Zeitung Heute : Die Stricklilli und der Schnösel

Das Berliner Modejahr 2011 geht zu Ende und Grit Thönnissen sind ein paar Dinge aufgefallen.

Strick, was das Zeug hält

Selbstgestrickt sieht gut aus. Leichte Unregelmäßigkeiten gelten längst nicht mehr als Makel, sondern als Hinweis auf wertvolle Handarbeit. Wie schön, dass es einige Designer in Berlin gibt, die einem das selbst Stricken abnehmen. Wie Lilli von Mendelsohn – die Produktdesignerin kaufte sich 2005 ihre erste Strickmaschine, jetzt verkauft sie ihre feinen, handgestrickten Pullover, Strickjacken und Kleider in ihrem Atelier unter dem Namen „Lillimendelsohn“. Gerade lässt sie eine neue Linie in Apolda, dem deutschen Hotspot der Stricker, produzieren: Einen Pullover, eine Jacke – funktional und robust aus unverwüstlicher Merinowolle gestrickt – angelehnt an die Arbeitskleidung der fünfziger Jahre.

Lillimendelsohn, Pestalozzistr. 8, Charlottenburg. Mehr Strick bei Wolfen, Auguststr. 41, Maiami in der Galerie Oona, Auguststr. 26, Mitte.

Berlin braucht Mützen

Diese Kappen sind im Jahr 2011 zu einem normalen Gebrauchsgegenstand geworden. Schiebermützen wurden zuerst Ende des 19. Jahrhunderts von britischen Arbeitern getragen. Auch in Italien tragen alte Männer diese Kappen immer schon, irgendwann taten es auch Mafiosi – oder ihre Darsteller, wie Robert de Niro in „Der Pate“.

Auf Sizilien werden Schiebermützen von „La Coppola Storta“ seit Jahrzehnten hergestellt. Davon hörte Johann Jörg und brachte die Coppola nach Berlin. Um zu zeigen, dass die Kappe längst nicht mehr in den Händen der Mafia ist, unterstützt „La Coppola Storta“ Vereine, die sich gegen das organisierte Verbrechen wenden. So kann man sich gleichzeitig ein bisschen verrucht wie ein Gangster fühlen, aber wissen, dass man auf der richtigen Seite steht. Das ist, was Mode heutzutage ausmacht: Es zählt nicht, was die anderen sehen. Was zählt, ist, dass du weißt, was du trägst und warum.

La Coppola Storta, Kleine Hamburger Str 3, Mitte und Marburger Str 6, Charlottenburg.

Comicfigur mit Schleife

Jan-Henrik Scheper-Stuke ist ein Schnösel. Er sieht aus wie eine Comicfigur aus Tim und Struppi, und das soll auch so sein. Scheper-Stuke ist in den vergangenen drei Jahren in die Rolle des bunten Clowns hineingewachsen. „Seit einem halben Jahr achte ich auf eine elegante Farbzusammenstellung. Früher habe ich zur pinkfarbenen Hose ein grünes Jackett kombiniert. Im Moment trage ich klassische Stoffe und dazu eine Krawatte.“

Scheper-Stuke klingt längst nicht mehr erstaunt darüber, dass er in der Wunderwelt seines Patenonkels Günther H. Stelly arbeiten darf. Der ist der Besitzer von Edsor Kronen, wo seit 102 Jahren Krawatten und Schleifen verkauft werden. Mit dem kostümierten Patenkind geht es richtig voran. Jan-Hendrik Scheper-Stuke ist immer für eine Geschichte gut. Und er zählt mit: möglichst jede Woche ein Bericht soll es sein. Auch wenn „Der Spiegel“ nur über ihn schreibt, um den Wirtschaftsminister Philip Rösler lächerlich zu machen: „Rösler promotet die deutsche Krawatte. Er hat nichts Besseres zu tun, als mit dem blasierten, völlig überschminkten Jan-Henrik Scheper-Stuke einen Krawattenladen zu eröffnen.“ Scheper-Stuke erklärt nur zu gerne, wie es dazu kam: „Ich hatte einen Schwächeanfall und sie haben die Schleife nicht so schnell von meinem Hals gekriegt. So sind mir 20 Äderchen geplatzt. Deshalb haben die mich mit Airbrush geschminkt.“

Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass man in Berlin Reklame für Krawatten machen kann, indem man auf jeder Party und jedem Empfang herumspringt. Inzwischen tragen viele Politiker Krawatten von Edsor Kronen: eben Philip Rösler, Christian Wulff und Klaus Wowereit. Auch Kanzlerinnengatte Sauer trägt eine Edsor-Kronen-Schleife – Angela Merkel hat sie selbst in Berlin gekauft.

Edsor Kronen, in den Hackeschen Höfen, und der Galeries Lafayette, Mitte.

High Heels für den Kopf

Kopfhörer gehören ja schon seit einigen Jahren zur erweiterten modischen Garderobe. Sie dürfen schön groß und technisch aussehen. Das ist aber eher so ein Jungsding, findet Maria von Euler, eine schwedische Produktdesignerin, die jetzt die ersten Kopfhörer nur für Frauen entworfen hat. Die drei Modelle sehen fast gar nicht aus wie technische Produkte, eher wie ein sehr teures Haarband, wie eine lederne Kette, die in den Ohren endet oder für die harten Mädchen wie etwas, das an die großen Ohrmuschelgeräte erinnert, aber viel, viel exklusiver und feiner ist. Maria von Euler glaubt, dass Frauen der Klang genauso wichtig ist wie Männern, sie aber Kopfhörer wählen, die ihrem Gesicht schmeicheln. Schließlich tun wir das ja auch bei Brillen und Hüten: „Die technisch aussehenden Geräte sind Turnschuhe. Meine Entwürfe sind so etwas wie High Heels für den Kopf.“

Molami gibt es im Quartier 206, Friedrichstr 71, Mitte.

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