Zeitung Heute : Die Sucht vergessen

Neurowissenschaftler und Philosophen ergründen die Mysterien des Gehirns

Ljiljana Nikolic
Eine Doktorandin forscht nach Wegen, das Suchtgedächtnis zu löschen. Foto: Leo Seidel
Eine Doktorandin forscht nach Wegen, das Suchtgedächtnis zu löschen. Foto: Leo Seidel

Im Fokus von Corinde Wiers’ Forschung steht die Sucht. Sie erforscht am Beispiel Alkoholkranker, wie sich Suchtverhalten und Gehirn beeinflussen. „Trotz psychologischer und pharmakologischer Therapien ist die Rückfallquote bei Alkoholikern, aber auch bei anderen Suchtkranken selbst viele Jahre nach einer Entziehungskur sehr hoch“, erklärt die Doktorandin der Graduiertenschule Berlin School of Mind and Brain. Denn Sucht verändert das Gehirn; was sich einmal im Suchtgedächtnis eingegraben hat, kann auch Jahre nach der Entwöhnung durch bestimmte Reize unabhängig vom Willen des Patienten aktiviert werden und zu Rückschlägen führen. So ist eine der großen Herausforderungen für Suchtforscher, das Suchtgedächtnis zu „löschen“ oder es zu verändern.

Ohne gesundheitliche Schäden und praktisch „online“ ist es heutzutage möglich, das menschliche Suchtgedächtnis mit Hilfe der funktionellen Magnet-Resonanz-Tomographie (fMRT) ins Visier zu nehmen. Während der Proband im Kernspintomographen liegt und beispielsweise Fotos von alkoholischen Getränken anschaut, wird die Reaktion des Gehirns sichtbar gemacht. „Mein Ansatz basiert auf Versuchen, bei denen Probanden die Aufgabe hatten, Tafeln mit Getränkeabbildungen nach eigener Wahl an sich heranzuziehen oder wegzustoßen“, erklärt Corinde Wiers, die aus Holland kommt und dort Psychologie und Psychobiologe studiert hat. „Auffällig war dabei, dass ehemalige Alkoholabhängige Abbildungen mit alkoholischen Getränken immer schnell an sich herangezogen haben.“ Sie will nun herausfinden, ob man das Suchtgedächtnis von Alkoholkranken verändern kann, etwa indem man sie alkoholische Motive wegschieben lässt.

Sucht ist eines von vielen Themen an der Schnittstelle von Geist and Gehirn, die 57 Wissenschaftler und zurzeit 37 Doktoranden untersuchen. Bei Mind and Brain arbeiten Neurowissenschaftler, Psychologen, Biologen, Philosophen, Linguisten und Vertreter anderer Fachrichtungen zusammen, um die Mysterien unseres Gehirns zu ergründen. Denn auch wenn es heute möglich ist, dem Gehirn beim Denken zuzuschauen, so sind die spannendsten Fragen immer noch ohne klare Antworten: Wie entsteht Bewusstsein? Wie entwickelt sich Sprache? Wie denken wir?

Dass diese Fragen nur im Zusammenspiel von Natur- und Geisteswissenschaftlern beantwortet werden können, davon sind die beiden Sprecher der Graduiertenschule überzeugt: „Die Philosophen bekommen durch die Neurowissenschaftler Informationen über die Mechanismen des Gehirns, auf der anderen Seite brauchen Neurowissenschaftler die Philosophie und ihre begrifflichen und ethischen Klarstellungen“, erklärt Philosoph Michael Pauen. „Der Ansatz, den unsere Schule verfolgt, ist nicht nur erfolgreich, sondern auch weltweit einmalig“, sagt Neurowissenschaftler Arno Villringer. Von den bislang 49 Studierenden haben bereits zwölf ihren Doktortitel in der Tasche. Es gibt keine Abbrecher, die Homepage schmücken immer wieder Meldungen über Auszeichnungen, die Doktoranden erhalten haben. In der Luisenstraße 56, dem Sitz der Graduiertenschule, herrscht eine anregende, kooperative Atmosphäre.

Geforscht wird zu fünf Themen, wie Entscheidungsfindung, Wahrnehmung oder auch Sprache. Ein weiterer Schwerpunkt wird hinzukommen: die soziale Neurowissenschaft. Denn auch wenn wir es selbst nicht wahrnehmen: Soziale Umwelt und Kultur prägen unser Denkorgan. Gehirne verschiedener, gesunder Menschen zeigen interessante Unterschiede. „Untersuchungen haben gezeigt, dass schon kleine Kinder genaue Vorstellungen von den Gedanken anderer haben, allerdings können in unserer Kultur erst Vierjährige falsche Überzeugungen anderer durchschauen. In Kulturen, wo das Sprechen über eigene Wünsche verpönt ist, schaffen das sogar erst Zehnjährige“, gibt Pauen ein Beispiel für den kulturellen Einfluss auf die Entwicklung unseres Gehirns.

Doktorandin Corinde Wiers schätzt die Wahlfreiheit bei den Themen. „Anderswo werden sie von den Professoren ausgewählt, bei Mind and Brain kann man bereits als Doktorand an seinem eigenen Thema forschen.“ Ljiljana Nikolic

Mehr Informationen im Internet:

www.mind-and-brain.de

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