimmel. Die Schweiz hält allerdings auch große Stücke auf die Freiheit.

Zur Begründung des Vorschlags erklären seine Befürworter, jeder Mensch habe die Freiheit, sich selber zu schaden. Ob jemand lieber kifft, lieber trinkt oder lieber magersüchtig wird, soll die betreffende Person in aller Freiheit selbst entscheiden. Zweitens, das Verfolgen des Kiffens sei jugendfeindlich. Die Alt-68er würden in aller Ruhe in ihren Villen kiffen, wo niemals eine Polizeikontrolle stattfindet, während die 18-Jährigen mangels eigener Wohnung gezwungen seien, in Parks, bei Konzerten oder in Gaststätten zu kiffen, wo sie dann der Polizei in die Hände fallen. Mit dieser Logik könnte man natürlich auch die Jugendgewalt legalisieren. Die Väter können zu Hause in aller Ruhe die Frau und ihre Kinder verprügeln, wo keiner etwas merkt, während ihre 18-jährigen Söhne gezwungen sind, in der U-Bahn wildfremde Leute zu verprügeln. Mich überzeugt die Schweizer Logik nicht ganz.

Ein großes Problem in der Schweiz besteht darin, das immer mehr Schweizer ihre alten Weihnachtsbäume mitten auf der Straße verbrennen, sogar in der Großstadt Zürich. Wenn die Polizei kommt, berufen sich die Baumverbrenner auf den gesetzlichen Schutz, den die Freiheit des regionalen Brauchtums in der Schweiz genießt. Dann fragt der Polizist: „Moment mal, seit wann ist es denn Brauch, in der Züricher Innenstadt Bäume zu verbrennen?“ Die Baumverbrenner antworten: „Seit gerade eben.“ Und sie kommen damit durch! Es gibt für Brauchtum keine Zeitgrenze, jeder darf in der Schweiz jederzeit Brauchtum erfinden. Über dieses bizarre Land steht viel zu selten etwas in der Zeitung.

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