Zeitung Heute : Die strenge Wohlfühlschule

Projekttage, Produktives Lernen, viele Abschlüsse: Die Hellersdorfer Jean-Piaget-Hauptschule hat mehrere Preise gewonnen. „Das liegt an den Lehrern“, sagt ein Zehntklässler. „Nein, das liegt an euch“, sagt die Rektorin

Ariane Bemmer

In sauberer, nach links kippender Handschrift hat der dicke Junge, der morgens mit brennender Zigarette auf dem Schulhof erwischt wurde, Stellung bezogen.

Er hat sein Vergehen verschriftlicht, wie es die Lehrer nennen.

Er wird das nicht noch mal machen, und als Wiedergutmachung wird er den Papiermüll vom Pausenhof aufsammeln.

Das steht in ein paar Zeilen, ganz oben auf einem karierten DinA4-Bogen aus grauem Recyclingpapier, der noch bei der Schulleiterin im Sekretariat liegt.

In den drei Plattenbauten der Jean-Piaget-Oberschule, einer Hauptschule zwischen grauen Hochhäusern am Rande von Hellersdorf, unterrichten 54 Lehrer, darunter Teilzeitkräfte, Sonderpädagogen und Psychologen 386 Schüler, von denen gut jeder vierte ein richtiger „Kracher“ ist. So nennt Schulleiterin Marion Lange die Schlimmen, die Verhaltensauffälligen, die Gewaltbereiten. Sie zieht, wenn sie das sagt, eine Schnute und die Stimme in die Höhe, so dass sie wirkt wie eine drollige Ulknudel. Aber das täuscht.

An der Schule gibt es glasklare Regeln und die sind einzuhalten, das wird durchsanktioniert, bis hin zum Schülerbekenntnis am Schwarzen Brett. Aber es sind Regeln, die von Schülern miterarbeitet wurden – und deshalb mitgetragen werden. Es gibt zum Beispiel Schüler-Lehrer-Konferenzen, die Schüler vorladen, „die die geltenden Regeln eines friedlichen Miteinanders“ nicht einhalten. So steht es im Schaukasten im Flur. Außerdem arbeiten gerade einige Zehntklässler, denen die Respektlosigkeit der Jüngeren auf die Nerven geht, an einer Schul-Charta, die Verhaltensregeln neu definiert.

Marion Lange sitzt in einem sehr aufgeräumten Büro im dritten Stock von Haus I. Auf dem Tisch steht eine Schale mit Süßigkeiten, die Wände sind beige gestreift, mit Rosenbordüre, wohnzimmerhaft schmuck. Bilderrahmen halten Fotos vom Schulalltag. Sorgsam beschriftete Ordner und zwei Plüschschnecken, die Maskottchen der Schule, zieren die Regale. Diese Aufgeräumtheit findet sich auch in den Fluren, den mit Schülergemälden behängten Treppenhäusern, den dekorierten Klassenräumen. „Wir legen Wert darauf, dass man sich hier wohl fühlt“, sagt Marion Lange.

Seit dem Schuljahr 1992/93 ist die Jean-Piaget-Schule Hauptschule. Anfangs sei es sehr schwer gewesen, sagt Marion Lange, aber das Kollegium, dessen enormen Einsatz sie immer wieder hervorhebt, hätte die Lage gewendet: Die Schüler merkten, dass die Lehrer ihnen Gutes wollen, die Lehrer vermittelten nicht nur Fachliches, sondern nahmen Anteil. Man näherte sich an, Gemeinschaftsgefühl entstand.

Was die Schule vor allem bietet sind Netzwerke, weit verzweigt und eng gewebt. Mit der Wirtschaft, die Praktikumsplätze bietet, mit Wohnungsbaugesellschaften, die Farben stiften, wenn an der Schule etwas renoviert werden muss, mit der Polizei, die Gewaltpräventionskurse anbietet und für Graffitiaktionen beschlagnahmte Spraydosen verteilt, mit Tierärzten, die sich um die Tiere der schulischen Tierstation kümmern, mit Geldgebern, die Sonderprojekte unterstützen. Etwa das Schulverweigererprojekt „Coole Schule“, das Jugendliche, die längst zu Dauerschwänzern geworden waren, zurück in die Schule lockt. Es gibt gut 30 Wahlpflichtfächer, von Seidenmalen bis Mathe- oder Deutsch-Festigung. Und es gibt das „Produktive Lernen“: Projekttage in Firmen und Betrieben werden mit Lernstoff kombiniert, um den Schüler so klarzumachen, wozu man Deutsch oder Mathematik benötigt: zum Auftrag schreiben, Farbmischungen ansetzen oder die benötigte Menge Fliesen errechnen. Es gibt viel Teamarbeit und immer wieder Gespräche und Beratungen. Montags sind alle Lehrer den ganzen Tag freiwillig an der Schule und haben Zeit für Fragen.

„Wir ermöglichen den Schülern den Übergang in einen neuen Lebensabschnitt“, sagt Marion Lange, „oder vielleicht sogar in Arbeit.“ Gerade ist Eric Hoffmann in ihr Büro gekommen, seit einem Jahr ist er Schulsprecher, geboren 2. Oktober 1990. „Einer der letzten DDR- Bürger“, sagt er und grinst. Eric fragt, ob es etwas Neues in Sachen Konfliktlotsenschulung gibt. Eines der neuen Projekte, und er wäre gerne dabei. In der Grundschule war Eric Problemkind, Notenschnitt 3,5, ein Außenseiter, gehänselt wegen seiner Lese-Rechtschreib-Schwäche. Heute strebt er den Realschulabschluss an, will Mechatroniker werden. Er geht gerne zur Schule, es sei spaßig. Er sagt, das liege an den Lehrern. Da steht Marion Lange auf und sagt, dass sie jetzt geht. Sie sagt: „Nein, Eric, das liegt an euch.“

Erics Schullaufbahn ist nicht die einzige, die in der freundlichen Atmosphäre der Jean-Piaget-Schule eine überraschende Wendung nahm. In allen bisherigen Schuljahren schloss die Mehrzahl der Schüler mit dem erweiterten Hauptschulabschluss ab, immer wieder gelang einigen der Realschulabschluss.

Dafür hat die Jean-Piaget-Schule den Hauptschulpreis der Hertie- und der Robert-Bosch-Stiftung in den Jahren 1999 und 2005 gewonnen, den Deutschen Arbeitgeberpreis 2004, gerade wurde sie nominiert für den Deutschen Schulpreis 2006, als eine von 18 Schulen. Beworben hatten sich 481, entschieden wird im Dezember. Das Schulteam suche gezielt nach Preisen, sagt Marion Lange, um zu zeigen, was Hauptschule leisten kann.

Im Chemieraum sitzen 14 Schüler. Es ist eine achte Klasse. Die Lehrerin bereitet die Knallgasexplosion vor. Wenn sie redet, ist es still, stellt sie eine Frage, schnellen ein paar Arme in die Luft, wer dran ist, spricht. Nach dem Brief der verzweifelten Lehrer der Neuköllner Rütli-Schule oder den Fernsehbildern aus der chaotischen Charlottenburger Pommern-Schule will man kaum glauben, dass man hier in einer Hauptschule ist. Bunsenbrenner werden angeschlossen, die Reagenzglasständer und Chemikalien verteilt. Mit krummem Rücken hängt ein Mädchen über dem Tisch, hält das Reagenzglas an die Flamme. Nichts passiert. Das Mädchen hat nicht richtig zugehört, hat den Stopfen zu spät aufgesetzt. Der Wasserstoff ist längst weg. Die Explosion bleibt aus. „Oah, das geht nicht“, mault sie. Früher hat dieses Mädchen den ganzen Tag mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze geschwiegen. Jetzt taue sie auf, sagt eine Lehrerin, nehme wieder Anteil am Leben. Ein anderer Junge ist hyperaktiv, muss Medikamente schlucken. Vergisst er die, flippt er manchmal mitten in der Stunde aus. Einmal musste die Polizei ihn abholen. Die Beamten haben ihm Handschellen angelegt, weil er so wild war. Wieder ein anderer hatte über Monate keinen Rucksack, manchmal trug er im Winter kurze Hosen. Die Klassenlehrerin hat ihm einen Rucksack gekauft, sich um Bücher gekümmert. „Plopp“ macht es, als er das Reagenzglas an die Flamme hält. Die Knallgasexplosion ist gelungen. Bei ihm als erstes.

In der Mittagspause essen die Lehrer gemeinsam, gekocht haben die Schüler, die auch bedienen. Mit roten Gesichtern stehen sie im Türrahmen zur Küche und beobachten ihre Gäste, die nickend zu verstehen geben, das es schmeckt. Die Lehrer sprechen von „positiver Zuwendung“. Loben, nicht tadeln. „Wir organisieren die Erfolge, wie es passt“, sagt Marion Lange. Weil Erfolge motivieren.

Für schwache Schüler werden Bildungspläne erstellt, an denen die Schüler selbst mitarbeiten. Darin stehen Lernziel und Maßnahmen. Und manchmal steht in den Plänen auch: Anerkennung durch Eltern sichern. „Die sollen merken, dass ihr Kind hier Schwerstarbeit leistet“, sagt Marion Lange. Aber oft sind es gerade die Eltern, die es den Schülern schwer machen. Wenn sich keiner kümmert. Wenn getrunken wird oder geschlagen. Der neueste Plan der Lehrer ist deshalb: eine Elternschule.

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