Die Sprache der Manager : Lehm und andere Schichten

Corinna Visser

Der Mensch spricht gern in Bildern. Das macht komplizierte Sachverhalte anschaulich, und man kann sich besser an das Gesagte erinnern. Doch Bilder können auch ein Fluch sein – eben weil sie keiner so schnell vergisst und weil sie verschieden interpretiert werden können. Nehmen wir zum Beispiel Lehm. Er ist einer der ältesten Baustoffe mit wunderbaren Eigenschaften: Er speichert Wärme und nimmt Feuchtigkeit auf. Ist er feucht, ist er formbar. Einmal getrocknet, halten seine Mauern viele Generationen. Der Großstädter verbindet mit dem Begriff dagegen etwas Lästiges, das die Kleidung verschmutzt, wenn man bei Regen auf dem Land spazieren geht.

Als so etwas Lästiges, was man loswerden will, fühlen sich jetzt viele Siemens-Manager in den mittleren und oberen Führungsebenen. Konzernchef Peter Löscher hat diese Ebenen als Lehmschicht bezeichnet, eine Schicht, die es zu durchbohren und abzutragen gelte. Nun muss eine Lehmschicht in einem Unternehmen ja nichts Schlechtes sein, sie könnte den Bau stabilisieren. Das aber hat Löscher nicht gemeint. Vielmehr meinte er, dass es bei Siemens zu viele Hierarchieebenen gibt, die das Unternehmen zu langsam und behäbig machen. Die vielen Schichten hemmen den Informationsfluss von oben nach unten und umgekehrt. Das soll sich ändern. Die Idee ist gut, die Wortwahl schlecht. Löscher kann sich darauf berufen, dass er nicht der Schöpfer des Begriffes ist. Den gibt es bei Siemens schon seit vielen Jahren. Auch Löschers Vorvorgänger Heinrich von Pierer soll ihn verwendet haben. Schon damals war klar: Der alte Traditionskonzern mit seiner Behördenstruktur muss schlanker und flexibler werden.

Das war auch die Zeit, als das Wort vom Siemens-Beamten plötzlich keinen guten Klang mehr hatte. In der Erinnerung eines langjährigen Siemens-Mannes waren es die Berater von McKinsey, die das Wort von der Lehmschicht in der Konzernzentrale einführten. Die Leute von McKinsey bestreiten, Urheber des Begriffes zu sein.

Das so bezeichnete Führungspersonal fühlte sich damals schon beleidigt, weswegen Pierer den Begriff später verbannte. Dafür nahmen andere ihn – in abgewandelter Form – gern auf. Dieter Scheitor von der IG Metall etwa, der die Arbeitnehmer im Siemens-Aufsichtsrat vertritt, sprach von der Lähmschicht und meinte Manager, die schnelle Entscheidungsprozesse lähmten. Vielleicht hat Löscher den Begriff in Gesprächen mit dem Betriebsrat aufgeschnappt. Er hätte wohl lieber eine andere dort beliebte Formulierung übernehmen sollen: Bei Siemens gibt es zu viele Häuptlinge und zu wenig Indianer. Corinna Visser

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