Die Stadt : Kleiner Mann, was nun?

Seine winzigen Figuren kleben in ganz London. Nur wer Glück hat, entdeckt sie. Niemand kennt seinen wahren Namen, Fotos von ihm gibt es nicht. Ein Treffen mit dem Künstler Slinkachu.

Susanne Kippenberger
295663_0_4094f61f.jpg
"Taxi!" Slinkachus winzige Figuren sind leicht zu übersehen.Foto: Slinkachu/ Hoffmann und Campe Verlag

Wie real sie wirken. Wie surreal. Sie machen, was man in der Stadt so macht: Rufen ein Taxi, gehen in der Pfütze schwimmen, verbuddeln eine Leiche. Verloren sitzen sie auf dem Bürgersteig, warten im Dunkeln und werden versetzt. „Eines Tages wird er mich sehen“, steht unter dem Bild einer mittelalten Frau, die sich erschöpft an einer Chipstüte vorbeischleppt. Wenn man die Figuren sieht, möchte man sie am liebsten in den Arm nehmen und sagen: Ist doch alles nicht so schlimm. Wenn man sie sieht. Die Figürchen sind nicht größer als eine Wespe. Nur schlanker.

So hat sich wahrscheinlich jeder mal gefühlt: verloren in der großen Stadt. So kam sich auch Slinkachu oft vor, als er vor sieben Jahren nach London zog und kaum jemanden kannte, durch die verschiedenen Viertel zog und Menschen beobachtete. Wahnsinnig anstrengend, so hat der nun 29-Jährige diese erste Zeit in Erinnerung.

Der Street Artist ist am Rande einer Kleinstadt in Devon aufgewachsen, hat es genossen, so viel Platz zu haben, überall rumrennen zu können. Nur wohnten seine Freunde alle so weit weg, dass er meist alleine spielen musste. Zum Beispiel mit kleinen Figuren. Oder er hat Geschichten geschrieben und an Verlage geschickt. Vergebens. Zum Studium, Grafikdesign und Illustration, ging er ins ländliche Buckinghamshire und träumte davon, Künstler zu werden. Stattdessen arbeitete er dann als Art Director einer Londoner Werbeagentur.

Nur so, aus Spaß, hat er vor drei Jahren sein „Little People Project“ begonnen. Spaß? Slinkachu, ein Fan von Edward Hopper, mag’s gern melancholisch, auch in Comics und Filmen. Die Fotos seiner Tragikomödien schickte er seinen Freunden, die sie ihrerseits weitersandten, Slinkachu selber hat einen Blog geschrieben. Und so kamen seine kleinen Plastikleute in die große weite Welt, selbst Zeitungen in China und Indien berichteten. Die Geschichten, die seine Bilder erzählen, sind universell. „Die Leute haben Mitgefühl mit den Figuren.“ Fühlen sich verstanden.

Aus dem Blog wurde ein Buch, das in diesem Jahr auch auf Deutsch erschienen ist: „Kleine Leute in der großen Stadt“. Der Traum vom Künstlerdasein ging in Erfüllung – und der, einmal ein Buch zu veröffentlichen. Seinen Job als Grafiker braucht Slinkachu heute nicht mehr.

Sein Name, der so indianisch klingt, ist Tarnung. Selbst wenn Slinkachu nicht so geheim agiert wie Banksy, der berühmteste unter den Street Artists, der großen Wert darauf legt, anonym zu bleiben. Allerdings sprüht Slinkachu auch keine Hauswände voll, muss nicht mit Sanktionen rechnen. Seine winzigen Figuren tun niemandem weh außer sich selbst. Manchmal sehen die Menschen sie, winzig wie sie sind, manchmal auch nicht. Manchmal treten sie drauf, aber manchmal, wenn Slinkachu sie ein paar Tage später noch mal besuchen geht, stehen sie noch immer da wie festgefroren, so, wie er sie mit Sekundenkleber festgeklebt hat.

Das ist es gerade, was ihm an der Street art so gefällt: dass sie so unauffällig ist. „Subtil“, wie er sagt. Dass die Figürchen nicht schreien: Ich bin Kunst! Dass man sie auch übersehen kann.

Wie er zu seinem Künstlernamen kam, das, sagt Slinkachu, ist eine komplizierte Geschichte, „uninteressant für einen Artikel“. Das Pseudonym ist ein Schutz, der Künstler ist ein scheuer Mensch. „Ich möchte mein Bild nicht auf der ganzen Welt sehen.“ Unauffällig wirkt er, schlank, nicht besonders groß, mit Jeans, T-Shirt, kariertem Hemd und dem Rucksack könnte er auch als Student durchgehen. Es macht ihn fast ein bisschen verlegen, dass ein so bekannter Schriftsteller wie Will Self ein so intellektuelles Vorwort zu seinem Buch geschrieben hat. Slinkachu selber ist kein Mann der großen Worte, weder beim Gespräch im Londoner Café noch auf seiner Website. Seine biografischen Angaben hat er dort auf fünf Zeilen zusammengefasst:

„28/m/UK

5ft9

Handsome

Inactive 1979-2006

Active 2006“

2006, das war das Jahr, in dem er anfing, seine eigene Welt zu schaffen. Deren Bevölkerung aus Deutschland kommt. Die Figuren einer deutschen Eisenbahnmodellbaufirma gefielen ihm am besten: weil diese besonderes realistisch sind, ihm die größten Gestaltungsmöglichkeiten lassen. Es gibt sie in verschiedenen Größen und immer in Weiß, so formt er sie um, malt ihnen die Kleidung an, verbiegt sie zu den gewünschten Posen.

Anfangs hat Slinkachu die Szenen nur zu Dokumentationszwecken fotografiert. Inzwischen hat er eine professionellere Kamera, verkauft die Bilder als Kunstwerke. Im Juni hatte er seine zweite Einzelausstellung in einer Londoner Galerie. Von Anfang an hat er immer zwei Aufnahmen gemacht, einen Close-Up und ein Panoramabild, auf dem man die wahren Dimensionen erkennen kann. Die Titel, die er allen Bildern gibt, sind im Laufe der Zeit immer wichtiger geworden: Slinkachu sieht sich als Erzähler von dreidimensionalen Geschichten.

London kennt Slinkachu durch das viele Herumlaufen inzwischen ziemlich gut, er mag die Stadt, ihre Vielfalt, die Anonymität. Aber es muss nicht London sein. Auch in den Straßen von Rotterdam hat er seine kleinen Leute schon platziert.

Am attraktivsten findet der Künstler die Schmuddelecken – in Finsley Park zum Beispiel oder Hammersmith, ganz im Westen der Stadt, wo er mit seiner Freundin lebt. Im East End würde er eigentlich auch gerne arbeiten, „da passiert so viel. Aber da sind zu viele Leute.“ Je schäbiger, desto interessanter die Szenerie, gerade in der Großaufnahme. Der poröse Grund, die Verwerfungen des Asphalts, die rauen Hauswände, die Kanaldeckel haben für den Künstler eine skulpturale Qualität. In der Nahaufnahme wird der Mörtel zum faszinierenden Gebirge. Slinkachu mag auch den Müll, den die Leute hinterlassen: Den kann er als Requisite und Bühnenbild verwenden. So wird die leere Zigarettenschachtel zum Schlupfwinkel, der Erdnussflip zur Beute, an der zwei Männchen sich abschleppen.

Am liebsten zieht der Künstler frühmorgens durch die Stadt, wenn außer ihm kaum einer unterwegs ist. Dann, vor allem am Sonntag, zeigt London sich von einer anderen Seite: „so friedlich“. Dann kann er ungestört arbeiten. Die meisten Passanten ignorieren ihn, wenn er sich flach auf den Boden zu seinen Figuren legt, um sie festzukleben und mit der Kamera festzuhalten. Manchmal, selten, fragt ihn jemand, ob alles in Ordnung ist. Ja, sagt er dann. „Wenn man die Welt aus den Augen der kleinen Leute betrachtet, lernt man die Dinge mehr schätzen.“

http://slinkachu.com. „Kleine Leute in der großen Stadt“, Verlag Hoffmann und Campe (128 Seiten, 12,95 Euro).

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben