Die Stadt : Zum weißen Hirsch

Uwe Tellkamps Bestseller „Der Turm“ spielt in einem bürgerlichen Viertel von Dresden. Nun gibt es Führungen auf den Spuren des Romans

Mandy Schielke
Das "Tausendaugenhaus" spielt eine Rolle im Roman von Uwe Tellkamp.
Das "Tausendaugenhaus" spielt eine Rolle im Roman von Uwe Tellkamp.Foto: picture-alliance/ dpa

Es surrt leise, als die Lichtschranken die Türen der Standseilbahn öffnen. Kein lautes Schnarren, wie es der Schriftsteller Uwe Tellkamp in seinem Roman beschreibt, als sich der junge Christian Hoffmann mit seinem ganzen Gewicht gegen die Türen lehnen muss, um sie aufzuschieben. Knapp 100 Meter geht es am Hang nach oben, hinauf in das Dresdner Viertel Weißer Hirsch. Der Weg ist steil, Felsen, Wald.

Die schmalen Sitze der Bahn sind mit Kunstleder bezogen, DDR-Design aus den 70ern, nachgebaut in den 90ern. Albrecht Hoch, der Stadtführer in Jeans und Windjacke, blickt nach draußen ins sommerliche Grün. Dann zieht er das dicke Buch aus dem Rucksack, schlägt es ganz vorn auf und liest vor: „Über die Dächer der tief liegenden Häuser, die zur Grundstraße hin stark abfielen, glitt der Schein des Eismonds, ließ die Firste erglänzen und gab den verschneiten Gärten pudrige Aufhellungen.“

Seit über einem Jahr fährt der 42-Jährige mehrmals in der Woche mit Touristen den Elbhang hinauf und spaziert mit ihnen auf den Spuren des Romans „Der Turm“ durch das Dresdner Viertel Weißer Hirsch. Der Stadtteil ist Schauplatz des preisgekrönten Romans von Uwe Tellkamp über den Untergang der DDR. Und so, Turm nämlich, heißt das Viertel auch im Roman. Dort, in einem maroden Villenviertel, lebt eine kleine Außenseitergruppe, die es im Sozialismus eigentlich gar nicht hätte geben sollen: Bildungsbürger, die sich zu Musikabenden verabreden und über Freiheit diskutieren.

Die Geschichte endet am 9. November 1989 und beginnt an einem Wintertag sieben Jahre zuvor mit dem Heimweg von Christian Hoffmann, 17 Jahre alt, Hauptfigur und Alter Ego des Romanautors. Christian kommt aus dem Internat und will nach Hause. Mit der Standseilbahn fährt er den Elbhang hinauf. Auf der rechten Seite sieht der Abiturient auf seinem Weg nach oben die Siedlung Ostrom, ein unheimliches Funktionärsviertel – „ein Nomenklaturaviertel“, korrigiert Albrecht Hoch. Schwer bewacht und verbunden von dieser Hangseite mit einer großen Talbrücke.

Dieses Nomenklaturaviertel ist reine Fiktion. Sowieso, sagt Hoch, dürfe man bei allen Übereinstimmungen im Roman mit der Wirklichkeit nicht vergessen, dass man es mit einem Kunstwerk zu tun hat. Trotzdem lässt sich die Fiktion immer wieder in der Realität finden: Häuser, Straßenverläufe – Albrecht Hoch hat sich genau darauf spezialisiert. Eine Bekannte brachte ihn auf die Idee, sein Stadtführungsangebot in Dresden um die Turm-Tour zu erweitern.

Nach ein paar Minuten ist die Standseilbahn oben angekommen, Albrecht Hoch tritt hinaus, geht durch die Bergstation, einen Backsteinbau. Wie Christian, der Romanheld, läuft der Stadtführer jetzt die Straße hinauf, vorbei an Villen mit Türmchen und Erkern. Das Ausflugslokal, das im Buch Sybillenhof heißt, lässt Hoch hinter sich. Zwischen den Häusern geht der Blick hinunter ins Tal, zur Altstadt und den Plattenbausiedlungen der Vorstadt.

Dort, in der engen Anspruchslosigkeit, vermuten die Gäste der Stadtführung Geschichten aus dem DDR-Alltag – und sind verblüfft, wenn sie sich das Gefühl aus dem versunkenen, sozialistischen Staat dann doch in dieser vornehmen Gegend abholen können. „Damit rechnen die wenigsten Westdeutschen“, sagt Albrecht Hoch. Rund zwei Drittel seiner Gäste kommen aus Westdeutschland, einige waren noch nie im Osten, haben das Buch gelesen und wollen nun gut 20 Jahre nach dem Mauerfall den anderen Teil Deutschlands kennenlernen.

Für ihn ist die Stadtführung durch das Villenviertel am Elbhang auch eine Reise in die Vergangenheit – in die seiner Vorfahren und in die eigene Kindheit und Jugend in der DDR.

Die Qualität des Buches liegt für Albrecht Hoch in der Schilderung der 80er Jahre: die Tristesse, der bleierne Zustand, der Suche nach einem Rückzug aus dem sozialistischen Alltag. Der Turm im Roman ist der Name für eine Wohngegend und zugleich eine Metapher, ein Symbol für die Abschottung. Auch Albrecht Hoch ist im Sozialismus groß geworden, in der Dresdner Innenstadt als Sohn eines Pfarrers. Seine Großmutter aber lebte auf dem Weißen Hirsch, in einer Villa mit Garten, die die kommunale Wohnungsverwaltung nach dem Ende des Krieges in mehrere Wohneinheiten aufteilen ließ. „Nie wieder hatte meine Großmutter ein eigenes Bad oder eine eigene Küche“, sagt Hoch. In dem Zimmer, das ihr blieb, empfing sie ihren Enkel in den 80er Jahren zum Tee, plauderte über das schöne Dresden vor der Zerstörung und wie sie als junges Mädchen 1915 auf dem Hofball im Dresdner Schloss tanzte. Sie erzählte ihrem Enkel vom Leben in der Villa, als es weder Krieg noch die DDR gab. „Um 1900“, sagt Albrecht Hoch, „war das Haus, das mein Urgroßvater errichten ließ, sogar ein beliebter Treffpunkt des sächsischen Adels“. Seinen Stolz verschluckt er dabei.

Jetzt passiert der Stadtführer einen Flachbau, der in seiner Schlichtheit wiederum überhaupt nicht auf den Weißen Hirsch zu passen scheint. Im Buch befindet sich hier Arbogasts Reich, das Forschungsinstitut von Baron Ludwig von Arbogast. Und in der Wirklichkeit? Der Wissenschaftler Manfred von Ardenne betrieb an dieser Stelle ab Mitte der 50er Jahre in mehreren Gebäuden das einzige private Forschungsinstitut der DDR. Ein Adeliger, der in Dresden immer hohes Ansehen genossen hat. „Als Schüler habe ich das nicht verstanden“, sagt Albrecht Hoch. Schließlich repräsentierte von Ardenne doch jemanden aus der alten Zeit, die man damals im Arbeiter- und Bauernstaat überwunden glaubte.

Heute ist auch das überwunden. Kaum ein Haus an den schmalen Straßen ist in den vergangenen Jahren nicht prächtig saniert worden. In den Vorgärten wachsen Hortensien, vor den Garagen stehen große, glänzende Autos. Albrecht Hoch läuft rechts in die Wolfshügelstraße, die im Roman Wolfsleite heißt. Er folgt weiter dem Weg, den Christian zu Beginn des Romans geht. Dabei erzählt er, dass der gesamte Weiße Hirsch den Krieg im Gegensatz zum Rest der Stadt fast unbeschadet überstanden hatte. Doch dann verfielen die Häuser in der Mangelwirtschaft, Putz und Stuck begannen zu bröckeln, durch die Dächer zogen sich Risse. Die Stadt verwaltete damals die Häuser. Die Mieten waren so niedrig wie der Komfort. Ein Wannenbad hatten damals die wenigsten.

Dann kam die Wende, und seitdem hat sich mindestens die Hälfte der Bewohner des Viertels ausgetauscht. Westdeutsche haben hier investiert, die Mieten sind inzwischen sehr hoch, sagt Albrecht Hoch und läuft rechts hinein in die Oskar-Pletsch-Straße. Hinter dem Zaun mit der Nummer 11 steht die Gründerzeitvilla, in der Uwe Tellkamps Eltern in den 80er Jahren eine Wohnung mieteten.

Auch im Roman gibt es dieses Haus, es heißt dort „Haus Karavelle“. Christian Hoffmann wohnt dort mit seinem Bruder und seinen Eltern. Wie die Großmutter von Albrecht Hoch muss auch Christians Familie das Haus mit anderen teilen: drei Zirkusreiterinnen, einem Junggesellen und einer weiteren Familie. Der Stadtführer zieht die Kopie eines Fotos aus der Tasche. Es zeigt Uwe Tellkamp vor diesem Haus, im Winter 1988: Mantel, Kappe, die Uniform der Nationalen Volksarmee. Der Schnee liegt schwer auf dem Baum, vor dem Uwe Tellkamp für das Foto posiert. Ein Sonntag vielleicht, vor der Abfahrt zurück in die Kaserne.

Albrecht Hoch kann sich an solche Szenen in der eigenen Biografie erinnern, seine Armeezeit, die kurzen Tage im Winter, an denen er zurück in die Kaserne nach Pirna musste. Auch den Herbst 1989 hat Albecht Hoch dort verbracht. Als am 4. Oktober die Züge mit den Botschaftsflüchtlingen aus Prag gen Westen rollten und dabei durch Sachsen mussten, wurde seine Einheit in Alarmbereitschaft versetzt, Kalaschnikows verteilt, 60 Schuss Munition für jeden. Schreckliche Stunden, sagt Albrecht Hoch.

Auf der anderen Straßenseite hat er ein weiteres Wohnhaus aus dem „Turm“ ausgemacht: Das Haus „Abendstern“. Im Roman droht der Wintergarten des Fachwerkhauses jeden Moment einzustürzen. Niklas Tietze und seine Frau, Onkel und Tante von Christian, wohnen dort. Die Fassade des realen Hauses ist heute wie überall tadellos. „Hier an der Seite ist ein Doppelfenster zu sehen. Schauen Sie mal rein!“ sagt Albrecht Hoch. Hinter dem Fenster verbirgt sich das Musikzimmer. Dort finden im Roman von Tellkamp die legendären Hausmusikabende der Turm-Familien statt, an denen sie ihre Tannhäuser-Schallplattenaufnahmen vergleichen.

Und dann ist Albrecht Hoch an Christians erstem Ziel im Roman angekommen, am „Tausendaugenhaus“. Dort, wo sein Onkel Meno wohnt, dort wo jeden Sonntag ein großes Frühstück im Wintergarten stattfindet. Ein prächtiges, mehrgeschossiges Haus direkt am Hang. Der Blick öffnet sich in Richtung Erzgebirge. Der Garten sieht genauso aus wie er im Roman von Uwe Tellkamp beschrieben wird. Erneut zieht Albrecht Hoch das Buch hervor, blättert auf die Seite 84 und liest: „Über Nacht hatte es weitergeschneit, der Garten, der unter dem Fenster jäh abfiel, lag unter einer dicken Weißdecke. Das Gartenhaus, in dem Meno sommers oft schrieb, manchmal auch schlief, sah aus wie mit Zuckerguss bedeckt, die Sandsteinbrüstung links und rechts davon, die den oberen Teil des Gartens vom unteren, wilder belassenen trennte, ragte nur wenig aus dem Schnee. Auf der Brüstung saß ein steinerner Adler, die Flügel, fein gemeißelt und elegant gebreitet, schienen jetzt je einen Stoß zusammengelegter, weißer Frotteetücher zu tragen.“

Es liegt kein Schnee, es ist Sommer. Und auf der Brüstung, hinter der sich der Blick in Richtung Erzgebirge öffnet, sitzt auch nirgends ein Adler aus Stein. Aber ansonsten wirkt dieses Haus, dieser Garten wie eine perfekt nachgebaute Kulisse. Selbst die Rhododendronbüsche und die Blutbuche, die an einer anderen Stelle erwähnt werden, sind an ihrem Platz.

Später, bei einem Stück Eierschecke und einer Tasse Kaffee in der Bäckerei Walther gleich um die Ecke, erzählt Albrecht Hoch davon, dass Uwe Tellkamp jetzt an einem Fortsetzungsroman arbeitet, er schreibt weiter am Schicksal der Turm-Familien im geeinten Deutschland. Die Filmrechte am ersten Buch sind längst verkauft, im Herbst wird es eine Theateradaption am Schauspiel Dresden geben. Es geht immer weiter, sagt Albrecht Hoch. Und immer mehr Gäste melden sich zu den Führungen auf den Spuren des Romans an.

Albrecht Hochs Großmutter ist zwei Jahre vor dem Untergang der DDR gestorben. Die Familie hat die Villa später zurückbekommen. Auf der Turm-Tour liegt sie nicht.

Informationen zu den Stadtführungen durch den Weißen Hirsch gibt es unter www.hochtouren-dresden.de oder hochtouren@web.de. Der Roman „Der Turm“, aus dem die Auszüge stammen, ist bei Suhrkamp erschienen.

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