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Die Stadt : Von der Geschichte gezeichnet

06.06.2010 02:00 Uhrvon
So sieht Berlin aus, wenn Henning Wagenbreth es zeichnet. Bild: Henning WagenbrethBild vergrößern
So sieht Berlin aus, wenn Henning Wagenbreth es zeichnet. - Bild: Henning Wagenbreth

Klingt kompliziert, sieht gut aus: Israelische und deutsche Comic-Künstler haben ihre eigene und die Heimatstadt der anderen besucht und gezeichnet. Mitte Juni erscheint das Buch zum Austausch.

Als Yirmi Pinkus Mitte der 90er Jahre zum ersten Mal nach Berlin fliegen wollte, konnten das in Tel Aviv viele seiner Freunde und Bekannten nicht verstehen. „Was willst du denn bei den Nazis?“, fragten sie den Künstler. Heute fragt das keiner mehr. Wenn Pinkus sich jetzt in Israel mal wieder auf die Reise nach Berlin begibt, inzwischen seine zweite Heimat, dann schwärmen auch seine Bekannten in Tel Aviv von den angesagten Clubs, der Musik und davon, dass Berlin doch die coolste Stadt Europas sei, erzählt er.

Bei Berlins Bild in der Welt liegen zwischen der weltoffenen Metropole und dem schweren Erbe der Geschichte nur wenige Schritte.

Das haben Pinkus und acht andere deutsche und israelische Zeichner und Autoren im vergangenen Jahr zusammen erlebt: Gefördert vom Deutsch-Israelischen Zukunftsforum trafen sie sich erst in Berlin, dann in Tel Aviv, um ihre Impressionen in einem gemeinsamen Werk zu veröffentlichen. „Tel Aviv Berlin – ein Reisebuch“ heißt das Buch, in dem jeder Künstler zu beiden Städten jeweils eine Doppelseite gestaltet hat, Mitte Juni erscheint es gleichzeitig auf Deutsch und Hebräisch (Avant Verlag, 29,95 Euro).

Weltkriegsbomber, Grenzsoldaten und Politbürokraten

Wie stark die Vergangenheit die Gegenwart beider Städte bestimmt, hat auch Henning Wagenbreth bei seinen Besuchen in Tel Aviv immer wieder erfahren: Als der Professor der Berliner Universität der Künste israelischen Studenten von seiner Heimatstadt erzählte, bot einer an, Wagenbreth auf alten Familienfotos zu zeigen, wo einst das Geschäft seiner Großeltern am Potsdamer Platz stand. „Da merkt man, wie kurz der historische Abschnitt ist, in dem das alles passiert ist.“ Die Omnipräsenz der Geschichte zeigt sich auch in Wagenbreths Stadtansichten: Berlin ist ein von der Mauer geteiltes historisches Horrorkabinett, das neben russischen Panzern und Weltkriegsbombern, Grenzsoldaten und Politbürokraten auch alte und neue Nazis bevölkern. Sein Bild von Tel Aviv ist moderner, allerdings kaum weniger düster: Bombenleger und religiöse Fanatiker unterschiedlicher Glaubensrichtungen treiben in einer ebenfalls durch eine Mauer getrennten Stadt ihr Unwesen. Zwei Städte, die jede auf ihre Weise bis heute an ihrem Erbe zu tragen haben.

Nur wenige der Künstler erzählen vom gegenwärtigen Alltag der Städte und ihrer Bewohner. So hat der Berliner Grafiker Jan Feindt zusammen mit der israelischen Schriftstellerin Shelly Duvilanski eine autobiografisch geprägte deutsch-israelische Liebesgeschichte als fotorealistisch anmutenden Comic umgesetzt: Die Geschichte beginnt in Tel Aviv am Drum Beach, dem Strand, an dem man sich am Freitagabend zum Feiern und Flirten trifft, und endet zwischen Mauerpark und anderen Ecken in Prenzlauer Berg. Auch Yirmi Pinkus hat durch mit Zitaten kombinierte Porträts seiner prominenten Gesprächspartner in beiden Städten Facetten des gegenwärtigen Lebens aufgegriffen und Parallelen herausgearbeitet: zum Beispiel die Bedeutung der Zugezogenen, ihre großen Träume und ihre kreative Energie für das Selbstbild der beiden Städte.

„Auf diesem Buch liegt tonnenschwer die Geschichte“

Ansonsten dominiert das Gestern, vor allem beim Blick auf Berlin: Rutu Modan lässt ihr Jugendidol Rosa Luxemburg durch das heutige Berlin wandeln. Anke Feuchtenberger, Professorin an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, verarbeitet auf einer wie eine Traumsequenz gezeichneten Straßenbahnfahrt Erinnerungen an ihre Jugend in Ost-Berlin. Batia Kolton kontrastiert Alltagsszenen in Tel Aviv – ein Mann beim Taubenfüttern, eine Frau beim Bad im Brunnen – mit einem historischen Berlin-Bild: Bilder, deren Vorlagen aus ihrem eigenen Familienalbum stammen, umrahmen einen Brief, den ihre Urgroßmutter aus Tel Aviv an den in Berlin lebenden Großvater schickte und in dem sie sich große Sorgen um ihn macht. Der Brief wurde am 22. November 1938 abgeschickt, keine zwei Wochen nach den Novemberpogromen gegen Juden im Deutschen Reich.

Es sollte ein künstlerischer, aber doch auf die Gegenwart bezogener Reiseführer zu den beiden Städten werden, so lautete der Auftrag. Herausgekommen ist eine Zeitreise, eine Annäherung an die Bedeutung der wechselseitig verknüpften Historie für die Gegenwart. „Auf diesem Buch liegt tonnenschwer die Geschichte“, schreibt die israelische Literaturkritikerin Maya Baker im Vorwort. Wer sich für das Hier und Jetzt der beiden Städte interessiert, dem hilft die audiovisuelle Beigabe zu dem Werk, Bezüge herzustellen: Claudia König und Matthias Frickel haben aus Interviews mit den Künstlern und aktuellen Beobachtungen einen einstündigen Dokumentarfilm gemacht, der die heutige Atmosphäre beider Städte einfängt, dazu bieten sie einen Audioguide zu wichtigen Orten. Wenngleich auch dort die Vergangenheit immer präsent ist: „Es ist für mich nichts Selbstverständliches, einfach so durch Berlin zu laufen“, sagt die Illustratorin Mira Friedmann beim Interview am Alexanderplatz, „das ist immer ein schwieriges Thema.“

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