Die Stadt : Sex nach Plan

Die Stadt Amsterdam möchte ihr berühmtes Rotlichtviertel entschärfen. Geht es um Kriminalität oder Populismus? Einblicke beidseits der Huren-Fenster

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Prostituierte in Amsterdam.Foto: Laif

Los, sagt sie, trau dich. Sie hat den Laden extra aufgeschlossen, außerhalb der Öffnungszeiten. Sie hat die roten Lampen eingeschaltet und die Schwarzlichtröhre. Auf der Sitzfläche des Barhockers im Fenster und mitten im Trend liegt ein Kissen mit Zebrastreifen. Los, sagt sie, erst zufrieden, als ihr Gast auf dem hochbeinigen Stuhl sitzt, aufgebockt hinter einer Glasscheibe in dem Amsterdamer Viertel, in das aller Länder Herren reisen, um in Fenster wie dieses schauen zu können. Im ältesten Kern der Stadt Amsterdam hat das älteste Gewerbe der Welt die Postleitzahl 1012.

Hier sitzt man nun und schaut raus. Andere gucken rein. Es ist Holland in Rot.

Am 3. März wird der Stadtrat neu gewählt, der zu diesem weltberühmten Rotlichtviertel gehört. Und im Wahlkampf wurden die Forderungen des Vize-Bürgermeisters Lodewijk Asscher dermaßen laut, dass selbst im deutschen Nachbarland berichtet wurde: Darüber, dass nach seinem Willen Frauen nun erst mit 23 Jahren als Prostituierte arbeiten sollen. Dann seien sie „reifer“. Darüber, dass die berüchtigten Huren-Fenster zwischen vier und acht Uhr morgens schließen sollten. Das helfe gegen Menschenhandel.

Dabei gibt es Sex nach Plan in Amsterdam schon seit 2008, sagt Els Iping, das ist ja nichts Neues. Der streitbare Stadtentwicklungsplan heißt nach der Postleitzahl des Viertels „1012“, demnach soll knapp die Hälfte der Coffee-Shops und der Lust-Vitrinen geschlossen werden. Es sollen sich wieder mehr verschiedene Gewerbe mischen, und als ersten Köder hat die Stadt Designer und Künstler mietfrei in einige ehemalige Huren-Fenster gesetzt. Zu allem Überfluss eröffnet im März eine Ausstellung über das Rotlichtviertel in den Achtzigern im Historischen Museum Amsterdam. Ist nicht, was auf dem Kunstmarkt landet, im Historischen Museum, längst tot?

Die Stadt sagt, sie will ihr ältestes Viertel „aufwerten“. Aber was man unter „aufwerten“ versteht, kommt darauf an, auf welcher Seite des Fensters jemand sitzt.

Els Iping blickt durch ein verglastes Halbrund im Rathaus hinunter auf den Verkehr, die Fenster schallgeschützt. Aus lauter Stolz auf ihre weltberühmte „Toleranz“, sagt sie, hätten sich die Amsterdamer lange nicht getraut, gegen die zunehmende Rotlicht-Übermacht zu protestieren. Denn das Viertel sei nicht mehr, was es mal war. In den letzten Jahren ist die Balance gekippt: Immer mehr Hotels billigster Kategorie, überall nur Pizza, zu lange warm gehalten. Jede Monokultur ist anfällig für Schädlinge, sagt sie, wie in der Landwirtschaft. Die billigen Läden, die Kombination mit den Coffee-Shops, sie hält das für einen guten Nährboden für kriminelle Energie. Echte Toleranz funktioniert ja nie nur in eine Richtung. Sie findet, es wird Zeit, dass die Rotlicht-Freunde beginnen, die Bürger zu tolerieren, denn immerhin 8000 Menschen wollen im Rotlichtviertel nichts anderes als wohnen.

Als Els Iping noch keine Politikerin war, Anfang der Achtziger, ist sie mit Mann und Kind in die Innenstadt direkt an den Rand des Rotlichtviertels gezogen. Es war die Zeit, in der die emanzipierte Prostituierte ein Leitbild war. Eine selbstbewusste, städtische Figur, die für ihre Rechte eintrat. Iping grüßte freundlich und schickte ihre beiden Söhne auf eine Schule um die Ecke.

Bis Mitte der Neunziger, sagt Iping, dauerte die Illusion an, dass es mit den Prostituierten in Holland alles seine Richtigkeit habe. Doch 1995 stellten sie fest, dass ihr scheinbar mustergültiges, international bewundertes Rotlichtviertel unterwandert war. Ein Kriminalitätsgutachten kam zu dem Schluss, dass es jede Menge Geldwäsche, Menschenhandel und Drogen-Kriminalität hinter den transparenten Fenstern gebe. Zwei türkische Brüder wurden ausgemacht, die in großem Stil mit Frauen gehandelt hatten, die ihnen unerklärlicherweise im Gerichtssaal noch Kusshände zuwarfen. Iping war entsetzt. „Wie haben wir das übersehen können?“ Was zeigte die viel gerühmte Transparenz der Fenster wirklich? „Auch eine Frau hinter einem Fenster kann zu ihrer Arbeit gezwungen sein.“

Die Immobilien des historischen Zentrums, stellten sie fest, wanderten von Hand zu Hand und gehörten zu einem großen Teil einem Menschen namens Charles Geerks, alias der „Dicke Charles“. Tatsächlich hatte die Stadt über die Geldströme keine Kontrolle, die bei einem Besitzerwechsel der Häuser flossen. Seitdem will die Stadt die Besitzer zum Verkauf ihrer Häuser an kooperierende Wohnungsbaugesellschaften bewegen, die für den Wertverlust eine Entschädigung von der Stadt erhalten, damit sie dann ohne Verluste andere Gewerbe dort ansiedeln können.

Und Charles Geerks, der Rotlicht-König, verkaufte als Erster. Vielleicht lag es an der Ankündigung der Stadt, bei der Neuerteilung von Bordell-Lizenzen alle dazugehörigen Transaktionen zu prüfen: die Bankverbindungen des Käufers, die Herkunft des Geldes. Vielleicht hat Charles aber auch nur gedacht, dass 25 Millionen Euro für 17 Häuser ein einmaliger Deal wären.

Mehr als 100 von 482 Fenstern wurden bislang geschlossen, und hinter einem davon, mit Blick auf die alte Kirche, neben identischen Fenstern, hinter denen Südamerikanerinnen vom Standbein auf’s Spielbein wechseln, steht seit 2008 Gésine Hackenberg und verarbeitet alte Porzellanteller zu Schmuck. Es kommt immer darauf an, sagt sie, was man für schmückend hält. Eine Frage des Kontextes. Das ist der Reiz. Auch deshalb ist sie in eines der Ateliers gezogen, das die Stadt zur Verfügung stellt. Natürlich hat auch sie gemerkt, dass in den letzten Jahren im Viertel die Mischung gekippt ist, ihr Lieblings-Buntmetallhändler musste schließen. Und noch könne niemand behaupten, dass mit dem Einzug der paar Designer nun das ganze Viertel gewandelt sei. Das fängt schon damit an, dass die Häuser im Gewerbeplan noch immer als Orte der Prostitution definiert sind, es ist deshalb verboten, in diesen Läden etwas zu verkaufen. Stattdessen erhielt Hackenberg Anfang des Jahres einen Steuerbescheid, der sich an der Nutzung durch Prostitution orientiert, Hackenberg sollte hunderte Euro nachzahlen.

Jan Broers darf man auf die Pläne der Stadt kaum ansprechen. Er beginnt sofort zu fauchen: Die Behörden hätten ein Jahrzehnt untätig vergehen lassen seit der alarmierenden Studie von 1995, erst 2007 haben sie die zwei türkischen Brüder verurteilt, doch die Stadtoberen argumentierten immer noch mit ihrem alten Kriminalitäts-Gutachten, als wäre es von gestern. Er, Besitzer des Hotels „Royal Taste“ am Achterburgwal, Betreiber von acht „Fenstern“, Sekretär der Amsterdamer Vereinigung der Bordellbesitzer, hat nicht vor, sich unterkriegen zu lassen.

„Die Stadt hat Fehler gemacht. Gravierende Fehler.“ Sie hat einen der zwei türkischen Brüder, die ihr kriminelles Netzwerk aufgebaut hatten, entkommen lassen. Er ist ihnen auf einem Freigang einfach abgehauen und nie wieder aufgetaucht. Solche dürfen sich über gar nichts wundern. Und dann diese Vorschläge! Die Altersbeschränkung für Prostituierte zum Beispiel. Mit 18 Jahren darf man sich für die Armee erschießen lassen, aber nicht über seinen Körper entscheiden? „Was sollen die Frauen denn dann machen von 18 bis 23?“

Broers, noch ein paar Cornflakes vom Frühstück im Mundwinkel, im Durchgang zu den Waschmaschinen mit den getürmten Laken davor, links neben ihm die Mikrowelle, ist kein Zuhälter, sondern Vermieter von Huren-Fenstern. Mit den Mädchen, die sich unabhängig an ihn wenden, hat er nichts zu tun. Er kontrolliert deren Papiere und stellt – „kamer te huur“, „Zimmer zu vermieten“ – die Logistik zur Verfügung. Und weil er jetzt los muss, öffnet seine Frau Monique nun die Räume hinter den Fenstern. Sie sind fensterlos und hygienisch gekachelt. Monique hat die Tagesdecken für das Bett mit dem Raubtiermuster selbst genäht. Es ist ihr wichtig, die Arbeitsplätze nett zu dekorieren.

Über die Kreativen vor dem Karren der Stadtentwickler, die das Viertel verändern sollen, lacht sie sich kaputt. Überhaupt nicht konkurrenzfähig. Die kriegen die Räume ja umsonst und mithilfe einer Agentur werde „RedLightFashion“ für die Medien inszeniert, als würde hinter diesen Fenstern wirklich etwas passieren, als wären die Designer wirklich dort und würden arbeiten. Bei ihr, sagt Monique, würden wenigstens jede Woche einmal die Scheiben geputzt. Bei den Designern überhaupt nicht. „Wie sieht das denn aus?“

Wenn doch mal geputzt wird, kommt am nächsten Tag das Fernsehen für die nächste Reportage über die Umwälzung des Viertels, und dass jetzt statt der Frauen Modeschöpfer hinter den Fenstern sitzen würden. Dann rufen Stammgäste besorgt im Hotel an: Sie hätten im Fernsehen gesehen, dass das Viertel stirbt, ob denn die Mädchen noch da seien. Natürlich, sagt sie dann, sind die Mädchen noch da.

Denn über die letzten Jahre ist nur das passiert, was der ganzen Welt passiert ist: Das Viertel wurde globalisierter, internationaler, flexibler und auf''s Ganze gesehen auch nackter. Man muss doch nur mal MTV anstellen, sagt Monique.

Die Frauen mieten sich ja schon lange nicht mehr ein für Jahre, sondern für eine Schicht bis zu zwölf Stunden, ihre persönlichen Sachen kommen in Schließfächer, in das kleine Hängeschränkchen die Rollen Küchentuch, Cremes und Utensilien. Haben sie Kunden, verschwinden sie in ihr gekacheltes Gelass. Ein Bote bringt ihnen mal etwas zu essen vorbei. Morgens, wenn es still ist auf den Straßen und das Licht noch fahl, kommen Kunden. Abends kommen viele, die nur gucken. Gucken ist der Clou in Amsterdam.

Die Engländer, die in großen Gruppen zu ihren Junggesellenabschieden kommen, die vor den Lust-Vitrinen auf dem Kopfsteinpflaster torkeln, mit ferngesteuertem Blick, bezeichnen sie hier nur als „stehende Volumen“. Solche haben für die eine Nacht in Amsterdam kein Hotel, sie geistern durch das Viertel und verfüllen ihre körperlichen Hohlräume mit Flüssigkeiten. Es sieht nach beängstigend vielen Hohlräumen aus.

Die Frauen hinter Glas knicken gelangweilt in den Hüften, sie räkeln sich auf Barhockern, sitzen in niedrigen Sesseln, ein Bein an der Wand aufgestützt. Sie telefonieren, vielleicht müssen sie nächste Woche nach Budapest oder nach Paris, je nachdem, wo das Geschäft besser läuft. Ständig fassen sie sich an, kratzen sich dort, wo der Tanga ins Fleisch schneidet. Sie warten auf ein Klopfen an der Scheibe, das Licht strahlt rot, die Haut ist pudrig. Zu zahlen ist nur Miete, keine Gewinnbeteiligung. Man kennt eine Holländerin, die irgendwann das Haus gekauft hat, in dem sie zu arbeiten begonnen hatte. Solide, unaufgeregt, erfolgreich.

In dieser Winternacht liegen die Grachten im Niesel, die Hausboote überlassen ihren weißen Rauch dem Wind zum Spiel. Der zerrt an Schirmen und Haaren, doch ganz ruhig und klar stehen die erleuchteten Amsterdamer Fenster in den Silhouetten ihrer schiefen Häuser. Über dem Spiegel des Grachtenwassers ist das Private auf die Bühne gebracht, kaum einer bemüht Vorhänge. Die Transparenz und der Stolz darauf wohnen in jedem Haushalt. Möglich, die wöchentlich geputzten Huren-Fenster als logische Folge zu sehen.

Bei Mariska Majoor, der ehemaligen Prostituierten, die ihren Besuch auf den Stuhl ins Fenster gebeten hat, lugt nun der männliche Teil eines Paares herein, lächelt verschämt. Blickt weg. Es fühlt sich merkwürdigerweise tatsächlich an, als liege die Macht auf der Innenseite der Scheibe. Dort, wo es sonst gilt, Blicken standzuhalten, sie in eine Richtung zu lenken, Zumutungen auszuschlagen, die Oberhand zu behalten und die Notrufnummern parat. So hat Mariska Majoor jahrelang selbst gesessen und ihr Geld verdient. Seit Sommer bietet sie über ihr Prostituierten-Info-Zentrum „PIC“ in vorbildlicher Amsterdamer Direktheit einen Workshop an, jeweils für eine Frau. Die soll sich „sexy“ anziehen, sexy heißt Unterwäsche, denn sonst ist die Erfahrung nicht echt. Es buchen oft Frauen, die in Bordellen und im Escort-Service arbeiten und sich überlegen, ob so ein Fenster auf Dauer etwas für sie wäre.

Über die Politik der Stadt kann Majoor sich immer wieder aufregen. Unter dem Vorwand, etwas gegen Menschenhandel zu tun, würden die tatsächlichen Opfer von Politikern ein zweites Mal missbraucht. Denn alle ordnungspolitischen Maßnahmen des Vize-Bürgermeisters Asscher dienen nur dessen Profilierung. Gegen Menschenhandel unternimmt er aber tatsächlich nichts. Was hilft es denn, Öffnungszeiten zu begrenzen?

Mariska Majoor, schon lange nicht mehr im Geschäft, hat das Buch „When sex becomes work“ geschrieben, ein Leitfaden für angehende Prostituierte mit Tipps so praktisch wie ihre Camouflage-Hose: Die Peitsche, sollte man sie vorhalten, lieber nicht im Fenster dekorieren. Sie könnte sonst gemäßigte Kunden abschrecken. Wichtige charakterliche Voraussetzung: psychische Stabilität. Seit Sommer hat sie 30 Workshops abgehalten, aber nur eine einzige Frau hat nachher begonnen, hinter Glas zu arbeiten.

Am 20. März eröffnet im Historischen Museum Amsterdam die Ausstellung „The Hoerengracht“ der Künstler Ed und Nancy Reddin Kienholz.

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