Zeitung Heute : Die Stunde der Hooliganismus-Forscher

Die Gewalttätigkeiten der englischen und deutschen Fußballfans haben die Existenz einer bisher unbekannten Wissenschaft enthüllt: In Talkshows und Zeitungskommentaren melden sich reihenweise Hooliganismus-Forscher zu Wort.Daß sie in das Dunkel der Motive viel Licht gebracht hätten, kann man allerdings nicht behaupten.Einigkeit besteht nur darüber, daß das Ursprungsland der Hooligans, Irland, diesmal kein Vorwurf trifft - wahrscheinlich, weil es bei der WM nicht vertreten ist.Warum sich die sonst so reservierten Engländer, sobald irgendwo angepfiffen wird, in bierselige Raufbolde verwandeln, ist dagegen ein Rätsel.Eine "atavistische Form von Fremdenhaß", wie der "Economist" vermutet, kann es nicht sein, denn die Krawallmacher wüten im eigenen Lande genauso.Alexis Philonenko, Professor an der Universität von Rouen, spricht im "Figaro" von einer spezifischen Form der Verblödung, die er "Punkismus" nennt: "Der Punkismus ist eine Krankheit." Den deutschen Schlägern werden Arbeitslosigkeit, Verwirrung durch die Wiedervereinigung und Schmerz über die demnächst verschwindende Mark attestiert.Doch Manfred Warnecke, der Hauptverdächtige bei dem mörderischen Anschlag von Lens, stammt aus dem Westen und ist beschäftigt - selbst wenn es raschere Wege zum Reichtum geben dürfte als das Tätowieren.Patrick Mignon, Professor an der Sorbonne, warnt denn auch in "Libération" vor allzu kurzschlüssigen Assoziationen von Hooliganismus und gesellschaftlicher Deklassierung.Erfreulich in der Debatte ist die nahezu vollständige Abwesenheit nationaler Klischees.Nicht einmal die kommunistische "Humanité" unterstellt den Glatzköpfen von Lens, den latenten Faschismus der deutschen Gesellschaft zu illustrieren."Présent", die Tageszeitung des Front National, kann sich die boshafte Bemerkung nicht verkneifen, die französische Presse nenne britische und deutsche Randalierer ohne Scheu brutes (Bestien) und salauds (Dreckskerle); doch sobald es um Araber gehe, seien solche Ausdrücke "strictly verboten".Auch wenn sich die Geister an den wahnsinnigen Kühen immer noch scheiden - die schwarzen Schafe Europas, von denen es ja auch in Frankfurt nicht wenige gibt, werden bereits als gemeinsames Problem wahrgenommen. JvU

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