Zeitung Heute : Die Stimme der Bilder

Für die Morgendämmerung hat er Töne erfunden, für Treppenstufen, ja selbst für die Maden im verdorbenen Fleisch. Willy Sommerfeld ist der älteste Stummfilmpianist der Welt: Mit 99 zeigt er jetzt noch einmal am Klavier seine größte Kunst – das Notenweglassen.

Kerstin Decker

Woher soll ich das wissen? Willy Sommerfeld sitzt kerzengerade auf seinem Sofa, hinter sich die Berliner Uhlandstraße, neben sich seine Frau. Mit 17 darf man auf Sofas flegeln, mit 99 weiß man, das Leben ist vor allem eine Haltungsfrage. Vielleicht sitzt Willy Sommerfeld aber gar nicht aus Lebensweisheit so gerade, sondern aus Empörung. Eine derart komische Frage hat er ja noch nie gehört. Wann er, Willy Sommerfeld, weiß, welchen Ton er zuerst spielen wird? Kennt er ihn schon, wenn er auf dem Klavierhocker sitzt oder erst, wenn das Licht ausgeht? Nein, über so unnütze Dinge hat er wirklich noch nie nachgedacht. Der letzte Stummfilmpianist Deutschlands und der ganzen Welt schaut auffordernd zu seiner Frau. Sieht sie doch genauso, oder? Willy Sommerfelds Frau und Willy Sommerfelds alter schwarzer Flügel sind das Wichtigste in seinem Leben. Doris Sommerfeld sagt: „Ja, Väterchen!“ Für Doris Sommerfeld ist der letzte Stummfilmpianist vor allem das Väterchen.

Vielleicht so: Willy Sommerfeld hat gelernt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Es gibt wesentliche und unwesentliche Noten. Die wesentlichen muss man spielen, die unwesentlichen kann man weglassen. Wer nicht weiß, was man alles weglassen kann im Leben, wird auch nicht so alt wie er. Einmal hat Willy Sommerfeld allerdings den Hitlergruß weggelassen, das wurde dann doch schwierig. Kommen wir noch drauf. Doris Sommerfeld nennt das Weglassen manchmal Mogeln. Aber Willy Sommerfeld ist gar kein Mogler, er ist ein Weglasser: Und mit der ersten Note, die man auf keinen Fall weglassen kann, fängt man an. So einfach. In den Augen des letzten Stummfilmpianisten leuchtet die tiefe Überzeugung auf, dass das Leben wie das Klavierspielen ganz einfache Sachen sind.

Gewöhnliche Klavierspieler wissen immer, welche Note sie zuerst spielen werden. Das steht in der Partitur. Aber Willy Sommerfeld fand es schon vor über 80 Jahren ungemein langweilig, Noten zu spielen, die jeder nachlesen kann. Dieser Rubinstein-Schüler, mit dem er zuerst in einem kleinen Kino am Wittenbergplatz engagiert war, hatte auch immer Noten. Und er, Willy Sommerfeld, musste sehr aufpassen, dass seine Geigentöne zu den Rubinstein-Schüler-Tönen passten.

Dem Film die Seele neu erfinden

Im Juli vor vier Jahren stand ein Bechstein unterm Zeltdach des Freiluftkinos Friedrichshain. Ein Lenin-Zitat wurde eingeblendet, auf Russisch. Willy Sommerfeld schlug ein paar granitene Akkorde an. Er schaute nicht mehr auf den Bechstein, nur auf die Leinwand. Genau wie Sekretärinnen Schreibmaschine schreiben, den Blick immer schräg neben ihren Händen, und er saß auch so sekretärinnengerade damals. Er tippte den „Panzerkreuzer Potemkin“ ab. Oder nein: Keine Sekretärin darf die Geschäftsbriefe ihres Chefs neu erfinden, zum Neuerfinden aber war Sommerfeld da. Denn ohne Musik ist ein Stummfilm tot, erst die Musik weckt ihn wieder zum Leben. Der Pianist spielte das Schaukeln der Hängematten auf dem Panzerkreuzer, er spielte die unhörbaren Kommandos des zaristischen Flottenadmirals, er vertonte sogar die Maden, die das verdorbene Fleisch bewohnen, das den Matrosen des Panzerkreuzers als Proviant zugedacht ist. Miserable Küche als revolutionäre Situation! Sommerfeld fand dem Panzerkreuzer eine neue Seele. Damals war er 96. Wo er auftaucht, fangen die Menschen an zu klatschen. Das geht nicht allen Rentnern so. Eine kongeniale Form, alt zu werden, findet er.

Vor über 30 Jahren hatte der Liederkomponist, Hörspiel- und Dokumentarfilmvertoner, Theatermusikschreiber und Kapellmeister Sommerfeld nämlich zwei Möglichkeiten. Entweder er würde ein Rentner werden wie alle anderen auch, oder fängt noch mal ganz neu, ganz alt an. Als Stummfilmpianist eben. Er entschied sich für das Zweite. Und wahrscheinlich hätte er immer weiter gespielt. Wenn da nicht – Sommerfeld wirft einen scheuen Blick nach links – wenn da nicht seine Frau wäre. Sie hat es ihm verboten. Wahrscheinlich ist seine Frau der einzige Mensch, von dem Willy Sommerfeld sich etwas verbieten lässt. Einmal muss Schluss sein, Väterchen, hat sie gesagt. Mit 97! Sommerfeld blickt starr geradeaus, in der präzisen Mitte zwischen Zustimmung und passivem Widerstand.

Noch immer lebt Willy Sommerfeld ganz nah am Ku’damm, kein anderer kennt diesen Boulevard so lange wie er. Nur eine Kino-Straße ist das nun nicht mehr. Gloria, Marmorhaus, Filmbühne Wien, zuletzt das Astor – alle haben sie geschlossen. Am traurigsten aber wird der Klavierspieler, wenn er manchmal am alten Arsenal-Kino vorbeikommt. Gar nicht lange her, dass seine Frau dort nachts um zwei Uhr anrief, weil ihr Mann nicht nach Hause kam. Ihr Mann spielt Klavier, und das Publikum weint, hat das Arsenal Doris Sommerfeld dann beruhigt. Das alte Arsenal lag ganz in der Nähe des kleinen Kinos am Wittenbergplatz, in dem Willy Sommerfeld mit dem Rubinstein-Schüler anfing. Früher kannte er die Filme nie, zu denen er gleich die Musik machen musste. Natürlich, er hätte sie vorher ansehen können. So wie die anderen das machten, bei den großen Uraufführungskinos am Zoo mit ihren Riesenorchestern.

Aber war das nicht furchtbar langweilig? – dachte der große Weglasser. Er brauchte nur zu wissen, ob es ein lustiger oder ein trauriger Film werden würde. Dur oder Moll? Das war das Wesentliche.

Mit dem Weglassen hatte ja eigentlich der Kinobetreiber angefangen. Eines Tages kam ihm die Idee, ob man nicht den Rubinstein-Schüler weglassen könne – immerhin war der ziemlich teuer – und sein noch minderjähriger Geiger sah so aus, als ob er auch Klavier spielen könne. Zwar hatte Willy Sommerfeld das nie gelernt, die Klavierstunden hatte er weggelassen, aber er konnte es trotzdem. Wenn Willy Sommerfeld ein Instrument sieht, kann er es auch spielen. An den schwierigen Stellen ließ er einfach ein paar Noten runterfallen. Es kam auch nicht darauf an, schließlich verdiente er im Kino nur das Geld, um sein Musikstudium zu finanzieren. Denn nicht als Stummfilmgeiger oder -pianist gedachte Willy Sommerfeld aus Danzig in die Geschichte einzugehen, sondern als Komponist und Dirigent.

Also meldete er sich irgendwann im Braunschweiger Theater. Ich würde hier gern Kapellmeister werden, sagte Sommerfeld zum Intendanten, das Gehalt können Sie weglassen! Willy Sommerfeld lächelt noch immer, wenn er daran denkt. Er weiß nicht, ob er heutigen Arbeitslosen eine solche Methode empfehlen sollte. Sommerfeld ahnte, dass seine Chancen, eine Arbeit zu bekommen, enorm steigen würden, wenn man ihn nicht bezahlen brauchte. Wer weiß, vielleicht könnte aus dem kostenlosen Kapellmeister irgendwann doch ein bezahlter Kapellmeister werden? Der Braunschweiger Intendant besah den 1,63-Mann, der ein bisschen aussah wie Heinz Rühmann und sich genauso benahm –, nicht auffallen, durchkommen! – und stellte Willy Sommerfeld ein. Ein paar Wochen später hatte der erste Tonfilm Premiere.

Tonfilm – so ein Humbug, dachten die Stummfilmpianisten noch, dann standen sie schon auf der Straße. Die Zeit der Massenarbeitslosigkeit der Stummfilmpianisten begann. Der kleine Sommerfeld, sagten noch lange seine früheren Kollegen, der hat alles gewusst. Und irgendwie gaben sie fortan ihm die Schuld an der Einführung des Tonfilms. Sommerfeld hatte Arbeit und nur ein einziges Problem: Wovon sollte er leben? Da besann er sich auf seine Fähigkeit, ein Instrument nur ansehen zu müssen, um es spielen zu können. Er spielte Klarinette, wenn die Klarinette krank war, Bratsche, wenn die Bratsche krank war und von den Geigen fehlte ohnehin öfter eine . Bis aus dem unbezahlten Dirigenten des Braunschweiger Theaters wirklich ein Dirigent mit Gehalt wurde.

Und dann kam Adolf Hitler. Ab sofort hatte Kapellmeister Sommerfeld die Vorstellungen mit Hitlergruß zu beenden. Kann man den nicht weglassen? – überlegte Sommerfeld und tat es. Der Intendant beschloss, sich einen neuen Kapellmeister zu suchen.

Sommerfeld setzt sich an den Flügel und probiert einen Beethovenakkord. Der Klavierspieler überlegt, was ohne Adolf Hitler aus ihm hätte werden können.

Das Frontorchester

Immerhin ist er nicht für ihn gefallen. Noch ein Beethoven-Akkord. Als der Einberufungsbefehl kam, verließ Sommerfeld am selben Tag seine Wohnung. „Empfänger unbekannt verzogen“, erfuhr die Wehrmacht. An der Front war ich trotzdem noch, sagt Sommerfeld, in Paris und in Russland. Aber nicht mit dem Gewehr, sondern mit dem „Scala“-Revue-Orchester, Wehrmachtstournee! Und das alles ohne Ausweis, ergänzt Doris Sommerfeld. Es hört sich an, als hätte ihr Mann noch immer keinen. Der Sohn der Freien Stadt Danzig Willy Sommerfeld hatte 1937 einfach keine Lust gehabt, sich ins Großdeutsche Reich einbürgern zu lassen. Das kann man auch weglassen, hat er gedacht und musste ab sofort immer schneller sein als die allgegenwärtige Feldgendarmerie, die überall Ausweise kontrollierte. Sommerfeld spielt jetzt eine Beethoven-Sonate. Es stimmt nämlich doch nicht, dass er niemals vorher weiß, was er spielen wird.

Bei „Metropolis“ spielt er grundsätzlich Beethoven. Und zwar an der Stelle, wenn sie ihn zum ersten Mal sieht. Immer haben die jungen Leute draußen im Freiluftkino in der Hasenheide an dieser Stelle gelacht. Sommerfeld hat sich sehr darüber geärgert. Bis er den Beethoven über das Paar legte. Da lachte keiner mehr. Nie wieder.

Hoch zufrieden mit der Macht der Musik sowie seiner eigenen steht er vom Flügel auf. Nur seine Frau ist ein bisschen unzufrieden. Hat ihr Mann schon wieder ohne Noten gespielt. Er soll doch aber nach Noten spielen. Wegen der geistigen Aktivität im Alter. Sonst, findet Doris Sommerfeld, ist Beethoven-Spielen doch keine Arbeit. In den letzten Monaten hat Sommerfeld Kinderlieder geschrieben und Ringelnatz vertont. Wegen der Kinder, wegen Ringelnatz und der geistigen Aktivität im Alter. Aber als Sommerfeld vor vier Jahren vollkommen notenlos beim „Panzerkreuzer Potemkin“ die Morgendämmerung von Odessa wiederfand auf dem Klavier, war das etwa keine geistige Aktivität? Und als der Kinderwagen die Hafentreppe von Odessa hinunterrollte, spielte Sommerfeld jede Stufe einzeln, immer schneller, bis sie zur Treppe wurden.

Morgen wird er noch einmal in Berlin am Klavier sitzen. Welchen Film er begleiten wird – woher soll er das wissen? Er hat schon wieder diesen Komische-Frage-Blick. Willy Sommerfeld hat die Kinemathek gebeten, ihm nicht vorher zu sagen, welchen Film sie zeigen werden. Es wäre wirklich zu langweilig sonst.

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