Zeitung Heute : Die Unbeweglichkeitsstudie

Viele Schulkinder können einfachste motorische Übungen nicht bewältigen

Sophie Goetze

Berlin - Erschöpft sinkt Patricia nach ihrem letzten Liegestütz auf die Turnmatte. Dort bleibt das Mädchen erst einmal eine Weile liegen. „Hat aber trotzdem Spaß gemacht“, sagt sie schüchtern, die Wangen gerötet von der Anstrengung. Die Neunjährige nimmt an einer Studie der Universität Karlsruhe zur Fitness und körperlichen Aktivität von Kindern und Jugendlichen teil. Mitarbeiter des Instituts für Sport und Sportwissenschaft reisen noch bis zum Sommer 2006 durch Deutschland, um die motorische Leistungsfähigkeit von 4500 repräsentativ ausgewählten Heranwachsenden zu testen. „Die Kinder müssen beispielsweise auf einem Bein stehen oder rückwärts balancieren“, sagt Natalie Romahn vom Projektteam der Universität Karlsruhe. „So wird die Koordinationsfähigkeit getestet.“

Die Ergebnisse der Motorikstudie sollen später in Schulen und Sportvereinen praktisch umgesetzt werden. Unterricht und Training würden je nach Bedarf um spezielle Fördermaßnahmen erweitert. Die Auswertung der Motorikstudie beginnt allerdings erst Ende 2005, deshalb liegen bisher nur die Testergebnisse der einzelnen Probanden vor. „Die sind aber teilweise ganz schön erschreckend“, sagt Natalie Romahn.

Vor zwei Jahren hatte eine Studie des Wissenschaftlichen Instituts der Ärzte Deutschlands (Wiad), des Deutschen Sportbundes (DSB) und der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) ergeben, dass die körperlichen Fähigkeiten bei Zehn- bis Vierzehnjährigen seit 1995 um mehr als zwanzig Prozent abgenommen haben. Der DSB hatte daraufhin mehr Schulsport gefordert. Doch der Schulsport ist in einem schlechten Zustand.

Erst im Dezember 2004 hatte der Deutsche Sportbund eine weitere Studie vorgestellt. Das Ergebnis: Zwar stehen in den meisten Klassen drei Sportstunden auf dem Unterrichtsplan, es finden aber in der Regel nur zwei Stunden pro Woche statt, und gerade in Grund- und Hauptschulen sind die Lehrer oft schlecht ausgebildet.

Die Situation ist dramatisch: Viele der Kinder sind übergewichtig und nicht in der Lage, die einfachsten motorischen oder sportlichen Übungen zu bewältigen. „Die Kinder machen zwar Sport im Verein, aber dafür nimmt die Alltagsaktivität ab“, sagt Natalie Romahn. Zweimal Vereinssport pro Woche sei zu wenig, wenn sich die Kinder sonst nicht körperlich betätigten. „Überall werden die Kinder mit dem Auto hingebracht. Und niemand kickt wie früher auf der Straße oder klettert auf einen Baum.“

Patricia ist inzwischen auf dem Weg zur nächsten Aufgabe: Rad fahren auf dem Ergometer bei gleichzeitiger Messung der Herzfrequenz. Schon bevor das Mädchen in die Pedale tritt, schlägt das Herz bis zum Hals. „Das ist die Aufregung“, sagt Natalie Romahn. Erst später, wenn sich der Widerstand vergrößert, wird es auch schwierig. Die Kinder fallen zwar nicht bei der geringsten Anstrengung erschöpft vom Rad. Allerdings sind ihre Leistungen im Vergleich zu der früherer Generationen laut Natalie Romahns Besorgnis erregend. Um ein endgültiges Fazit aus der Untersuchung zu ziehen, sei es zwar noch zu früh. Es zeigt sich aber, dass die Kinder beim Fahrradausdauertest, beim Balancieren rückwärts und bei den Liegestützen am meisten Mühe haben.

Für Patricia sollen sich die Strapazen gelohnt haben: Am Ende der Untersuchung darf sie sich ein Spielzeug aussuchen. Zur Auswahl stehen Kuscheltiere und Tischtennisschläger. Schließlich geht es bei der Studie um Bewegung.

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