Zeitung Heute : Die Tramfahrt üben

Wie eine Berlinerin, West, die Stadt erleben kann

Susanne Kippenberger

Ost-Berlin, West-Berlin, gibt’s das überhaupt noch und wenn ja, wo? Keine Mauer mehr, die weiterhilft, wie soll man da die Grenzen erkennen! Ganz einfach, hat Hans Stimmann einmal erklärt: Wenn Sie an einer Stadtautobahn vorbeikommen, sind Sie mit Sicherheit im Westen. Fährt eine Straßenbahn an Ihnen vorbei, befinden Sie sich in Ost-Berlin.

Für West-Berliner ist die Tram daher lebensgefährlich. Nicht für die Fahrgäste, nein, auch nicht für die Umwelt, weshalb die Elektrische in vielen Städten ja gerade wieder groß im Kommen sind, aber für alle, die nicht rechnen mit der rasanten Bahn. Gerade ist wieder ein Fußgänger umgekommen, das neunte Todesopfer auf dem einzigen, winzigen Straßenbahnabschnitt, den es in West-Berlin überhaupt gibt, in Wedding.

Also gehen wir üben, in Ost-Berlin. Bei meinem allerersten Besuch im anderen Teil der Stadt bin ich auch schon Straßenbahn gefahren, vom Kupfergraben bis Kastanienallee. Einen netten Fahrer hab ich da erwischt, damals stand die Mauer noch. Mein Ost-Berliner Eintrittsgeld, 25 Mark in Scheinen, hat er nicht wechseln können. Also lud er mich zum Schwarzfahren ein. Ein halbes Jahr später ist die Mauer gefallen.

Jetzt bin ich wieder vom Kupfergraben zur Kastanienallee gefahren, ganz brav mit meiner Umweltmarke, die gilt für Ganz- und Groß-Berlin – ganz berauscht kehrte ich von meiner Reise zurück. Denn das Gefährt mit dem anheimelnd altmodischen Namen Tram entpuppte sich als das modernste, metropolitanste und sightseeing-freundlichste Gefährt der Stadt. Gerade im Vergleich mit der überirdischen S-Bahn und der unterirdischen U-Bahn, ist die irdische Straßenbahn ganz besonders schön. Mit Schaufenstern und Mitmenschen befindet sich der Passagier in Augenhöhe, die Panoramafenster erlauben einen weiten Blick. In rasantem Tempo und laut klingelnd rattert die lange schlanke Bahn an Autofahrern vorbei – Fußgänger aufgepasst! –, ruckzuck gelangt man bis ans Ende der Stadt.

So kann man sich auch mal Umwege leisten. Die U-Bahn ist was für Pragmatiker, fährt nüchtern linear von links nach rechts, von oben nach unten, alles schnell und übersichtlich und tiefdunkel. Die Tram dagegen ist ideal für fußfaule Flaneure und abenteuerlustige Großstadtromantiker. Die schlägt lauter Bögen, fährt Kurven, allein der Plan ist ein wildes Zick und Zack und Kreuz und Quer von Linien, das mit dem Stadtplan nur wenig Ähnlichkeit hat.

Wer sich noch immer fürchtet, dem seien erst einmal Trockenübungen unter Anleitung einer erfahrenen Ost-Berlinerin empfohlen. Annett Gröschner hat aus ihren Expeditionen mit Bus und Straßenbahn ein kluges, ein schönes Berlin-Buch gemacht, in dem es um Gefahren und Abenteuer, Geschichte und Gegenwart geht. Und irgendwann kommt der Reisende auch an. „Hier beginnt die Zukunft,“ hat die Autorin ihr Buch genannt, „hier steigen wir aus.“

Straßenbahnfahrpläne gibt’s bei der BVG, die Tageskarte für 6,30 Euro. Annett Gröschners Nahverkehrsreisen sind im Berlin Verlag erschienen, 19 Euro .

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