Zeitung Heute : Die Spur der Scheine

Mit seinem klapprigen Lada fährt Ramón Touristen in Kuba herum und verdient damit schwarz mehr am Tag als ein Arzt im Monat. Nach dem Machtwechsel vor 45 Jahren wollte Castro das Geld abschaffen, aber heute dreht sich auf der Insel alles um den Dollar.

Norbert Thomma

Che Guevara hatte einen Traum. Einen neuen Menschen sah er wachsen, zwischen Havanna und Santiago de Cuba. Ein geläuterter Mensch war das, frei von Gier und Neid, beseelt vom Pflichtgefühl. So gering wäre dessen materielles Interesse, dass „das Gewinnstreben als psychologische Motivation aus der Welt geschafft“ werden könnte – und damit auch das Geld. Nur in den Anfangsjahren der Revolution mochte der Guerillero die Münzen und Scheine „als notwendiges Übel einer Übergangsperiode“ hinnehmen.

Und der „SZ“-Reporter Carlos Widmann notierte: „Als Präsident der Nationalbank unterzeichnete er die neuen Peso-Scheine einfach mit seinem Spitznamen ,Che’: wohl nicht aus purem Snobismus, sondern auch in der Absicht, das Geld zu entwürdigen, zu profanisieren – auf dass es nicht die Macht habe, Menschen zu entwürdigen und zu profanisieren.“ Che Guevara träumte den Sieg der Moral übers Monetäre.

Lange her. Wer in diesen Tagen durch Kuba fährt, kann in Cienfuegos auf Ramón treffen. 28 Jahre alt ist er, ein kleiner drahtiger Kerl mit einem roten T-Shirt, das den Klitschkos passen würde. Tagsüber lungert er am Busbahnhof herum. Wenn er ein Geschäft wittert, murmelt er „Taxi“. Dann zieht Ramón einen um die Hausecken und rumpelt schließlich mit einem Wagen heran, den er unter den Trümmern von Jericho herausgezogen haben muss. Für 20 oder 30 Dollar am Tag fährt er jeden durch die Umgebung dieses hübschen Ortes an der Südküste.

500 Pesos im Monat, ein Witz!

Ganz legal ist das nicht. In fremden Städten wird Ramón nervös, er kennt die Polizisten nicht. Seine rostfarbene Kiste nennt er ,carro particular’, einen Spezialwagen. Besondere Zeiten verlangen nach besonderen Begriffen, und das Land lebt schon lange in einer „Sonderperiode des Friedens“ (was heißt: alles ist knapp). Und so werden Huren zu ,jineteras’, Reiterinnen, und Esslokale in privaten Räumen sind ,paladares’, also Gaumen. Es ist die Welt der Euphemismen, es ist die Welt der Dollars.

Zwei Jahre habe er Lehrer studiert, erzählt Ramón, und dann geschmissen. Er zupft am Hemd, an seiner Jeans und sagt: Womit er das wohl bezahle, mit Pesos vielleicht? Was soll ich an der Uni rumhängen, scheiß drauf! Weißt du, was ein Arzt hier verdient? 500 Pesos im Monat, ein Witz!

Da knattert er lieber mit diesem Lada herum, der weniger von Schrauben zusammengehalten wird als der Kraft des heiligen Christophorus, dem Schutzpatron der Autofahrer. Wenn er in der Avenida 56 anhalten würde, ließe sich das Problem gut besichtigen. In einem der vielen Kolonialbauten ist die Zentrale der PCC, Kommunistische Partei Kuba. Die Eingangshalle ziert in großen Lettern die Parole: Unsere Stärke – die Ideen. Genau gegenüber, auf der anderen Seite der Straße, ist die Bank mit zwei Schlangen von Wartenden, die Geld wechseln wollen. An der Scheibe auf Pappe der offizielle Kurs: 1:27. Würde ein Arzt seinen Monatslohn hier eintauschen, er bekäme knapp 19 Dollar dafür. Da wird verständlich, warum die rollende Ich-AG Ramón so vergnügt wirkt.

Man könnte auch auf Reinaldo treffen in diesen Tagen. Er hat sein Studium abgeschlossen, Maschinenbau, arbeitet in Havanna, der Schnauzer und die dickrandige Brille machen ihn älter als 32 Jahre. Ein braver Bürger, zeitlebens Mitglied in allen nötigen Massenorganisationen, beherrscht leidlich Englisch und Russisch. Eine Fachkraft mit 300 Pesos Monatslohn. Stimmt schon, sagt er, die ärztliche Versorgung kostet nichts und die Miete für meine Bruchbude in der Altstadt und das Telefon sind nur symbolische Beträge. Aber was ist mit Shampoo, Rasierklingen, all den kleinen Dingen des Alltags? Auf die ,libreta’ kriegst du Reis zugeteilt, Bohnen, vielleicht etwas Fleisch, aber mit den Lebensmittelkarten kommst du nicht weit.

Reinaldo ist stolz auf seine Stadt. Er zeigt einem gern die morbiden Gassen und das mondän renovierte Hotel, in dem der Marmor wie feucht glänzt. Das Einzelzimmer kostet 140 Dollar, und der Ingenieur kann beim weiteren Spaziergang an Preisen registrieren: Kaffee mit Spiegeleiern 5,75 Dollar; 6 Dollar für einen Cocktail in Hemingways Stammkneipe; Kühlschrank 485 Dollar; 16,50 Dollar eine CD des legendären Beny Moré.

Die Abschaffung des Geldes war keine Marotte der ersten Stunde. Noch als Fidel Castro im März 1968 eine Rede „zur revolutionären Offensive“ hielt, geißelte er „die Herrschaft des Geldes, die Korruption durch das Geld, das zwischen dem Menschen und dem von ihm geschaffenen Gütern steht“. In den brausenden Beifall rief er: „Eines Tages, wenn wir den wahren Kommunismus erreicht haben, werden wir kein Geld mehr brauchen.“ Und wie um die Kleinmütigen zu beruhigen, meinte er wenig später, „das sind keine Träume, keine Utopien, sondern Tatsachen, die in relativ kurzer Zeit eintreffen werden.“

Warum sollte das nicht möglich sein? Es war so vieles möglich geworden, was keiner geglaubt hätte. Ein paar Dutzend bärtige Männer und einige Frauen in den Bergen der Sierra Maestra im Osten der Insel, so fing es an. Und am 1. Januar 1959 floh Fulgencio Batista, korrupter Präsident und Diktator, unterstützt von Armee, US-Regierung und Mafia. Batista hatte eigene Vorstellungen von der Abschaffung des Geldes in Kuba. Er riss sich 424 Millionen Dollar der Staatsbank unter den Nagel, neben den 300 Millionen Privatvermögen, wie Volker Skierka in der Biographie „Fidel Castro“ schreibt.

Lange her auch das, 45 Jahre. Heute ist im Fernsehen Raúl Castro zu sehen, eine Seltenheit. Die Uniform mit großem Dekor spannt ein wenig am Bauch von Fidels jüngerem Bruder, ansonsten ist der Comandante kregel. Er kann richtig gut George W. Bush imitieren. Alles klar im Irak, sagt Raúl launig in die Kamera und zieht die rechte Hand zum militärischen Gruß an die Stirn, Mission bald beendet! Und: Wenn die Yankees dort nicht fertig werden, was erleben die erst, wenn sie uns angreifen? Und einer der folgenden Werbespots heißt „Nein zum 4. Reich“. Man sieht die Losung und dazu, von dramatischer Musik untermalt, Szenen von Franco, Mussolini, Hitler – und Bush.

Das Feindbild steht. Doch nach und nach ist ein schizophrener Alltag entstanden, denn nichts ist so begehrt wie die grünen Scheine der USA. Selbst Fidel Castro hat den Dollar 1993 offiziell als Währung zugelassen. Und so darf sich der Maschinenbauer Reinaldo nun ganz legal ausrechnen, ob er für die CD von Moré eineinhalb Monate arbeiten möchte – elf Dollar verdient er im Monat.

Gesellschaftlich wertvolle Arbeit wird in Pesos bezahlt und damit entwertet. Die Habenichtse sind Chefärzte, Bibliothekare, Betriebsleiter… Die Betuchten sind die Huren, die halblegalen Chauffeure, die Trickser und die Kellner, die betrunkene Touristen ums Wechselgeld prellen. Der Ehrliche ist der Dumme, das gilt in Kuba mehr noch als in Hamburg-Eppendorf. Wer bei einem Abendessen erzählt, er sei Professor für theoretische Mathematik, dem schlägt ehrliches Bedauern entgegen: Armer Kerl, wie schlägst du dich durch?

So wie sich alle durchschlagen. Reinaldo hat von einem Kumpel den Tipp bekommen, wo es anderntags seltene Scheuerschwämme gibt – die mit einer rauhen Seite. Er wird früh da sein und kaufen, was es zu kaufen gibt. Nach und nach verhökert er dann die Schwämme mit einem Aufschlag gegen Devisen. Einen Teil wird er aufs Land bringen zur Verwandtschaft, wo solche Dinge noch rarer sind und Dollar bringen. Und mit denen besorgt sich Reinaldo später das Nötigste.

Er gehört sowenig wie Ramón zu denen, die emigrierte Verwandte in Miami oder anderswo haben. Die werden zwar von Fidel als ,gusanos’ beschimpft, als Würmer, doch ohne ihre Geldsendungen ginge nichts in Kuba (was allerdings für andere Länder der Region auch gilt). Auf 1100 Millionen Dollar schätzt die Interamerikanische Entwicklungsbank die Überweisungen von Exilkubanern, an denen der Staat kräftig verdient; Deviseneinnahmen, die höher sind als die durch Zuckerexport und Tourismus.

Strenge Klassengesellschaft

Im sozialistischen Kuba hat sich eine merkwürdige Klassengesellschaft gebildet. Eine, die nicht unterscheidet zwischen den Herren über die Produktionsmitteln und Lohnabhängigen (wie es die Gebrüder Castro bei Carlos Marx lernten); die Trennung verläuft zwischen Besitzern von nutzlosem Geld, Pesos, und Dollarbesitzern. An der Coppelia ist das schön zu sehen, Havannas gigantischer Eisdiele. Eine Spinne aus Beton ist das in einem Park, schräg gegenüber vom Hotel Havanna Libre, in dem die Revolutionäre ’59 ihr Hauptquartier hatten. In langen Schlangen stehen Leute um ein Eis an. Direkt daneben wird zügig bedient, wer mit Dollar bezahlen kann, und die Auswahl an Eissorten ist viel besser.

Lauter Demütigungen, kleine und größere, für die Reinaldos des Landes. Die zeitgenössische Literatur ist voller Szenen, die mit diesen Problemen spielen. In Jesús Díaz Roman „Erzähl mir von Kuba“ jobbt ein Zahnarzt nebenbei als Kellner, und er ist beschämt, weil seine Schwester für Touristen die Beine breit macht; was soll’s, sagen sie ihm, „wenn die Regierung Pesos gibt und Dollars nimmt“. Und in Zoé Valdés „Das tägliche Nichts“ heißt es lakonisch: „Ich gehe an den Malecón, um den Huren für Dollars Sachen zu verkaufen, die ich nicht mehr gebrauchen kann, oder um Zucker gegen malanga-Knollen einzutauschen, malanga-Knollen gegen grüne Bohnen, grüne Bohnen gegen Zwiebeln, Zwiebeln gegen Reis, Reis gegen Milchpulver, Milchpulver gegen Waschpulver, Waschpulver gegen Aspirin, Aspirin gegen Zucker und so immerfort…“

Ein Leben im Warentausch oder als Jagd nach Geld. Zwar sind die Graffiti „patria o muerte“ noch an vielen Wänden zusehen, Vaterland oder Tod. Doch die am weitesten verbreitete Losung Kubas ist längst „In God we trust“. Sie ist auf jeden Dollarschein gedruckt.

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