Zeitung Heute : Die Tücken des Erfolgs

ANDREAS CONRAD

Großkampftag im Kempinski.Tags zuvor noch fast gemütliche Stimmung im Pressebüro der 20th Century Fox, heute Einsatz aller Kräfte.D-Day, sozusagen.Die Weltpresse hat ihre Bataillone entsandt, in ihrem Visier: Nick Nolte, der erste US-Topstar dieser Berlinale, verstärkt durch allerlei Hilfstruppen mehr oder weniger bekannter Akteure.Noch wurde er nicht gesichtet, aber die Spannung steigt von Minute zu Minute in dem von fiependen Handys, Gläsergeklirr und Reporterpalaver lärmigen Raum.

Sogar verdrahtet, mit Kopfhörer und Mikro, laufen die Organisatoren diesmal herum.Nach fein ausgeklügeltem Schlachtplan wurden Journalistengruppen zusammengestellt, die nun nach und nach zu ihren Einsatzorten abrücken, gemieteten Suiten, durch die die Truppen von "The Thin Red Line", Terrence Malicks pazifischem Kriegsepos, im Rotationsprinzip hindurchgeschleust werden.Wer auf Nick Nolte erst zum Schluß stößt, hat eben Pech.Wie reimten schon die Landser? "Die meiste Zeit des Lebens wartet der Soldat vergebens."

Aber dann, zwei Stunden nach der vereinbarten Zeit, einer Spanne, in der schon manche Schlacht entschieden wurde, tritt er endlich doch auf, fragt als erstes, ob er rauchen dürfe, und artig stellt ihm einer der Pressebengels - man weiß halt, was man einem Star schuldig ist - einen Aschenbecher bereit.Auftritt ist vielleicht übertrieben, eher scheint Nolte hereinzuschlurfen, very relaxed, karierte Schlabberhose, Turnschuhe, ein Sweatshirt wie aus einem POW-Camp, Gefangener Nr.88 P, ziemlich verstrubbelt, vorne baumelt die Brille.Einleitende Honneurs der Zehnerrunde, Gratulation zur Oscar-Nominierung für die Hauptrolle in Paul Schraders "Affliction", Besinnliches von Nolte über die Bedeutung der Auszeichnung, und dann ist man auch schon bei "The Thin Red Line", für Nolte ein Film wie "ein wunderbares Gedicht", sehr "unkonventionell".Das kommt alles sehr zögernd, suchend, begleitet von langsamen Gesten, und erst allmählich wird Nolte sich warmreden, wird über die Dreharbeiten sprechen, über Malicks die Schauspieler irritierendes Verfahren, vier, fünf Szenen gleichzeitig zu drehen, den einen Faden fallenzulassen, erst später wieder aufzugreifen.

Ob von dem Eisenbeißer Colonel Tall doch eine dünne rote Linie zu dem Dessousfetischisten Le Sabre in Noltes zweitem Berlinale-Beitrag "Breakfast of Champions" führe? "Eher ein dünnes rotes Kleidchen." Nolte wäre kein Profi, wenn er sich diese Gelegenheit zur Pointe, zum Sammeln von Lachern entgehen ließe."Wonach ich suche, sind große Stories, große Literatur, sei es in Romanen oder im Drehbuch." Wie er Rollen wähle? Zögernd sucht er nach Worten, eine Rolle solle "auf der Schneide meiner Fähigkeit, sie zu erfassen" stehen, "also dann, wenn ich es nicht erfasse, aber weiß, es ist da".Die Herausforderung, das Risiko sind es, die ihn reizen."Sehen Sie, Schauspielern ist wie einen Liebesaffäre, und deine große Aufgabe besteht darin, die Liebe am Leben zu erhalten.Wenn du dich wiederholst, verschwindet sie." Das sei auch der Grund, weshalb Malick sich solange aus dem Filmen zurückgezogen habe.Berühmtheit, Erfolg - für Nolte (und "Terry") bedeuten sie auch Fallstricke, die zur Wiederholung verführen."Erfolg nur um des Erfolges willen - das ist der falsche Brennpunkt." Der richtige, für Nolte ist es "das Erzählen von Geschichten".

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