Zeitung Heute : Die Tränen des Herrn Osewoudt

Nicole Henneberg

Als der zweite Roman von Willem Frederik Hermans 1958 in Amsterdam erschien, machte er seinen Autor mit einem Donnerschlag berühmt: Das Thema war politisch und emotional heikel und seine Behandlung so spannend wie verstörend. "Die Dunkelkammer des Damokles", die jetzt erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt, lässt sich als kritische Abrechnung mit dem vermeintlich so heldenhaften politischen Widerstand zwischen 1939 und 1945 lesen. Deutsche Unterdrücker und holländische Unterdrückte erscheinen im Roman als gleich verdächtig: egoistisch, schäbig und skrupellos, was aber in diesen Jahren kaum auffällt, denn in der Grauzone der Konspiration lassen sich private Rachefeldzüge und politisch gerechtfertige Morde unauffällig vermischen.

Die empörten Reaktionen auf diese "Nestbeschmutzung" nur dreizehn Jahre nach Kriegsende kann man sich leicht vorstellen. Doch Skandale machten Willem Frederik Hermans (1921-1995) nichts aus: Er schien sie zu genießen. Noch in seinem selbstgewählten Pariser Exil, nachdem der Geographie-Dozent 1973 die Universität Groningen wegen Intrigen gegen ihn verlassen hatte, äußerte er sich als unvermindert streitbarer Beobachter der heimischen Verhältnisse, wie Cees Noteboom in seinem Nachwort berichtet. Von dieser polemischen Energie zeugt auch die Essaysammlung "Das sadistische Universum", die neben Streitschriften auch Hermans poetologische Texte aus den Jahren 1951-1964 versammelt. Die Überzeugung von Willem Frederik Hermans, dass der Mensch in solch einem sadistischen Universum nicht nur einsam, sondern auch rat- und hoffnungslos bleiben muss, prägt auch den jetzt erschienenen Roman; ja Henri Osewoudt, die Hauptfigur, kann geradezu als der Hermansche Prototyp einer solch verzweifelten Existenz gelten.

Es war die Zeit des Existenzialismus, in der dieser Roman entstand, und so lässt Hermans, ähnlich wie Albert Camus, den flehentlich nach dem Sinn seines Lebens fragenden Menschen durch eine absurde Welt irren, die zu allen Fragen schweigt. Auch seine Hauptfigur, Henrik Osewoudt, ist ein "Mensch in der Revolte", der eines Tages zu seinem bisherigen Leben "Nein" sagt und beschließt, nur noch der Freiheit des Willens gemäß zu handeln. Doch von diesem Moment an wird er unrettbar in Widersprüche und Missverständnisse verstrickt. Zwar scheint ihm zuerst alles zu gelingen, aber die unmittelbaren Folgen seiner Handlungen kann er nicht mehr beeinflussen; sie ziehen unweigerlich Lüge und Verrat nach sich. Nicht nur um ein absurdes, sondern ein dezidiert sadistisches Universum handelt es sich hier, das die Welt vor den Augen des Menschen in ein Spiegelkabinett verwandelt. Wer seine Kameraden sind und wer die Feinde, hängt von der Situation ab; und ein Versehen von ihm, die Belichtung eines geheimen Filmes, führt zu einer Mordserie an Unschuldigen, die jetzt der Sabotage beschuldigt werden.

Dabei hatte es Henri Osewoudt, Tabakhändler in einem Vorort von Den Haag, schon ohne all diese Verwicklungen nicht leicht. Weil er klein und dick war, ein rundes Mädchengesicht ohne jeglichen Bartwuchs und ein hohe Kastratenstimme hatte, galt er als unmännlich und lächerlich, ja sogar als geisteskrank. Und doch hätte sein Leben in einer milderen Trostlosigkeit verlaufen können: er war immerhin verheiratet - seine hässliche, fünf Jahre ältere Kusine und spätere Frau hatte ihn schon im zarten Alter von 13 Jahren verführt - und führte einen kleinen Tabakladen, um seine Mutter mitversorgen zu können. Doch 1939, da ist er 19 Jahre alt, marschieren die Deutschen in Holland ein. Der Kriegszustand, in dem sich das Land ab sofort befindet, ändert alles: er ist der Riss in der Welt, durch den Fhantasie und Verbrechen, Leidenschaft und Chaos in den Alltag eindringen.

Morden aus Langeweile

Durch die zufällige Begegnung mit einem geheimnisvollen Fremden, der vorgibt, Offizier der niederländichen Armee zu sein und Henri wie ein Doppelgänger gleicht, gerät dieser eher zufällig in die politische Widerstandsbewegung. Vor allem will er aus seinem langweiligen Leben aussteigen, und wenn er dafür pausenlos irgendwelche Leute ermorden muss, tut er das eben; er bringt es darin bald zu erstaunlicher Geschicklichkeit. So mordet er aus Langeweile, als Preis für Liebe und Anerkennung, als Abenteuer, aus Zufall sogar, weil er Judo kann und wirkungsvoller zuschlägt als verlangt. Über diese Kehrseite des politischen Heldentums hatte Ende der fünfziger Jahre noch niemand gesprochen, und bis heute wirkt diese schonungslose Betrachtungsweise, die sich allen Ambivalenzen stellt, beklemmend aktuell. Dabei zeichnet der Autor Henri Osewoudt durchaus nicht als unsympathische Figur. Im Gegenteil: der Mann lässt sich von seiner Stieffamilie quälen und verachten bis zur Selbstaufgabe; erst in höchster Not handelt er. Ganz langsam zieht Willem Frederik Hermans, Meister der subtilen Spannung, das Netz um seine Hauptfigur zu, lässt zwischen den Kommandos immer wieder ruhige Phasen einfließen, in denen Osewoudt die Liebe ausprobiert und in bisher ungeahnter Freiheit lebt; bis er von den äußeren Umständen wieder zum Handeln gezwungen wird. Vielleicht wegen dieses Phlegmas betrachtet Hermans seinen mordenden Frosch deutlich mit Sympathie: Er gönnt ihm die Chance, seinem besseren, entschlosseneren und geschickteren Ich, verkörpert im Doppelgänger Dorbeck, näher zu kommen. Und Osewoudt steht auf der richtigen Seite: kämpft er nicht de facto gegen die Unterdrückung seines Vaterlandes, gegen die verhassten Naziverbrecher? Aber keine noch so ehrenwerten Motive, weder Haß noch Liebe, kein Kalkül und kein Zufall können das wichtigste Gesetz menschlicher Existenz außer Kraft setzen: Es sind Bosheit und Missverständnisse, die unsere Welt im Innersten zusammenhalten.

Die Agentengeschichte, deren typischen Motive - von getürkten Indizien bis zu Autoverfolgungsjagden - im Roman raffiniert und leichthändig wie Spielelemente eingesetzt sind, enthüllt nur desto nachdrücklicher die tiefere Ebene der Handlung: die Tragödie eines Menschen, der an die Welt glaubt. Unversehens findet sich der Leser so in der paradoxen Situation wieder, Mitgefühl mit einem Verbrecher zu haben, gegen den sich nach dem Krieg nicht nur Richter und Zeugen, sondern sogar die Materie verschworen zu haben scheint. Das entscheidende Entlastungsphoto, das tatsächlich wieder gefunden wird, zeigt nur den Angeklagten. Der Platz neben ihm, wo ursprünglich sein Auftraggeber Dorbeck zu sehen war, ist leer.

Zwei Kriegsbücher hat Willem Frederic Hermans geschrieben: neben dem jetzt erschienen Roman, der auf einer wahren Geschichte beruht, noch "De tranen der acacias", erschienen 1949; außerdem die Romane "Noit meer slapen" (1966) und "Au Pair"(1989). Dem Gustav Kiepenheuer Verlag ist es zu verdanken, dass sie alle demnächst in Erst- bzw. Neuübersetzungen erscheinen.

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