Die Stadt : Skatort

Reizen, drücken, kloppen: Im thüringischen Altenburg dreht sich alles um Deutschlands beliebtestes Kartenspiel. Hier sitzt auch die letzte Instanz für alle Streitfälle: das Skatgericht

David Weyand
Blick auf den Marktplatz von Altenburg.
Blick auf den Marktplatz von Altenburg.Foto: David Weyand

Hans Jäschke ist 74 Jahre und hat ein Spielzimmer in seiner Wohnung. Hinter Glasvitrinen ruhen Bierkrüge, Schnapsgläser und ein Teeservice, an den Wänden hängen Urkunden und Ehrenteller, in den Regalen sammeln sich Pokale und Dutzende von Aktenordnern. All diese Gegenstände haben eins gemeinsam: Sie verbindet das beliebteste Kartenspiel der Deutschen. Skat.

Auf Fotos: Jäschke mit Skatbrüdern, Jäschke auf Skatturnieren, Jäschke beim Skatgericht. Er ist nicht allein wegen seiner kräftigen Statur ein Schwergewicht in der Skatszene. Altenburger, die ihn kennen, und eigentlich kennen ihn alle Altenburger, sagen, er sei ein hervorragender Spieler und ein wandelndes Skatlexikon. Jäschke ist eine Instanz in Altenburg, Deutschlands Skathochburg.

Die 35 000-Einwohner-Stadt im Osten Thüringens, 40 Kilometer südlich von Leipzig, ist die Wiege des Spiels, hier wurde es um das Jahr 1813 erfunden. Wer sich auf Spurensuche begeben will, wandelt entlang des „Spielkartenpfads“, ein geführter Rundgang dauert eine Stunde. Riesig sei die Nachfrage nicht, sagt die Stadtführerin bedauernd, „dabei verbinden fast alle Besucher Altenburg mit Spielkarten“. Zustimmendes Nicken unter den Touristen, die an einem bewölkten Vormittag an der Tour teilnehmen. Damit sich auch ohne Führer niemand verläuft, sind entlang des Weges Eicheln, Herzen und Karos auf Gullideckel, Treppenstufen und Bordsteine gesprüht.

Startpunkt ist die Geburtsstätte des Spiels, ein Haus am Marktplatz, direkt gegenüber dem Rathaus. Hier wohnte vor 200 Jahren der Regierungsrat Hans von der Gabelentz, in dessen Wohnung regelmäßig der Hofadvokat Friedrich Hempel, der Arzt Hans Schuderdorff, der Ratsherr Carl Neefe und der Lehrer Johann Hempel zusammenkamen, um Karten zu spielen. Gelegentlich war auch Friedrich Arnold Brockhaus mit von der Partie, der ab 1811 seine Lexika in Altenburg produzierte. Die Honoratioren spielten Schafkopf, Tarock, L’Hombre und Solo. Unzählige Male. Irgendwann langweilte sich die illustre Runde. Aus Elementen aller ihrer Lieblingskartenspiele entwickelten sie nach eigenen Regeln ein neues Spiel. Sie nannten es „Scat“.

Seitdem hat sich nicht nur die Schreibweise verändert. „Erst im Lauf der folgenden Jahrzehnte entwickelte sich die Urform allmählich zu dem Spiel, wie wir es heute kennen“, sagt Jäschke. Der ehemalige Verkaufsleiter für Elektrotechnik, Backwaren und Spielkarten, dessen Timbre an Hans-Dietrich Genscher erinnert, kennt alle Details der Skat-Geschichte. In Schützengräben und Kasernen, an Universitäten und auf Märkten fand das neue Spiel begeisterte Anhänger und breitete sich aus, über soziale und geografische Grenzen hinweg. Jäschke erzählt die Anekdote von den drei Bauernjungen, die fünf Stunden lang Karten kloppen, bis der Älteste auf den Tisch haut und daran erinnert, dass die Tiere noch gefüttert werden wollen. Darauf der Jüngste empört: „Hätte ich das gewusst, hätte ich gar nicht erst angefangen!“ Vielleicht muss man selbst Spieler sein, um das jetzt richtig witzig zu finden. Jäschke jedenfalls kann den Jungen verstehen: „Es ist das vielseitigste und geistig forderndste Kartenspiel, das es gibt.“ Sagt einer, der 14 weitere Spiele beherrscht.

Damals, vor 200 Jahren, hätte die steigende Popularität des neuen Spiels fast sein Aus bedeutet. Denn bald wurde an jedem Tisch nach eigenen Regeln gespielt, die mit der ursprünglichen Idee kaum mehr etwas gemein hatten. Dann, 1885, veröffentlichte der Leipziger Amtsgerichtsrat Karl Buhle das „Illustrierte Lehrbuch des Scatspiels“, um dem Wildwuchs ein Ende zu bereiten. Als ein Jahr später eine große Landes- und Industriemesse in Altenburg gastierte, ergriffen Buhle und andere die Gelegenheit und beriefen zeitgleich den 1. Deutschen Skatkongress ein. Der Einladung folgten rund Tausend Teilnehmer, die die von Buhle vorgelegte Allgemeine Deutsche Skatordnung annahmen. Erstmals gab es damit nahezu einheitliche und eindeutige Regeln. Allein die Art des Reizens – mit Farben oder Zahlen – blieb bis 1927 umstritten, erst danach einigte man sich verbindlich auf das Zahlenreizen.

Heute bieten auf dem Altenburger Markt Bäuerinnen ihr Gemüse feil, im Eiscafé „Blue Ice“ ist kein Platz mehr frei. An Markttagen pulsiert das Zentrum, sonst ist es ruhig, abends wie ausgestorben. Junge Menschen sieht man wenig, viele suchen ihr berufliches Glück woanders. Der Spielkartenpfad führt zwischen den Marktständen entlang, durch schmale und verwinkelte Gässchen geht es hinauf zum Altenburger Schloss. Obwohl auf einem Felsen thronend, sind zwei andere Gebäude entlang des Weges die eigentlichen Wahrzeichen Altenburgs: die Roten Spitzen. Die zwei Backsteinkirchtürme gehörten zu einem Augustinerkloster, das Kaiser Barbarossa einst stiftete. Der Sage nach symbolisieren sie dessen Bartspitzen. Sechs Mal weilte der Kaiser in Altenburg, ihm verdankt sich der Ehrentitel Barbarossa-Stadt, den sich Altenburg allerdings mit vier weiteren Städten in Deutschland teilt.

Das Schloss selbst wurde vor mehr als 1000 Jahren als Burganlage begründet, was man ihm nicht unbedingt ansieht – die Stile und Geschmäcker wechselnder Jahrhunderte haben ihre baulichen Spuren hinterlassen. Nicht nur Barbarossa, auch viele nachfolgende Herrscher nutzten das Schloss als Reiseresidenz, Altenburg war Kaiserpfalz.

Skatfreunde interessiert vor allem das Spielkartenmuseum im Haupthaus des Schlosses, besonders der eigens ihrem Spiel gewidmete Ausstellungsraum. 1923 wurde es als erstes Museum dieser Art eröffnet. Was Hans Jäschke für den Skat in Altenburg ist, ist die wissenschaftliche Mitarbeiterin Renate Reinhold auf dem Gebiet der Spielkarten: eine Expertin, die mit großer Leidenschaft ihre Schätze präsentiert.

Woher Spielkarten ursprünglich kommen, ist nicht erforscht. Vermutet wird Indien oder China, Frau Reinhold glaubt an Arabien. Tatsache ist, dass sie Ende des 13. Jahrhunderts fast zeitgleich in Italien, Frankreich und Spanien auftauchten. Belegt sind erste Verbote der Karten in Venedig, Regensburg und Nürnberg – bei Herrschern und Klerikern galten sie als Teufelswerk. Spielkarten, sagt Frau Reinhold, haben eine helle und eine dunkle Seite: „Der Freude und der Geselligkeit steht die Spielsucht gegenüber. Aber die liegt im Menschen, nicht in den Karten.“

Seit 500 Jahren werden in Altenburg Spielkarten hergestellt. Aus welchem Jahrhundert sie stammen, erkennt die Kennerin am Druckverfahren. Stolz zeigt sie eine Kopie der ältesten in Altenburg produzierten Karte aus dem Jahr 1509. Ein kleines Wasserzeichen, das Stadtwappen und der Name „Hockendorf“, eine Altenburger Spielkarten-Dynastie, belegen die Herkunft. Gelegentlich rufen Besitzer alter Häuser an, die renoviert oder abgerissen werden sollen. Die Kartenexpertin inspiziert dann Lehmmauern und Fachwerke und findet oft historische Spielkarten, die als Füllmaterial genutzt wurden. „Für mich sind das Nachschlagewerke“, sagt Renate Reinold.

1832 begann dann eine neue Zeit: Die Brüder Bechstein gründeten in Altenburg die erste Spielkartenfabrik Deutschlands. Wenige Hundert Meter vom Schloss entfernt produzieren noch heute 150 Mitarbeiter jährlich 40 Millionen Spielkartensets unter dem Traditionsnamen ASS Altenburger.

Vom Schlossberg geht es wieder hinunter in die Altstadt, zum Skat-Brunnen. Seit 1903 ringen hier auf einem zwei Meter hohen Steinsockel vier bronzene „Wenzel“ – Buben – miteinander. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Figuren eingeschmolzen, zu DDR-Zeiten restaurierte die Stadt das weltweit einzige Denkmal, das einem Kartenspiel gewidmet ist. Nach der Wende war es Jäschke, der Skat-Benefizturniere veranstaltete, um den Brunnen vor dem erneuten Verfall zu retten. So fließt noch heute aus zwei bronzenen Schweinsköpfen das Brunnenwasser. Feierlich demonstriert die Fremdenführerin eine Spielkartentaufe: Mit der einen Hand streichelt sie einen der Schweinsköpfe, mit der anderen hält sie ein noch verpacktes Kartenspiel unter das sprudelnde Wasser, dabei murmelt sie: „Saukopp, spucke of mei Blatt, dass ich Glück beim Skoaten hab.“ Leicht irritiert beobachten Touristen das seltsame Treiben.

Tauft Jäschke seine Karten auch? Vielleicht würde das die fulminante Siegesserie erklären, die er in seinem 20 Mitglieder starken Club „Die Luschen“ hingelegt hat: In den vergangenen zwei Jahrzehnten war Jäschkes schlechtestes Jahresresultat ein dritter Platz. Aber er fügt gleich hinzu: „Wer nur gewinnen kann, wird nie ein guter Skatspieler.“ Aus Niederlagen gebe es viel zu lernen, sagt er, und gute Leistungen der Mitspieler verdienten Anerkennung. Skat sei ein Spiel, bei dem man sachlich, abgeklärt und mit wenig Emotionen spielen sollte. Harmlose Sprüche wie „Den spielt meine Oma im Schlaf“ oder „Dem ziehen wir die Hosen aus“ gehören trotzdem dazu. „Das ist die Würze im Spiel“, sagt Jäschke.

Schräg gegenüber des Skat-Brunnens trifft sich seit zwölf Jahren der Skatklub „Trabant“, zwei Mal die Woche kommen 17 Mitglieder in einer Sportkneipe zusammen. Heute sind sieben Teilnehmer da, alle zwischen 25 und 40 Jahre alt, was ungewöhnlich ist: Bei Jäschkes „Luschen“, auch bei den „Casino Buben Altenburg“ oder beim „SC Grand“, den Traditionsklubs der Stadt, liegt der Altersschnitt deutlich höher.

„Es kommen einfach zu wenig junge Spieler nach“, sagt „Trabant“-Mitbegründer Wolfram Sörgel. Früher, klagt auch Jäschke, hätte man in einer Altenburger Kneipe immer Mitspieler gefunden, heute nicht mehr. Zahlen des Deutschen Skatverbands belegen diese Diagnose: 1998 gab es 37 000 Mitglieder, heute sind es 10 000 weniger. Wer nicht nur Turniere der Feuerwehr oder des Schützenvereins spielen will, sondern Skat als Sport versteht, wer an Meisterschaften teilnehmen und als Team bis hinauf zur 1. Bundesliga spielen will, sollte Mitglied im Deutschen Skatverband sein. Der wurde 1899 gegründet, in Altenburg natürlich, wo er seit 2005 wieder sesshaft ist.

Sind Online-Skatspiele eine Lösung? Internet-Poker boomt schließlich seit Jahren. Jäschke betrachtet virtuelle Spielrunden eher skeptisch, ihm fehlt da die Geselligkeit. Der 38-jährige Sörgel und seine Freunde sehen das anders. „Das Spiel mit echten Gegnern ist unschlagbar, aber wir spielen alle auch im Internet.“ Heute Abend allerdings wird live gezockt, an zwei Tischen. Bevor es losgeht, klopft Sörgel mit der Faust auf die Holzplatte. „Schöne Spiele!“, wünscht er. Dass hier tatsächlich der Sport im Vordergrund steht und nicht der Kneipenabend, verrät die Getränkewahl: Nur zwei Spieler bestellen Bier.

Ein guter Skatspieler behält den Überblick, ahnt, welche Karten gedrückt wurden und was die anderen noch auf der Hand haben. Er ist flink im Rechnen und summiert im Geiste die Stiche, Runde für Runde, unterbrochen nur von kurzen Diskussionen: „Sechs Eichel, ohne Ass, blanke Neun – was sollte ich denn machen?“ Antwort: „Wieso, kann man doch mal probieren.“

Wie in Thüringen, Sachsen, Bayern und Teilen Baden-Württembergs üblich, wird in Altenburg mit „deutschem Blatt“ gespielt: Eichel, Grün, Rot, Schellen. Grün und Rot sind einfarbig, Eichel und Schellen bunt. Im Rest des Landes kommt das französische Blatt auf den Tisch: Kreuz, Pik, Herz, Karo, hier gibt es nur schwarz oder rot. Statt Bube, Dame, König, Ass heißt es im Deutschen Blatt: Wenzel (auch „Unter“ genannt), Ober, König und Daus (oder „Sau“). Damit Berliner und Altenburger dennoch zusammen spielen können und keiner einen Vorteil hat, gibt es eine Mischform beider Arten: das Turnierblatt.

Jäschke, der auf dem rechten Auge blind ist, zieht das deutsche Blatt vor: „Mit nur zwei Farben hab ich Schwierigkeiten.“ Zu DDR-Zeiten organisierte er in Altenburg Großturniere mit 4000 Teilnehmern, später auch in Leipzig, Magdeburg oder Berlin. „Wir teilten die Spieler auf alle Kneipen auf und mussten noch Gartenlauben hinzunehmen“, erinnert er sich. „Wir mussten Druckgenehmigungen für die Spiellisten beantragen, Papier, Farbe und Umschläge für die Einladungen auftreiben – ein Riesenaufwand.“ Jäschkes Erfahrung in der Organisation von Skatturnieren blieb auch der heutigen thüringischen Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht nicht verborgen. Sie veranstaltete in den 90er Jahren die Turniere der Parlamentarischen Gesellschaft in Bonn und fragte ihn, ob er die Turnierleitung übernehmen wolle. Fünf Jahre lang war er der oberste Aufseher, wenn Johannes Rau oder Rita Süssmuth Skat kloppten. Als das Turnier später in Berlin stattfand, spielte er selbst noch zweimal mit: Beim ersten Mal wurde er Zweiter, im zweiten Jahr Erster. Die Siegerurkunde hängt gerahmt vor seiner Wohnungstür, schräg über der Klingel.

Ebenfalls im Stadtzentrum, im „Hotel am Roßplan“, befindet sich Altenburgs wahrscheinlich wichtigste Institution: das Deutsche Skatgericht. Sieben „Hüter der Skatordnung“ versammeln sich dort an vier Wochenenden im Jahr und beraten über die korrekte Auslegung der Regeln. Anfragen müssen schriftlich eingereicht werden, etwa 400 sind es pro Jahr. „Muss beim Reizen mit 18 angefangen und die Reihenfolge der Reizwerte eingehalten werden oder darf man mit höheren Reizwerten beginnen?“ – so lauten Routinefragen. (Antwort: Man kann höher anfangen.) Andere sind spezieller: „Am Vierertisch sind von 48 Spielen 20 durchgeführt, als ein Spieler einen Herzinfarkt erleidet und ausscheidet. Bleibt die Spielliste gültig?“ (Antwort: „Weiterspielen!“)

Änderungsvorschläge zu den Spielregeln legt das Skatgericht dem alle vier Jahre tagenden Skatkongress zur Entscheidung vor. „Die Skatordnung ist ein lebendes Werk“, sagt Jäschke. Oft erhält Gerichtspräsident Peter Luczak auch spontane Anrufe aus Kanada, Südafrika oder den Bahamas, gelegentlich sogar nachts. „Natürlich beantworte ich die auch“, sagt er, „ich freue mich doch, wenn jemand in Kanada extra vier Stunden mit dem Auto zum nächsten Nachbarn fährt, nur um Skat zu spielen.“

Gegründet wurde das Altenburger Skatgericht 1927. Zwischen Krieg und Mauerbau zog es um nach Bielefeld. Skatspieler aus aller Welt wandten sich bei Streitfällen trotzdem an die kleine Stadt in der DDR, weshalb der Stadtrat 1963 die Gründung eines eigenen Altenburger Skatgerichts beschloss. Das letzte noch lebende Gründungsmitglied hat das Gericht ein paar Jahre geleitet und ist heute Vizepräsident. Sein Name: Hans Jäschke.

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