Zeitung Heute : Die Stiftung Warentest misst den Lärmpegel in Wohnungen und erstellt Gutachten

Andreas Lohse

Lärm macht krank. "Ohne Lärmbelastung hätten wir in Deutschland im Jahr einige Tausend Herztote weniger", weiß man schon seit Jahren beim Umweltbundesamt. Etwaigem Lärm in der Nachbarschaft lässt sich noch mietrechtlich begegnen, weil Störungen unter Umständen ein Mangel an der Mietsache sein können, um den sich der Vermieter kümmern muss. Was aber, wenn der Lärm gar nicht unmittelbar von bösen Nachbarn stammt?

Eine Uhr beispielsweise tickt mit etwa vier bis 15 Dezibel (db), kann man einer Tabelle der Zeitschrift "test" entnehmen. Raschelnde Blätter sind etwa 30 bis 40 db laut, eine normale Unterhaltung spielt sich bei rund 50 db ab. Der Fernseher in Zimmerlautstärke klettert auf der Skala bereits auf etwa 60 db, stehender Autoverkehr erreicht 80, ein Lkw gar 90 db. Bereits hier leiden empfindliche Ohren und nehmen bei Discomusik um 110 db auch Schaden. Ein Flugzeug in einer Entfernung von 100 Metern überschreitet mit 130 bis 150 db dann endgültig die Schmerzgrenze.

Umfragen zufolge fühlt sich jeder fünfte Bundesbürger durch Straßenverkehr stark belästigt - das sind rund 15 Millionen Menschen. 16 Prozent der Bevölkerung seien gesundheitsgefährdenden Lärmpegeln von über 65 db ausgesetzt, so die Stiftung Warentest. "Viele Menschen, die an lauten Straßen wohnen, haben nachts erhöhte Werte des Stresshormons Cortisol im Blut", fanden Mediziner heraus. Langfristig steige dadurch das Risiko von Magen-Darmgeschwüren und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Doch wissen viele Lärmbetroffene weder, wie groß die Lärmbelastung durch ihre Straße tatsächlich ist, noch was sie im Fall großen Lärms tun können. Um ihm in der Wohnung nicht nur auf die Spur zu kommen, sondern abzuhelfen, bietet die Stiftung Warentest in Zusammenarbeit mit dem Umweltbundesamt die Erstellung eines Lärmgutachtens an. Damit kann jeder für seine Wohnung ermitteln lassen, welche Lärmpegel vorliegen, auch, ob beispielsweise Lärmschutzfenster nötig wären und auf welche Gesetze und Verordnungen man dabei bauen kann.

Denn zumindest "an neuen und wesentlich geänderten Straßen (seit 1974 im Westen, seit 1991 im Osten) gibt es ein Recht auf Lärmschutz", so test. Bevor man dies jedoch bei den Behörden einfordern kann, bedarf es einiger Vorarbeit: Man benötigt den Erhebungsbogen, einen Zollstock und etwas Zeit. Denn zum Ausfüllen des Fragenkataloges als Grundlage des späteren Gutachtens muss jeder selbst einiges beitragen: etwa die Lage des Hauses genau bestimmen, die Entfernung zur Fahrbahn messen, vorbeifahrende Pkw und Lkw zählen. Aus diesen Angaben wird berechnet, "wieviel Dezibel Tag und Nacht in Ihren Ohren dröhnen".

Die Aktion läuft bereits geraume Zeit: Inzwischen gab es mehr als 2000 Anfragen, über 400 Gutachten wurden erstellt. Doch der "Kampf gegen Lärm braucht einen langen Atem", sammelte die Verbraucherlobby inzwischen so ihre Erfahrungen. Schnelle Erfolge seien selten, in den "wenigsten Fällen wird das Problem völlig gelöst". Wer sich "auf den oft dornigen Weg" begebe, Abhilfe schaffen zu lassen, habe mit dem Gutachten aber "ein starkes Argument in den Händen": Nach der Straßenverkehrsordnung könne eine Kommune beispielsweise Tempo-30-Zonen ausweisen, den Verkehr beruhigen oder ein Nachtfahrverbot für Lastwagen erlassen, um die Bürger vor Lärm zu schützen.

Dokumentiert ist beispielsweise ein Fall aus München, wo sich eine Mieterin mittels des Gutachtens den Weg zu Schallschutzfenstern ebnete und zu deren Einbau von der Vermieterin sogar einen Zuschuss bekam. In Erfurt wurde ein Schleichweg für Autofahrer mit Pollern gesperrt, in einem anderen Städtchen gab es für den Einbau von Lärmschutzfenstern sogar umfassende Landeshilfe.Den Erhebungsbogen gibt es bei der Stiftung Warentest per Post, Stichwort Straßenlärm, 10773 Berlin, Tel: 01 80 / 232 13 13, Bestellnummer M 9805; im Internet " www.stiftung-warentest.de " sowie per Faxabruf: 018 05 / 88 76 83 04 (sechs Seiten, 24 Pfennig pro Minute). Die Auswertung und das Gutachten kosten 70 Mark.

Wer den ausgefüllten Bogen zurückschickt, erhält neben dem Gutachten die wichtigsten Rechtsgrundlagen. Teilnehmer, die unter besonders starkem Lärm leiden, werden nach einiger Zeit angeschrieben und um ihre Erfahrungen beim Umgang mit Ämtern gebeten.

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