Zeitung Heute : Die umworbene Mitte

HEIK AFHELDT

Nun sind wieder alle Parteien hinter ihm her und ködern ihn mit wohlfeilen Versprechungen: Den Mittelstand! Neu und angesichts der Tradition der Partei eher ungewohnt die Schröder-SPD mit ihrer "Mittelstandsoffensive", routiniert die CDU über die ihr nahestehende Mittelstandsvereinigung und nicht zuletzt die Liberalen.Alle Parteien sehen das große Wählerpotential der gut drei Millionen kleinen und mittleren Unternehmen und ihrer Inhaber und Mitarbeiter, ihren beeindruckenden Beitrag zur gesamtwirtschaftlichen Leistung und vor allem ihre Fähigkeit, neue Arbeitsplätze zu schaffen.

Schon vor Jahren erstaunte die Nachricht aus den USA: Die Großen bauen laufend Arbeitsplätze ab, sie restrukturieren und redimensionieren.Die mittleren und kleinen Unternehmen sind es, die das Jobwunder vollbringen.Sie entdecken ertragreiche Nischen in neuen Märkten, sind dynamisch, entscheidungsfroh und risikofreudig - und das, anders als die Manager, mit eigenem Kapital.Das, was unter einem großen Konzerndach nicht gedeihen will, läuft als kleines, eigenverantwortliches Unternehmen, plötzlich prächtig - mit denselben Produkten auf den gleichen Märkten."Management buy out", nennt sich diese Blamage der Großen der Wirtschaft - frei übersetzt auch Ausverkauf des Managements.

Der Grund: Mehltau und Bürokratie, Herrschaft der Rechenknechte und Bedenkenträger in den Konzernen.Mittlerweile hat jeder ordentliche Manager die Lektion gelernt: Nicht der Größte, sondern der Schnellste hat die Nase vorn im Wettbewerb.Wie groß klein sein kann, das beweisen schon die nackten Zahlen.Rund 80 Prozent aller Unternehmen in Deutschland setzen pro Jahr weniger als eine Million DM um.Fast ein Viertel aller Beschäftigten arbeitet in Firmen mit weniger als neun Kollegen, drei Viertel aller Jobs finden sich in Häusern mit unter 500 Mitarbeitern.Auch in Deutschland sind es die kleinen, jungen Unternehmen, die einstellen und ausbauen.Zu Unrecht ziehen die Elefanten die Aufmerksamkeit auf sich.Ihre Kapitäne genießen die Bewunderung der Öffentlichkeit und das Liebeswerben der Politiker.Die Kleinen in ihrem Schatten sieht man allenfalls vor Wahlen.

Nun aber will man von links und rechts diesen eigentlichen Hefeteig der Wirtschaft, die KMUs, die kleinen und mittleren Unternehmen unter seine förderwilligen Fittiche nehmen.Die Frage ist nur, ob den Mittelständlern diese neue Liebe der Politiker auch gut tut.Selbst die Gießkanne ist ja für ein Beet mit mehr als drei Millionen Pflanzen noch viel zu gezielt.Nur eine Klimaänderung im Lande kann die Wachstumsbedingungen für diesen so bunten und wichtigen Teil unserer Wirtschaft wirklich verbessern.Wichtiger als gutgemeinte Mittelstandsförderungsprogramme sind ein ergiebiger Kapitalmarkt mit tiefen Zinsen, niedrigere und zuverlässig kalkulierbare Steuerlasten, flexible Personalkosten und eine Bürokratie, die die besondere Empfindlichkeit kleiner und junger Unternehmen gegen perfekte administrative Anforderungen berücksichtigt.Nur dann enstehen und überleben mehr Unternehmen in diesem Lande.Es wäre viel gewonnen für den Arbeitsmarkt, wenn nicht nur der Trend der Gründungen nach oben zeigte, sondern gleichzeitig die Zahl der Liquidationen zurückginge.1997 betrug der Saldo noch etwa 90 000 zusätzliche Unternehmen, 1991 waren es einmal 223 000 !

Das Problem ist so alt wie die Forderungen um Verständnis für die heiklen Existenzbedingungen der neu entdeckten Mitte der Wirtschaft.Schon 1920 wollten die Mittelstandsparteien ihre Mitglieder "gegen Sozialisierung und Steuerüberbürdung schützen".Auch Unterlassen kann eine Tugend sein - in der Politik.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben