Zeitung Heute : Die Umworter sind einsam geworden

MALTE LEHMING

Erstmals ist jetzt in einem Bundesland die vorzeitige Umsetzung der Rechtschreibreform gerichtlich untersagt wordenVON MALTE LEHMINGEs fällt schwer, die Häme im Zaum zu halten.Aber Menschen, die sich irren und ihren Irrtum wider alle Regeln der Vernunft stur verteidigen, haben eher Mitleid verdient als Spott.Das gilt auch für Bürokraten und Pädagogen.Und das gilt auch beim Thema Rechtschreibreform.Denn den Glauben an die Einsichtsfähigkeit selbst von Kultusministern und Sprachexperten aufrechtzuerhalten, gebietet nicht zuletzt der Anstand - zumal die Fakten für sich sprechen.Erstmals ist jetzt in einem Bundesland die vorzeitige Umsetzung der Rechtschreibreform gerichtlich untersagt worden.Denn durch sie würde der im Grundgesetz verbriefte Anspruch auf optimale Vorbereitung der Schüler auf das Leben verletzt.Überdies hätten die Kultusminister "keine Regelungsbefugnis bezüglich der Einführung einer neuen Schreibweise für die Bevölkerung". In diesen beiden Sätzen wurde ein Teil des Dilemmas vorbildlich zusammengefaßt.Zum einen haben viele Literaturverlage und Schriftsteller angekündigt, die Reform zu boykottieren.Den Kindern würde also eine Rechtschreibung beigebracht, derer sich die wichtigsten Autoren der Moderne nicht bedienen.Eine Erziehung zur sprachlichen und damit geistigen Schizophrenie kann kein vernünftiger Bildungsauftrag sein.Zum anderen haben die Kultusminister zwar die Kompetenz, eine Neuregelung der Sprache in Schulen und Behörden verbindlich vorzuschreiben, sie dürfen ihre Befugnis aber nicht dazu mißbrauchen, um über diesen Umweg das sogenannte Reformwerk der Gesamtbevölkerung zu oktroyieren.Sprache und Schrift sind existentiell für ein funktionsfähiges Gemeinwesen.Ohne eine Beteiligung der gewählten Volksvertreter sollte an den Grundfesten unseres täglichen kommunikativen Lebens nicht gerüttelt werden. Die Umworter aller Worte toben nun ob des Wiesbadener Gerichtsbeschlusses.Das war nicht anders zu erwarten.Doch sie sind - wie einst Rumpelstilzchen - einsam geworden in ihrem Zorn.Verzweifelt klammern sie sich an etwas, das ihnen mehr und mehr aus den Händen gleitet.Doch die Suppe haben sie sich selbst eingebrockt, und aus dem Trauerspiel, das sie inszeniert haben, wird langsam eine Komödie.Spätestens als die neuen Wörterbücher erschienen, wurde das ganze Ausmaß der Absurditäten offenkundig.Allein zwischen "Duden" und "Bertelsmann" wurden etwa beim Buchstaben "F" nicht weniger als 38 Zweifelsfälle ausgemacht.Seitdem sind mindestens sieben weitere Wörterbücher herausgebracht worden.Die Widersprüche häufen sich zum Chaos. Die Praxis zeigt also: Das Versprechen der Initiatoren - die Schriftsprache solle logischer und leichter werden - konnte nicht eingehalten werden.Doch davon gänzlich ungerührt setzten viele Kultusminister die Neuregelung, die offiziell erst am 1.August 1998 eingeführt werden sollte, zwei Jahre früher in Kraft.Das beliebte Argument, die Gegner der Reform seien zu spät aufgewacht, ist daher so falsch wie töricht.Vielmehr handelten die Befürworter schlicht übereifrig.Und vor der allgemeinen Verwirrung, die sich jetzt ausbreitet, ist bereits gewarnt worden, bevor am 1.Juli 1996 in Wien die "Gemeinsame Erklärung zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung" unterzeichnet wurde. Aber auch politisch ist die Neuregelung gescheitert.Roman Herzog ("so überflüssig wie ein Kropf") und Helmut Kohl (der rein "gar nichts" davon hält) greifen bloß den Unmut auf, den Hunderttausende von Bürgern empfinden.In mehreren Bundesländern laufen derzeit Volksbegehren, der Haushaltsausschuß des Deutschen Bundestages lehnt die Reform mit großer Mehrheit wegen der hohen Folgekosten ab, fraktionsübergreifend haben sich Abgeordnete zusammengetan, um dem verordneten Unsinn Einhalt zu gebieten.Daß die Schüler, die schon jetzt mit dem neuen Regelungswerk konfrontiert werden, keine Einwände dagegen haben, ihnen das Erlernen der Schriftsprache mitunter sogar leichter fällt als vorher, mag sein.Aber was folgt daraus? Am leichtesten wäre, jeder schriebe so, wie er es für richtig hält.Die Sprache ginge vor die Hunde, im Diktat hätten alle eine Eins.Das Beispiel lehrt: Vereinfachung als solche ist kein Wert an sich.Wenn sie sinnvoll sein soll, darf sie nicht zu Lasten der Differenzierungsmöglichkeiten gehen.Dieses Ziel hat das vorliegende Reformwerk verfehlt.Deshalb muß es gestoppt werden.

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