Zeitung Heute : Die Tränen des Richard Virenque

HARTMUT WEWETZER

Was für ein Abgang.Vor den Fernsehkameras brach der Fahrer des "Festina"-Teams und Favorit der Tour de France in Tränen aus.Virenque wurde von der Tour ausgeschlossen, weil in einem Fahrzeug seines Teams Dopingmittel in rauhen Mengen entdeckt worden waren.Von der "Ethik des Sports" und der "Moral der Tour" sprach der Rennleiter der Tour beim Ausschluß.Die Schurken sind gefaßt, das Gute hat gesiegt, das Rennen kann weitergehen.

Der Ausschluß ist konsequent.Aber lassen wir uns nicht täuschen.Der Fehler steckt auch im System.Leistungssport, ob Radsport, Leichtathletik oder Fußball, ist Show, Teil der Unterhaltungsindustrie.Sportler sind Entertainer.Die Faszination des Sports ist seine Unberechenbarkeit.Das wiederum heißt nicht, daß Sportereignisse unkalkulierbar wären.Die Tour de France ist ein Großunternehmen, und es ist vielleicht ein bißchen naiv zu glauben, das wichtigste an diesem Unternehmen, nämlich die Körper der Sportler, bliebe von Nützlichkeitsrechnung und Optimierungsstrategie ausgenommen.Doping aber erleichtert es, diese Kalkulation günstig zu gestalten.Solange es unentdeckt bleibt.

Die Athleten müssen Strapazen aushalten, die weit jenseits der Belastungsgrenze eines durchschnittlichen Freizeitsportlers liegen.Jahre der Entsagung, der Auslese und des harten Trainings liegen hinter jenen, auf die sich schließlich die Fernsehkameras richten.Ein detailliertes Trainingsprogramm hat das Leistungsvermögen soweit als möglich gesteigert.Und dann sind da jene Mittel, die noch ein kleines bißchen mehr herausholen können.Das fängt bei Vitaminen an - hier ist es noch eher der Glaube an die "magische Pille", der hilft -, und es endet bei jenen hochwirksamen pharmakologischen Produkten, die das Blut sauerstoffhaltiger machen oder dem Muskel noch mehr Kraft verleihen.

Wo Wirkungen sind, da sind allerdings auch die Nebenwirkungen nicht weit.Eine Doping-Substanz wie das blutbildende Hormon Erythropoetin verdickt das Blut und kann den Blutdruck erhöhen; zusammen mit der körperlichen Extrembelastung eine gefährliche Kombination.Von Anabolika ist bekannt, daß sie aggressiv machen, die Leber angreifen und Frauen vermännlichen können.Nicht nur moralisch, auch medizinisch ist Doping ein Vergehen.Aber soll man klein beigeben und als Versager dastehen, nur weil der gedopte Konkurrent im richtigen Moment den winzigen Tick aufgeweckter ist, das Quentchen mehr an Schnellkraft und Energie besitzt? Wenn es am Ende um die Hundertstelsekunden geht, ist es sehr schwer, ein Held zu sein.Einer, der das Reinheitsgebot im Sport beachtet, und nicht den Imperativ, um jeden Preis zu siegen.

Sportler sind die großen Vorbilder unserer Zeit, die harmlosen Heroen der Fernsehära.Auf sie darf kein Makel fallen.Aber es ist schon ein wenig widersprüchlich, daß wir den Vielgerühmten bei ihrer Jagd nach Erfolg absprechen, was wir selbst gern tun.Auch wir putschen uns auf, helfen der Natur ein wenig nach oder temperieren unsere Stimmung.Das beginnt beim Kaffee, dessen Koffein über den toten Punkt in der Prüfung oder der anstrengenden Terminarbeit hinweghilft.Oder bei der Zigarette, die der Inspiration auf die Sprünge helfen soll.Nach Feierabend trinken wir gern ein Glas Wein, um die Entspannung zu erleichtern.Und das erektionsfördernde Präparat namens Viagra könnte man mit ein wenig Phantasie auch als sexuelles Dopingmittel bezeichnen.Schließlich sind da jene Stimulanzien, die den Techno-Tänzern Ausdauer verleihen.Überall künstliche Stimulation.Der Versuch, der Natur ein Schnippchen zu schlagen, ist nur allzu menschlich.Aber der Sportler soll sauber bleiben.Das ist ungefähr so, als wenn man von einem Alkoholiker verlangt, in einer Schnapsfabrik zu arbeiten und nicht zu trinken.

Zurück zum Sport ohne Zusatzstoffe und pharmakologische Unterstützung, lautet das ehrenwerte Credo der Kämpfer wider das Doping.Aber sie gleichen ein wenig jenen, die ein Zurück zur Natur fordern und damit den Prozeß der Zivilisation rückgängig machen wollen.So, wie der Mensch nicht mehr in den Garten Eden zurückkehren kann, so kann auch der Leistungssport seine Unschuld nicht zurückgewinnen.Er wird seinen moralischen Makel behalten.In der Wirklichkeit kann es nur darum gehen, das Doping-Problem einzudämmen und es soweit wie möglich zu kontrollieren.Der Fernsehzuschauer aber, mit der Bierflasche auf dem Schoß, kann sicher sein: das Drama geht weiter.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben