Zeitung Heute : Die Spur der Kopisten

Rembrandt und sein Atelier: eine Spurensuche

Christina Tilmann

Eine besonders pikante Episode hat der zeitgenössische Kunstschriftsteller Arnold Houbraken überliefert. In dem Lagerhaus, das Rembrandt als Atelier für Schüler und Gehilfen diente, waren Kammern mit Holz abgeteilt, damit die Schüler dort malen konnten. Nun hatte sich eines heißen Sommertags ein Schüler in ein solches Kabuff zurückgezogen, und mit ihm ein Modell. Das Modell war nackt, und weil es so heiß war, zog auch der Maler seine Kleider aus: „Jetzt sind wir nackt wie Adam und Eva im Paradies“, war durch die Tür zu vernehmen. Rembrandt klopfte und verkündete: „Aber weil ihr euch eurer Nacktheit bewusst seid, müsst ihr den Garten Eden verlassen“, und warf die beiden auf die Straße hinaus.

Die Episode verrät einiges über die Vorgänge in Rembrandts Atelier. Nicht nur das neckische Verhältnis zwischen Meister und Schüler, die derben Scherze, die Möglichkeit zum zurückgezogenen Einzelstudium scheinen typisch für die Werkstatt, sondern vor allem auch das Rollenspiel, das die beiden in der Gestalt von Adam und Eva aufführen. Svetlana Alpers hat in ihrem Grundsatzwerk „Rembrandt als Unternehmer. Sein Atelier und der Markt“ 1988 darauf hingewiesen, was für eine große Rolle das Theater im Werk Rembrandts spielte. Gerade für die historischen Stoffe scheint er oft Szenen im Atelier nachgestellt zu haben: Die Schüler übernahmen die einzelnen Rollen, verkleideten und drapierten sich mit reichen, im Atelier vorhandenen Stoffen. Monumentalbilder wie „Judas gibt die dreißig Silberlinge zurück“ oder „Simson an der Hochzeitstafel das Rätsel aufgebend“ wirken in ihrer dramatischen Anordnung sehr inszeniert. Hinzu kommt, dass die biblischen Gestalten wie Saul, Holofernes oder Kyros bei Rembrandt sehr zeitgenössische Züge tragen.

Die Schüler wirkten also bei der Bildfindung mit. Ansonsten ist über Rembrandts Atelierbetrieb lange gerätselt worden. Man weiß, anders etwa als bei Rubens, wenig aus zeitgenössischen Schriften, Urkunden oder Briefen. Auch war die Werkstatt wohl nicht, wie bei Peter Paul Rubens, eine Art Fließbandproduktion, bei der die Schüler für niedere Malarbeiten eingesetzt wurden, um die enorme Nachfrage auf dem Markt zu befriedigen. Rembrandts als eigenhändig anerkannte Werke sind wirklich eigenhändig, eine Mitarbeit der Schüler an ihnen ist schwer denkbar. Wahrscheinlicher ist, dass Rembrandt seine Schüler hauptsächlich als Geldeinnahmequelle betrachtete. Bis zu hundert Gulden Lehrgeld zahlte man pro Jahr, zwischenzeitlich sollen über fünfzig Schüler gleichzeitig beschäftigt gewesen sein.

Was sie bei Rembrandt lernten, war zuallererst: Kopieren. Diese rege Kopistentätigkeit ist ein Hauptproblem der RembrandtForschung. Denn oft existieren mehrere Versionen oder Variationen eines Sujets, die sich schwer zuordnen lassen. Das lässt darauf schließen, dass das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler bei Rembrandt kein hierarchisches war. Sicher griff er, so überliefern es Zeitgenossen, als Lehrer häufig in Werke von Schülern ein, korrigierte, übermalte, veränderte. Andererseits lassen die Themen-Variationen darauf schließen, dass in seiner Werkstatt viel diskutiert wurde. Die Schüler, die Rembrandts Werkstatt verließen, hatten gelernt, eigenständige Sujets zu entwickeln. Maler wie Ferdinand Bol oder Govert Flinck hatten im 19. Jahrhundert das Pech, dass man ihre Werke als Rembrandts ansah. Inzwischen schätzt man sie als eigenständige Künstler.

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