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Zeitung Heute : Die Todeszelle

17.02.2005 00:00 UhrVon Constanze von Bullion

Der Afrikaner starb, weil er sich anzündete, sagt die Dessauer Polizei. Dass er gefesselt war, sagte sie nicht

Sechs Minuten soll der Albtraum gedauert haben. Sechs Minuten, in denen Oury Jalloh gebrüllt haben muss wie ein Tier. Vielleicht hat er noch gesehen, wie der Schaumstoff der Matratze in Flammen aufging. Wahrscheinlich hat er die Hitze noch gespürt, die seine Kleider versengte und nach zwei Minuten auf 360Grad Celsius stieg. Da traf ihn das, was Gerichtsmediziner einen Hitzeschock nennen. Atemstillstand und Herztod. Mit 21 Jahren in Zelle 5 des Polizeireviers von Dessau.

Es ist ein ungemütlicher Winterdienstag, und der Wind pfeift durch die Straßen von Dessau, als wollte er alle Reste von Zweifeln aus der Stadt fegen. Im kahlen Konferenzsaal der Staatsanwaltschaft hat jemand einen Videorekorder aufgestellt, hier wird ein seltsam unwirklicher Film vorgeführt.

Zu sehen ist ein Polizist in einer verkachelten Zelle, der sich auf einer Matratze windet. Hände und Füße sind mit Handschellen an eine Liege gefesselt, aber mit viel Geruckel gelingt es ihm, ein Feuerzeug aus der Tasche zu ziehen und zu zünden.

Was hier vorgeführt wird, ist die Nachstellung jenes Vorfalls, der den Asylbewerber Oury Jalloh vor wenigen Wochen das Leben gekostet hat. Der Mann aus Sierra Leone ist in einer Dessauer Polizeizelle verbrannt. Er habe sich, so erklärte die Polizei, mit einem Feuerzeug angesteckt. Fünf Wochen sind seither vergangen, in denen sich in Dessau Spekulationen verbreitet haben wie ein giftiger Pilz und in denen die Staatsanwaltschaft so hartnäckig geschwiegen hat, dass man ihr Kumpanei mit der Polizei vorwarf. Was sie am Dienstag endlich der Presse präsentierte, ist eine Geschichte, die haarsträubender kaum sein könnte.

Sie beginnt am Morgen des 7. Januar, als eine Polizeistreife ins Zentrum von Dessau gerufen wird. Ein paar Afrikaner sollen dort Frauen belästigen. Einer von ihnen hat keine Papiere, beschimpft die Beamten und landet auf der Wache. Oury Jalloh, so wird es in einem Gutachten heißen, hatte über zwei Promille Alkohol im Blut, hatte Cannabis geraucht und Koks geschnupft. Und wenn es stimmt, was Polizeibeamte sagen, wird er bei der Vernehmung so wütend, dass er mit dem Kopf gegen die Wand schlägt.

Im Minutentakt bahnt sich dann eine Katastrophe an. Nach Aussagen der Polizei wird Jalloh um zehn Uhr in eine Zelle gesperrt und ans Bett gefesselt. Alle halbe Stunde kommt ein Beamter vorbei, und im ersten Stock sitzt ein Dienststellenleiter, der Jalloh per Gegensprechanlage kontrolliert. Theoretisch zumindest. Denn kurz vor zwölf stellt der Beamte die Anlage leiser. „Aufgrund von Rufen, möglicherweise auch Bewegung von Oury Jalloh, konnte er ankommende Telefonanrufe nicht mehr verstehen“, sagt Oberstaatsanwalt Folker Bittmann.

Eine Kollegin dreht die Sprechanlage wieder lauter. Minuten später, es brennt bereits, hören die Beamten darin „plätschernde Geräusche“. Sie sollen geglaubt haben, es tropfe von der Decke. Als der Feueralarm anspringt, stellt der Dienststellenleiter ihn ab. Das Gerät gebe dauernd Fehlalarm, erklärt er später. Dann hören sie Rufe und erneut Alarm, erst in der Zelle, dann auch im Lüftungsschacht. Die Beamten wollen es immer noch „plätschern“ hören. Als der Dienststellenleiter sich um 12 Uhr 09 in den Keller bequemt, kann er nur noch am Boden an die Zelle heranrobben, so dicht ist der Qual. Als die Feuerwehr ankommt, ist Jalloh längst tot.

Marco Steckel ist ein stiller Mensch, der die Welt durch solide Brillengläser betrachtet und jeden Satz sorgsam wiegt und wägt, bevor er ihn ausspricht. Steckel ist 33 Jahre alt und seit ein paar Wochen Leiter der Beratungsstelle für Opfer rechtsextremer Gewalt in Dessau. Sein Büro liegt in einer stillen, gepflasterten Wohnstraße, und dass es sich jetzt in eine Art Privatdetektei verwandelt hat, in der das Telefon nicht mehr still steht, das hatte er eigentlich nicht erwartet, als er hier loslegte. „Es gab da ein paar Widersprüche“, sagt er. „Da haben wir angefangen, mal vorsichtig zu recherchieren.“

Es war Marco Steckel, der zusammen mit zwei Kollegen herausgefunden hat, was die Behörden lange unterm Deckel hielten: dass Oury Jalloh „fixiert“ war, als er starb. Steckel hat weitergebohrt, informierte einen PDS-Abgeordneten, der die Sache vor den Innenausschuss des Magdeburger Landtags brachte. Der stille junge Mann hat eine Lawine losgetreten.

Wie eigentlich kann sich ein Häftling, der an Händen und Füßen gefesselt ist, selbst anzünden, fragte man sich jetzt im Innenministerium von Sachsen-Anhalt. Wieso kann ein Betrunkener ein Feuerzeug in eine Zelle mitnehmen?, wollte die Staatsanwaltschaft wissen. Womöglich hat Jalloh sich gar nicht verbrannt, spekulierten die Zeitungen, vielleicht war das ja ein anderer.

Die Staatsanwaltschaft hat den Verdacht einer „Fremdeinwirkung“ jetzt kategorisch zurückgewiesen. Aber sie leugnet nicht, dass viele Fragen offen sind. Woher zum Beispiel das Feuerzeug stammt, das in der Zelle gefunden wurde. Gegen die beiden Beamten, die Jalloh durchsucht haben, wird wegen fahrlässiger Tötung ermittelt, gegen den Dienstleiter wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Das kann dauern, heißt es. Länger.

Razak Minhel ist gebürtiger Iraker, Leiter des Multikulturellen Zentrums von Dessau und ein Mann, der seinen Zorn jetzt nicht mehr verbergen mag. Fünf Jahre ist es her, dass der Mosambikaner Alberto Adriano im Stadtpark von Dessau von Skinheads erschlagen worden war, erzählt Minhel. Seither habe sich vieles getan in der Stadt. Ein Netzwerk gegen Rechts gibt es jetzt, ein alternatives Jugendzentrum und eine Anlaufstelle für Opfer von Rassismus. „Wir sind bei der Vorbereitung eines Begegnungsfestes, fünf Jahre nach Adriano“, sagt er. „Aber jetzt fragen wir uns: Wem sollen wir da eigentlich begegnen?“

Kein Wort des Bedauerns ist von der Stadt gekommen, seit Oury Jalloh in seiner Zelle verbrannt ist. Die verdächtigen Beamten sind noch immer im Dienst und auch das Land hat es bislang nicht für nötig befunden, sich zu äußern. „Ich wünsche mir, dass da irgendjemand mal den Freunden und Bekannten sein Beileid ausspricht“, sagt Razak Minhel. Fragt man Oberbürgermeister Hans-Georg Otto, warum er kein Wort über die Sache verliert, sagt er: „Mir ist nicht danach.“ „Ich weiß da so wenig.“ „Soll ich mich denn mit der Polizei auch noch anlegen?“

Es gibt Leute in Dessau, die sich über solche Bemerkungen schon lange nicht mehr wundern. Im „Call Center“ gleich beim Rathaus steht Mouctar Bah am Tresen seines Telefonladens. Er verkauft hier Bananen und Haargel und Yam, und vor den Telefonkabinen seines winzigen Ladens treffen sich afrikanische Asylbewerber, die zu Hause anrufen wollen.

Auch Oury Jalloh ging hier ein und aus, sie haben ihn „Rasta“ genannt und gemocht, sagt Mouctar Bah, weil er so nett und lustig war. Naja, wendet Sesay Alusini ein, nett war er schon, aber wenn er getrunken hatte, konnte er ziemlich wütend werden. Dass er ausgerastet sein könnte, als die Polizei ihn vernehmen wollte, das können seine Freunde sich durchaus vorstellen.

Es kommt ja öfter mal vor, dass die Polizei von Dessau etwas zu resolut vorgeht, heißt es im „Call Center“. Und selbst die Staatsanwaltschaft hat jetzt bestätigt, dass der Polizeidienstleiter, der Oury Jalloh nicht gerettet hat, schon einmal unter Verdacht stand. Vor zwei Jahren starb unter seiner Aufsicht ein 36 Jahre alter Mann im Polizeigewahrsam. An inneren Verletzungen. Wer ihm die zugefügt hatte, wurde nie geklärt.

Mouctar Bah, der Telefonladenbesitzer, ist jetzt ziemlich aufgebracht. Er sagt, er ist fest davon überzeugt, dass Oury Jalloh längst tot war, als die Polizisten ihn in die Zelle legten. Inzwischen ist es ihm wenigstens gelungen, die Familie seines Freundes in Afrika aufzuspüren. Die Mutter ist vor dem Bürgerkrieg in Sierra Leone nach Guinea geflohen. Ein Onkel lebt in Frankreich und hat vor Schreck erst mal den Hörer aufgelegt, als er die Todesnachricht erhielt. Er hat dann noch mal angerufen und gefragt, wie das alles passieren konnte, in einem Land wie Deutschland. Mouctar Bah ist ihm die Antwort schuldig geblieben.

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