Die Stadt : Über den Dächern von Hongkong

Sie wohnen illegal auf Hochhäusern, sie haben trotzdem Wasser, Strom, Telefon und zahlen Miete. Tausenden der Ärmsten in Hongkong bleibt nur der Weg nach ganz oben. Stefan Canham hat ihre Hütten fotografiert.

Sebastian Leber
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Eine Hüttensiedlung in Hongkong.Foto: Stefan Canham

Da ist der junge Mann, der kein Geld für Möbel ausgeben will, weil er hier sowieso nicht lange bleiben möchte. Oder der Mann, der mal das Gleiche gedacht hat, vor 30 Jahren, als er herzog. Ein paar Hütten weiter lebt der Jade-Schleifer, der sein Essen mit streunenden Katzen teilt. Und da ist die Frau, die tagsüber schläft, weil sie nachts in Hongkongs Disneyland sauber macht. Stefan Canham war bei allen zu Gast. Meistens war der Fotograf außer Atem, wenn er an ihre Türen klopfte. Vom Treppensteigen.

Erfahren hat er von ihnen aus dem Fernsehen. In einer Reportage hieß es beiläufig, in Hongkong gebe es Menschen, die nicht in Hochhäusern, sondern obendrauf wohnten. In selbst errichteten Hütten aus Holz, Kunststoff, rostigem Wellblech. Zu sehen war aber wieder bloß die Skyline mit den Wolkenkratzern, die sowieso jeder vor Augen hat, der an Hongkong denkt. Warum haben die das nicht gefilmt, hat sich Canham geärgert, zu Hause in Hamburg auf seinem Sofa.

Offiziell sind die Dachsiedlungen illegal. Aber die Stadtverwaltung toleriert sie, das war unter britischer Kontrolle so und hat sich auch nach der Rückgabe an China 1997 nicht geändert. Der Wohnraummangel ist groß in der Sieben-Millionen-Metropole, in manchen Stadtteilen leben 52 000 Einwohner auf einem Quadratkilometer. Genaue Zahlen über die Dachhüttenmieter gibt es nicht, die verlässlichste ist zehn Jahre alt: Damals untersuchte die Feuerwehr alle Bauten der Stadt auf Brandgefährdung. Sie fand Dachsiedlungen auf 9000 Häusern.

Stefan Canham hat sich schon früher für außergewöhnliche Wohnformen interessiert. 2004 reiste er durch Deutschland, fotografierte auf Plätzen, auf denen Menschen in Bauwagen leben. Nach dem Fernsehbericht suchte der 40-Jährige im Internet. Er fand Rufina Wu, eine Architektin aus Kanada. Sie ist in Hongkong geboren, kennt sich aus in der Stadt. Und sie spricht Kantonesisch.

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Auf den Dächern leben viele Wanderarbeiter.Foto: Stefan Canham

Man hat sie mehrfach gewarnt. Nicht einmal bewaffnet sollte man auf die Dächer steigen, hieß es. Dort lebten Drogenhändler und andere Kriminelle, zumindest aber, und die mag in Hongkong auch keiner: new immigrants. Pakistanis, Inder, Nepalesen, die in der Sonderwirtschaftszone Arbeit suchen. Am liebsten schweigen die Hongkong-Chinesen über ihre Hüttenbewohner, sagt Canham. Nur wenn es auf einem Dach gebrannt hat und Menschen gestorben sind, dann gibt es eine kurze Meldung in der Zeitung.

Drei Monate war er mit Rufina Wu vor Ort. Zuerst liefen sie einfach durch die Straßen, den Blick immer nach oben. Man sieht die Hütten auch vom Boden aus, die meisten sind bis direkt an die Dachkante gebaut, um die Fläche optimal auszunutzen. Pro Familie hatten sie zwei Besuche eingeplant. Erst ohne Kamera, nur um sich vorzustellen. Rufina Wu hat dann erklärt, woher sie kommen und dass sie einen Bildband und eine Ausstellung planen. Sie hatten auch Flyer vorbereitet, auf der einen Seite in Englisch bedruckt, auf der anderen Chinesisch. Das half natürlich nichts, wenn die Bewohner Analphabeten waren. Canham stand daneben und lächelte. Die Kollegin hat ihm später erzählt, wie das Gespräch verlief. Etwa jede zweite Familie war bereit für einen weiteren Besuch. Dann mit Großbildkamera und Stativ. Die Bewohner hat Canham nicht fotografiert. Er hat sich auch keine Namen notiert, so war es ausgemacht.

Es ist Dienstagmorgen, ein Café in Hamburg-Eimsbüttel. Kein sehr gemütliches, aber immerhin hat es schon offen. Stefan Canham hat heute viel vor, wenn er nicht fotografiert, arbeitet er als Cutter fürs Fernsehen. Gerade muss er eine neue Doku-Soap fertig schneiden, sie handelt vom Alltag in einer Oldtimer-Werkstatt. Doch, das mache ihm auch Spaß, sagt er. Canham ist heiser, gestern Abend musste er viele Gespräche führen, im Kunsthaus wurde seine Ausstellung eröffnet. Sechs Wochen lang hängen die Hüttenbilder aus Hongkong jetzt dort.

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Diese Wohnung hat Strom- und Wasseranschluss.Foto: Stefan Canham

Geschockt war Stefan Canham nicht, als er oben auf den Dächern stand. „Klar ist es ein Armutsphänomen, aber ich habe da nicht nur Elend gesehen.“ Viele Haushalte haben Strom, Telefon, Satellitenfernsehen, Wasseranschluss, sie zahlen dafür. In manchen Hütten stehen Toiletten, in anderen gibt es nur offene Abflussrohre im Boden. Die Bewohner bezahlen Miete, für umgerechnet 100 Euro im Monat lebt man auf 15 Quadratmetern in zentraler Lage. Das ist für viele der Hauptgrund, aufs Dach zu ziehen: Preiswerten Wohnraum finden sie sonst nur in den Satellitenstädten weit außerhalb – aber dort gibt es nicht genug Jobs in Garküchen, Barbiersalons, kleinen Geschäften.

Viele Bewohner boten Canham Getränke an, meistens Coca-Cola. Einmal wurde er von einer Frau bekocht, die in der Provinz Guangxi auf einem Bauernhof aufgewachsen war und nur das Landleben kannte, bis sie vor vier Jahren nach Hongkong kam. Mit ihrem neunjährigen Sohn spielte Canham Fußball, oben auf dem Dach, die Wand des Nachbarn war das Tor. Der Junge schoss vorsichtig, erzählt Canham, aber er selbst habe nicht aufgepasst und den Ball über den Rand gekickt. Er musste neun Stockwerke nach unten laufen, um ihn zu holen. Zum Glück war niemand verletzt worden.

Die Stadtverwaltung ist nicht untätig, sagt Ernest Chui, Professor der Sozialwissenschaften an der Universität Hongkong. Er verweist auf die vielen Sozialunterkünfte, nur in Singapur gebe es mehr. Doch Chui glaubt auch: Dachsiedlungen wird es noch in 50 Jahren geben. Vor allem, weil der Zustrom der Migranten nicht abreißt – und weil der Lebensstandard der Hongkong-Chinesen auch zwölf Jahre nach der Rückgabe an die Volksrepublik ungemein höher ist als in den angrenzenden Regionen.  Schwangere Frauen reisen kurz vor der Entbindung nach Hongkong, weil hier geborene Kinder automatisch eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen. Und Anspruch haben auf medizinische Versorgung und Bildung, die es so auf dem Festland nicht gibt.

Weil die Zahl der Bewohner nicht erfasst ist, gibt es auch keine Statistiken über Brände oder Stürze von den Dächern. Gefährlich ist vor allem die Taifun-Saison zwischen Juli und September. Dann verwandeln sich die Dachpappen und Wellbleche auf den Hütten in Drachen, hat ein Mann Canham erzählt.

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In diesem Viertel leben 52000 Einwohner auf einem Quadratkilometer.Foto: Stefan Canham

Freie Wohnungen werden unter Bekannten weitervermittelt. Es gibt aber auch Makler, die Dachsiedlungen anbieten. Stefan Canham war in Hütten, die innen so hergerichtet waren, dass sie in ein durchschnittliches Hongkonger Mietshaus gepasst hätten. Zum Beispiel die eines pakistanischen Wanderarbeiters: 21 ist er, sein Vater Schuldirektor, seine Mutter Ärztin. Die Wohnung ist gekachelt, es gibt einen Ventilator und einen DVD- Player. Der Mann hat Statistik studiert und beherrscht sechs Sprachen: Urdu, Hindi, Englisch, Kantonesisch, Punjabi, Arabisch. In Hongkong arbeitet er auf dem Bau, aber sobald er genug Geld verdient hat, will er nach Islamabad zurück. Seine Dachhütte hat er „Pakistan Penthouse“ genannt, das steht auch auf dem selbst gebastelten Briefkasten, den er unten im Erdgeschoss an die Wand gehängt hat. Der Postbote stellt alle Briefe zu.

Während Canham die Fotos machte, hat Rufina Wu alle Räume vermessen und Skizzen angefertigt. Das Pakistan Penthouse zum Beispiel ist 15 Quadratmeter groß. Das ist viel für einen Hongkonger Singlehaushalt. Viele Dachbewohner haben vorher in regulären, aber wesentlich kleineren Räumen gelebt. Manche in einem der berüchtigten „Cage homes“: übereinandergestapelte Betten, jedes mit Maschendraht zu einem Käfig umschlossen. 80 Euro im Monat kostet ein Bett, den Saal teilt man sich mit 200 anderen Käfigmietern. Stefan Canham hat sich so ein Cage Home angesehen. Ein Bewohner machte sich einen Spaß und zeigte dem Fotografen seine durchsichtige Plastiktüte. Da waren tote Bettwanzen drin, die der Mann eigenhändig aus seiner Matratze gezogen haben will. So gesehen sind Dachhütten eine echte Errungenschaft, sagt Canham. Und das meine er jetzt nicht ironisch.

Als Nächstes will der Hamburger nach Indien reisen. Nach Dharavi, den Teil Mumbais, in dem „Slumdog Millionär“ gedreht wurde. Der Film war ein schönes Märchen vor einer Elendskulisse, sagt Canham. Aber über den Slum und seine Wohnungen erfahre man nichts. Er hat gehört, dass die Bewohner dort Plastikflaschen schreddern, damit aus dem Abfall später Fleecejacken für Europäer hergestellt werden. Warum gibt es davon noch keine Bilder, hat sich Canham gefragt.

Die Ausstellung im Kunsthaus Hamburg läuft bis zum 5. Juli. Adresse: Klosterwall 15, Telefon 040 33 58 03, offen ist Di-So 11-18 Uhr.

Der zugehörige Bildband „Portraits from Above“ ist beim Berliner Verlag „Peperoni Books“ erschienen. Auf 300 Seiten enthält er rund 120 Fotografien von Stefan Canham und 90 Architekturzeichnungen von Rufina Wu. Er kostet 45 Euro. Mehr Informationen gibt es im Internet unter
www.peperoni-books.de.

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