Die Stadt : Zlin, Stadt der Arbeit

Ein Schuhfabrikant realisiert seine Utopie in den 20er Jahren: modernste Fabriken, jedem Arbeiter sein eigenes Haus mit Bad, ein Riesenkino. Ortstermin in einer tschechischen Kunstwelt.

Christina Tilmann
View of Shoe Manufacturing Industry Zone of Bata's Plants from 1924, Zlin, Zlin
Das Fabrikareal von Zlin wurde in den 20ern entworfen.Foto: Vario

Der Lift. Wer immer sich mit Zlin befasst, beginnt mit dem Lift. Eigentlich ist es gar kein Aufzug, sondern ein fahrbares Büro, das der Schuhfabrikant Jan Antonin Bata sich 1938 konstruieren ließ, Weltkarte, Telefon und Handwaschbecken inbegriffen. Schnelle Kommunikation war sein Ziel, und er wollte hoch hinaus. Das von Vladimír Karfík entworfene Gebäude 21 war damals eines der höchsten Häuser Europas, topmodern ausgestattet mit Klimaanlage, Luftrohrpost und elektronischem Nachrichtensystem. Der Nebengedanke des Chefs: Aus dem Aufzug heraus ließen sich die Arbeiter auf den Etagen bestens überwachen.

So weit der Mythos. Ob Jan Antonin Bata, der die Fabrik 1932 von seinem Halbbruder Tomas übernahm und das Land nach der deutschen Okkupation im Mai 1939 für immer verließ, den Lift überhaupt noch benutzt hat, ist nicht klar. Auch mit der Überwachung war das so eine Sache: Das Gebäude 21 war, zum Ersten, kein Fabrikgebäude wie die umliegenden Hallen, sondern die Verwaltungszentrale der Firma. Auch ist beileibe nicht die ganze Fabriketage vom Lift aus einzusehen. Und hätten die Angestellten nicht schon an den aufleuchtenden Etagennummern erkennen können, wo der Chef sich gerade befindet? Doch als Symbol erfüllt der Lift noch heute seinen Zweck. Bata, das war ultramoderner Kapitalismus und totale Überwachung dazu. Big Brother in Tschechien, und die Unternehmensstadt als Batas Brave New World.

Zlin, eine kleine Stadt im Osten Tschechiens, ist ein Mekka für Architekturfans, vergleichbar der Weißenhofsiedlung in Stuttgart oder den Bauhaus-Bauten in Dessau, nur wesentlich unbekannter. Sie ist noch immer ein Geheimtipp, auch wenn schon Le Corbusier hier zu Gast war, für Bata Erweiterungsbauten plante und davon sprach, dass „Zlin ein leuchtendes Phänomen“ sei. Wer tschechischen Funktionalismus in Reinkultur erleben will, der reise nach Zlin. Oder nach München. Denn die Ausstellung „Das Bata-Phänomen“ aus der Nationalgalerie Prag wird ab Herbst in der Pinakothek der Moderne zu sehen sein.

3000 Einwohner hatte das 80 Kilometer östlich von Brünn gelegene Städtchen zur Jahrhundertwende, als Tomas Bata seine erste Schuhfabrik gründete. 43 000 waren es Ende der 30er Jahre. Heute ist Zlin eine Universitätsstadt von 80 000 Einwohnern, beschaulich, aber nicht unlebendig. Die Schuhfabrik, die nach dem Zweiten Weltkrieg verstaatlicht wurde und unter dem Namen Svit bis 1989 produzierte, ging in den 90ern pleite. Auf dem Fabrikgelände siedeln sich heute Kleinunternehmen an, es gibt eine Go-Kart-Bahn in einer Halle, in andere Gebäude sollen Teile der Universität einziehen, auch das Werksschwimmbad will man wieder öffnen. Es werden aber auch noch Gummireifen, Gummistiefel und Schuhe produziert, wenn auch nicht mehr von Bata. Wenn der Wind ungünstig steht, riecht es in der ganzen Stadt nach Gummi.

Zlin ist als Stadt ein Kunstprodukt, das Werk eines urbanen Visionärs. Tomas Bata, 1876 geboren, Sohn eines Schuhmachers aus Zlin, hatte schon als 18-Jähriger große Pläne. 1896 eröffnete er mit seinem Bruder die erste Schuhfabrik, mit zehn Arbeitern und 40 Heimarbeitern. 1914 hatte man 400 Arbeiter, der Erste Weltkrieg brachte wesentliche Profitmöglichkeiten: 50 000 Schuhe produzierte Bata 1916 täglich, und 6000 Militärschuhe. Die Fabrik versorgte die Hälfte der österreichisch-ungarischen Armee.

Doch Zlins große Zeit kam in den 20ern. Auf Amerikareisen hatte Tomas Bata Detroit besucht und die dortigen Automobilfabriken von Henry Ford kennengelernt. So etwas, entschied er, wollte er auch für Zlin. 1923 wurde Bata zum Bürgermeister der Stadt gewählt und ging ans Werk. Ein riesiges Fabrikareal entstand, eine „Fabrik in den Gärten“, entworfen von seinem Chefarchitekten Frantisek L. Gahura, dazu kommunale Gebäude wie ein Gemeinschaftshaus, Schulen, Universität, Wohnheime, Shopping-Center und ein Riesenkino. Doch Bata träumte weiter: von Radio, Telefon und Fernsehern für alle, ja davon, dass irgendwann jeder Arbeiter mit dem Flugzeug zur Arbeit kommen würde.

Fliegen, das war für den zukunftsgläubigen Fabrikchef das Fortbewegungsmittel der Zeit. In Otrokovice, einer Fabrikdependence zehn Kilometer von Zlin entfernt, ließ er einen Flugplatz bauen, zwischen Zlin und Otrokovice bewegte man sich zu Besprechungen per Hubschrauber, und Bata machte sich mit der Propellermaschine auf zu einer Geschäftsreise rund um die Welt. Dass er 1932 bei einem Flugzeugunglück ums Leben kam, in den nebligen Bergen rund um Zlin – es wirkt wie die letzte, bittere Pointe der lebenslangen Leidenschaft. Man beerdigte ihn auf dem Waldfriedhof, den er erst vor Jahresfrist selbst gegründet hatte. Das Unglücksflugzeug war seit 1933 zu sehen im Bata Memorial oberhalb der Stadt: einem hinreißenden Glasgebäude, das nachts wirkungsvoll erleuchtet wurde, dann schwebte das dunkle Flugzeug im hellen Raum.

Heute nutzt die örtliche Philharmonie das Gebäude, hat hinter der Glasvorhangfassade Künstlergarderoben eingerichtet und Vorhänge angebracht, von der ehemaligen Weitläufigkeit ist nichts mehr zu spüren. Und die Stadt kämpft um ihre Geschichte, kämpft gegen Leerstand und schnellen Kapitalismus, kämpft aber auch um eine Neudefinition ihrer Firmengeschichte. Da Tomas Bata im Sozialismus Persona non grata war – die Stadt wurde 1949 zu Ehren des Präsidenten Klement Gottwald in Gottwaldov umbenannt –, geht der Blick zurück oft nur in schwarze Löcher. Noch im Mai 2009 stritten sich auf einem von der Bundeskulturstiftung initiierten Symposium Experten darum, ob Tomas Bata ein besonders innovativer Sozialreformer war oder ein Diktator, der seine Leute mit Propagandafilmen, Rundfunksendungen, eigenen Schulen und Universitäten auf die Firmenlinie einschwor. Selbst die Begrüßung mit „Hallo“ am Telefon war verboten, das waren drei verschwendete Sekunden, und Zeit ist Geld. „Der Tag hat 86 400 Sekunden“, ließ Tomas Bata an die Fabrikwand malen, man sollte keine einzige vergeuden. Das Ziel war der neue Mensch, jung, optimistisch, effizient.

Produktiver für die Zukunft ist die Debatte, wie Zlin heute mit seiner Geschichte leben kann. Baulich haben sowohl Fabrikareal als auch Werkssiedlungen die 50 Jahre Sozialismus wie im Dornröschenschlaf fast unversehrt überstanden. Nun aber bricht der Kapitalismus herein. Von den Fabrikgebäuden stehen einige leer, die Träume der Stadt, hier den Uni-Campus anzusiedeln, hat die schnelle Vermarktung der Immobilien nach 1989 unmöglich gemacht. Außerdem stehen immer noch Restitutionsansprüche im Raum, auch wenn darüber in Zlin niemand spricht. Nach 1989 hatte man dem im vergangenen Jahr verstorbenen Firmenerben Thomas Bata jr. angeboten, er könne ja sein Fabrikgelände zurückkaufen. Einen Prozess, in dem er sich gegen die Begründung wehrte, sein Onkel habe mit den Nazis kollaboriert und die Enteignung 1945 sei daher rechtmäßig gewesen, hat Bata 2007 gewonnen. Doch die Stadtarchitekten befürchten, die Investoren könnten inzwischen vollendete Tatsachen schaffen, durch Abriss oder Neubau. Zwar steht das Raster des Fabrikgeländes, nicht aber die einzelnen Gebäude unter Denkmalschutz. In dem einen versagte, pünktlich zur Besichtigung, der Lastenaufzug, ein anderes ist als Designzentrum totsaniert und gilt trotzdem als Vorzeigeobjekt – das lässt Schlimmes ahnen für weitere Sanierungsfälle.

Doch bewahrenswert ist nicht nur das Fabrikareal. Noch fast unverändert existieren auch die Werkssiedlungen mit unzähligen Ein- bis Vierfamilienhäusern, die Tomas Bata für seine Arbeiter bauen ließ: lauter kleine Ziegelbauten, verstreut über grüner Wiese, als habe ein Kind eine Handvoll Würfel ausgeschüttet. „Kollektiv arbeiten, individuell wohnen“, war einer von Batas Slogans, oder: „Der Fabrikarbeiter ist bei der Arbeit ein Sklave, da soll er sich zu Hause als König fühlen.“ König auch in der Ehe: Die Frau sollte zu Hause bleiben und sich um Mann und Kind kümmern, war die Idee. Beim Familienbild war Tomas Bata definitiv sehr konservativ. Die Siedlungen ließ er in Form von Gartenstädten nach englischem Muster entwerfen. Für die Fabrikarbeiter, die oft aus Bauernfamilien stammten, bedeuteten diese Häuschen großen Luxus: ein eigenes Heim mit Garten, fließend Wasser und Toilette.

Heute wirkt der Luxus von einst längst nicht mehr so luxuriös. Bis zu vier Parteien haben in den kleinen Häuschen gewohnt, das bedeutet: 56 Quadratmeter, ein Zimmer unten, mit Miniküche und Bad, steile Stiege, und dann ein Zimmer oben. Geheizt wurde durch ein Loch in der Decke, ein Kohleofen für das ganze Haus. Für in der Hierarchie höher aufgestiegene Angestellte gab es, oben am Hang, näher am Wald, Zweifamilien- oder Einfamilienwürfel, etwas luxuriöser, aber immer noch eng. Ein Musterhaus, das sich erhalten hat, ist zum Museum umgebaut, mit den wuchtigen Möbeln der Zeit. Ein Kleinbürgertraum.

Bei Studenten und Architekten in Zlin sind die Bata-Häuser heute sehr beliebt: Eine Mini-Wohnung im Grünen ersetzt den Platz im Studentenwohnheim. Lucie Galcanová und Barbara Vacková aus Brünn haben gemeinsam mit ihrer aus Zlin stammenden Professorin Jitka Ressová untersucht, wie Bewohner heute in diesen Häusern leben. Wie kommt man die Stiege hinauf, wenn man 80 Jahre alt oder ein Kleinkind ist? Wie heizt man die Häuser, deren Außenwände aus einer dünnen Ziegelreihe bestehen? Was tun mit Minibad und Miniküche? Ein Rundgang durchs Quartier zeigt eine Vielfalt von Varianten: Da sind die Küchen herausgebrochen, eine große Raumküche ersetzt das Gelass. Gern auch wird die Außenwand mit Wärmedämmung versehen und darauf dann neue Ziegel aufgebracht, oder ein einstöckiger Anbau geschaffen – die Denkmalschützer sehen es mit Ärger.

Doch nicht nur Zlin beschäftigt sich heute mit Bata. Überall hatte der Unternehmer schon seit den frühen 30er Jahren Satellitenstädte erbauen lassen, in der Slowakei und in England, Holland und der Schweiz, in Brasilien, Kanada, Indonesien und Indien. Sie tragen fantasievolle Namen wie Batov und Batovany, Batizovce und Bataville, Batanagar und Batatuba, Batavia und Batawa. Und sie sehen immer gleich aus: Fabrikgebäude aus Beton, Backstein und Glas, im strengen Raster, und dazu eine Siedlung von würfelförmigen Einfamilienhäusern im Grünen. In Indien gelten die Häuser von Batanagar immer noch als Luxus der Mittelschicht. Und in East Tilbury bei London leben heute noch ziemlich viele ehemalige Fabrikarbeiter mit tschechischen Namen.

Die britischen Künstlerinnen Nina Pope und Karen Guthrie luden 2004 für ihren Film „Bata-ville“ 42 ehemalige Bata-Mitarbeiter aus East Tilbury und Maryport ein, gemeinsam eine Reise nach Zlin zu unternehmen. Kaum hatte sich der knallgelbe Bus, auf dem das Bata-Motto „Wir haben keine Angst vor der Zukunft“ stand, in Gang gesetzt, spielten die fröhlichen Rentner schon Bingo. Am Grab von Tomas Bata in Zlin las man aus seinem Testament, in der eleganten Bata-Villa feierte man den 90. Geburtstag von Thomas Bata jr. – und traf ihn dann in Prag zufällig höchstpersönlich auf der Straße. Die bittere Pointe: Als die Exkursionsteilnehmer fröhlich von ihrer Reise zurückkamen, erfuhren sie: Der Standort East Tilbury sollte geschlossen werden.

Im Mai 2009 reiste Joan James, ehemalige Sekretärin in East Tilbury, noch einmal nach Zlin, um auf dem Symposium von ihrem Leben in einer Bata-Stadt zu erzählen. Sie schwärmte vom fabrikeigenen Kino, erzählte von den per Lautsprecher übertragenen Märchen, mit denen Bata seine Arbeiter jeden Morgen begrüßen ließ, und auch von den Nachteilen des Systems, die sie zu spüren bekam: Wenn die Vorgärten nicht aufgeräumt waren, kam prompt die Werkspolizei vorbei und ermahnte zu mehr Ordnung und Sauberkeit. Und dennoch: Sie seien etwas Besonderes gewesen, die Bata-Arbeiter, erzählte die alte Dame stolz: wie eine große Familie. Sie fühlte sich zu Hause in Zlin, am anderen Ende Europas.

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