Zeitung Heute : Die Trompete ist eine Sängerin

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Herr Molvaer, Jazz-Musiker berufen sich häufig auf die Großen der Geschichte. Sie aber nennen als ersten musikalischen Einfluss Ihren Vater.

Mein Vater war Musiker. Er spielte Klarinette und Saxophon. Als ich zweieinhalb war, bekam ich meinen ersten Plattenspieler, er hatte noch einen Trichter wie ein Grammophon und lief mit 78 Umdrehungen. Man erzählt mir heute, dass ich ständig davor saß und Louis Armstrongs „Mack The Knife" hörte. Als ich fünf war, fragte mich mein Vater, ob ich ein Instrument spielen möchte. Ich sagte sofort: Ja, Trompete.

Erinnern Sie sich an Ihr Bühnen-Debüt?

Nein. Aber wahrscheinlich war ich acht oder neun Jahre alt. Ich habe damals in Blaskapellen gespielt. Wir sind bei Umzügen und Volksfesten marschiert. In der achten Klasse hatten wir eine Band.

Klingt sehr gesellig. Wenn ich Ihre Platten höre, stelle ich mir eher einen einsamen Menschen vor.

Ich habe immer nach einem Sound gesucht, in dem ich mich selbst wohl fühle. Die spitzen und schrillen Trompeter haben mich eher abgeschreckt, ich bevorzuge einen luftigen, schwebenden Ton, der eher wie eine Flöte klingt.

Sind Sie ein Familienmensch?

Das möchte ich zumindest. Wenn du Kinder hast, merkst du: Es gibt etwas viel Wichtigeres als du selbst. Aber die Balance ist nicht immer leicht zu halten. Ich treffe manchmal Bands, die sieben Monate am Stück auf Tour sind. Wenn sie nach Hause kommen, haben ihre Kinder sprechen gelernt. Sie reisen und reisen - am Ende sind sie allein. Sie hinterlassen Beziehungsruinen. Alles für ihr Ego und ihre Karriere. Sie schaffen vielleicht wunderbare Musik, aber sie sind allein, wenn sie sterben. Ich will immer nach Hause. Andererseits ist die Musik Teil meiner Identität. Deshalb muss ich raus und spielen. Vielleicht kommt daher die Einsamkeit.

Sie haben Ihr Label nach einer kleinen Insel im Nordwesten Norwegens benannt.

Ich wurde auf Sula geboren. Damals lebten da vielleicht 1500 Leute. Sula bedeutet einfach „Insel". Die Plattenfirma ist meine private Insel.

Manche Leute behaupten, Norwegen sei 1970 von Manfred Eicher und seinem ECM-Label entdeckt worden, als die ersten Aufnahmen mit Jan Garbarek entstanden.

Ich glaube, der europäische und der afroamerikanische Jazz waren immer sehr verschieden. Sie haben verschiedene Quellen. Manfred Eicher hat sehr viel getan, das zu entdecken: mit Jan Garbarek oder Terje Rypdal. Viele große amerikanische Musiker haben in Skandinavien gelebt: Dexter Gordon, Ben Webster, Stan Getz oder Don Cherry. Aber keiner von ihnen wohnte in Norwegen. Deshalb hat sich hier alles etwas anders entwickelt. Momentan erleben wir eine richtige Welle mit norwegischer Musik. Aber die geht vorbei und die nächste kommt vielleicht aus Belgien oder der Schweiz.

Sie sagen von sich, Sie seien kein Jazz-Musiker, aber sie treten bei Jazz-Festivals auf.

Es gibt kaum noch Festivals, wo nur traditioneller Jazz gespielt wird. Das Wort Jazz ist nur ein Hülle. Aber sie bezeichnet praktisch nichts mehr. Ich betrachte mich nicht als Jazz-Musiker. Warum sollte ich Musik aus dem Jahre 1962 hören? Ich möchte spielen, was mir in den Kopf kommt.

Sie haben ihre Musik oft von DJs und Techno-Produzenten überarbeiten lassen. Haben Sie die alle persönlich getroffen oder tauscht man da nur Dateien aus?

Ich habe Funkstörung in München getroffen. Jason Swinscoe in London. Matthew Herbert und ein paar Mal Bill Laswell. Ich gebe ihnen meine Stücke und sie verändern alles. Tempo, Tonart, was immer. Das ist sehr inspirierend. Die Songs bekommen neue Farben. Wir haben alle verschiedene ästhetische Filter, durch die wir Musik wahrnehmen.

Auf „Tabula Rasa“, dem ersten Stück Ihres neuen Albums „NP3“ hört man Vokalsamples. Ich habe nicht verstanden, was die Stimmen sagen.

Das sind Radio-Evangelisten. Die Stimmen beten oder schreien Bibelzitate.

So wie Brian Eno und David Byrne das auf „My Life in The Bush of Ghosts" gemacht haben?

Ja. Aber ich glaube, meine Collage klingt viel aggressiver. Für mich ist dieses Stück ein politischer Kommentar. Es geht um Menschen, die im n Gottes, oder wem auch immer, hingehen und andere töten. Ich glaube, Ignoranz ist noch schlimmer als das Böse selbst. Die „Achse des Bösen“ von der George Bush spricht - ich finde das sehr arrogant. Er ist ein gefährlicher Mann.

Deshalb Ihr Stück „Axxis Of Ignorance"?

Das ist für mich die „Achse der Unwissenheit“, die alles ignoriert, was zum Beispiel an den Grenzen Europas geschieht, in Afrika oder im Mittleren Osten. Dahinter steht, dass man die andere Seite nicht verstehen will. Diese Ignoranz ist für mich viel gefährlicher, als wenn jemand etwas Böses tut. Jeder hat etwas Böses in sich. Außer vielleicht der Dalai-Lama. Ich glaube er hat sehr viel Mitgefühl und Respekt und Liebe.

Haben Sie ihn getroffen?

Ich traf in am tibetischen Nationalfeiertag in der Exilhauptstadt Dharamsala in Nordinidien. Es gab ein großes Konzert mit dem Titel „World View". Dort spielte ich im Duett mit diesen riesigen Hörnern und mit dem Tabla-Spieler Zakir Hussain. Einmal traten wir frühmorgens vor 8000 Mönchen auf. Ich traf den Dalai-Lama noch einmal vor einer Rede in Stavanger in Norwegen. Wir saßen in der Garderobe und unterhielten uns. Er hat ein unglaubliches Charisma - und einen großartigen Sinn für Humor.

Hat er Buddhisten-Witze erzählt?

Ja, vor allem Witze über sich selbst.

Haben Sie den Song „Let’s Roll“ von Neil Young gehört? Er bezieht sich auf den Flug über Pennsylvania, von dem aus ein Mann seinen letzten Anruf machte und dann rief „Let’s Roll“ bevor er mit anderen Passagieren das Cockpit stürmte, um die Terroristen zu stoppen. Young wurde dafür scharf kritisiert.

Ich kenne den Song nicht. Aber ich würde niemals verteidigen, was Al-Quaida in den USA getan hat. Niemals. Trotzdem könnte es heilsam sein, über die Gründe nachzudenken.

Vor 30 Jahren riefen Musiker zur Revolution. Glauben Sie, es sollte wieder mehr politische Pop-Musik geben?

Wenn Bono von U2 in einem Fußballstadion über den Schuldenerlass für die Dritte Welt spricht, dann benutzt er seine Musik und seine Macht, um die Leute aufzuwecken. Oder Sting und seine Fonds zur Erhaltung des Regenwalds. Das sind politische Statements. Ich glaube, das kommt wieder. Vielleicht brauchen wir eine Revolution, um diese gierige und reaktionäre Politik zu stoppen. Sicher nicht mit den alten Parolen, aber es ist schon ein großer Schritt, das Bewusstsein der Menschen zu wecken. Ich habe natürlich auch keine perfekten Antworten.

Sprechen wir von musikalischen Revolutionen. Jemand wie Miles Davis muss sich im Laufe seiner künstlerischen Entwicklung oft gefragt haben: Was kommt, nachdem die Revolution erfolgreich war? Ihr Album „Khmer“ war ein Wegbereiter für die Verschmelzung von Jazz und Dancefloor-Technik. Das zweite Album „Solid Ether“ wurde von einigen Kritikern verrissen mit der Begründung: Schön, aber nichts Neues. Muss ein Musiker sich ständig neu erfinden?

Ich wollte einfach nur eine Platte machen, die mir selbst gefällt. „Khmer“ hat mir viele Türen geöffnet. Aber natürlich habe ich mir die Platte seit Jahren nicht mehr angehört. Ein Album ist immer nur eine Art Plattform, von der aus meine Band und ich starten. Nach einem halben Jahr klingen die Stücke komplett anders. Diese Entwicklung darf nicht zum Stehen kommen. Miles Davis war einer der einflussreichsten Musiker des letzten Jahrhunderts. Sein Timing war wunderbar. Er konnte eine Phrase enden lassen und sie klang im Kopf einfach weiter. Diese Luft zwischen den Tönen. Dieses Weniger-ist-mehr. Ich habe viel von ihm gelernt auch wenn meine Musik nicht sehr eng verwandt mit seiner ist. Miles ist einfach da.

Ihr neues Album ist ein Produkt perfekter Studiotechnik: Tiefe Erdbebenbässe, große weite Bühne, perspektivische Ortung, feinste Details.

Und außerdem ist es in Stereo! Aber im Ernst: Ich habe einen sehr guten Tontechniker.

Sie müssen einen riesigen Haufen Effektgeräte benutzen, um diesen Ton zu erzeugen.

Das ist alles Software. Ich benutze übrigens sehr viele deutsche Programme. Zum Beispiel „Logic“ oder „Native Instruments“ aus Berlin mit ihren tollen Software-Synthesizern - alles dahinten in meinem kleinen Power-Book. Das ist schon etwas anderes als die Keyboard-Burgen von Yes oder Emerson, Lake & Palmer.

Bedeutet die massenhafte Verbreitung von High-End-Studio-Software auch eine Demokratisierung?

Man kann alles zu Hause aufnehmen. Aber der Live-Sound, zum Beispiel aus den berühmten Rainbow-Studios in Oslo ist unmöglich im Wohnzimmer hinzubekommen. Es hängt immer davon ab, was man will. Ich sitze gern zu Hause und tüftle. Viele meiner Trompeten-Parts habe ich in der Garage aufgenommen. Wer weiß, wie wir in zehn oder zwanzig Jahren arbeiten. Mit Nano-Computern, groß wie ein Daumennagel mit 100 000 Gigabyte. Vielleicht kann man die direkt mit Gehirnwellen steuern. Aber egal wie viel Soft- oder Hardware man benutzt, wenn man die Dinge nicht zusammen bringt, wird auch keine Musik draus.

Ihr Trompetenton klingt aber, als würden Sie direkt zwischen meinen Ohren spielen.

Manchmal arbeite ich mit sehr viel Delay und Verzerrung. Manchmal nehme ich einen Harmonizer. Aber das meiste ist natürliche, akustische Trompete. Ich behandele sie wie eine menschliche Stimme. Die Trompete ist eine Sängerin.

Das Gespräch führte Ralph Geisenhanslüke.

Nils Petter Molvaer spielt heute beim Potsdamer Jazz Festival , 21 Uhr, Jazzcircus Schiffbauergasse.

Das Album „NP3" (Sula/Universal) erscheint Ende Juni.

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