Zeitung Heute : Die unheimlichenGewinner

MARTINA OHM

Erstaunlicherweise haben es bisher nur wenige Bankiers in der Geschichte der deutschen Kreditwirtschaft verstanden, dem weit verbreiteten Erklärungsbedarf in der Öffentlickeit gerecht zu werdenVON MARTINA OHMÜber die Rolle der Banken wird oft und gern geredet.Das mag daran liegen, daß die Kreditwirtschaft den meisten Zeitgenossen gleichermaßen bewunderswert wie suspekt vorkommt.Ob Boom oder Rezession - die Geldhäuser stehen für gewöhnlich nicht auf der Verliererseite.Zumindest hat es ganz so den Anschein.Die prächtigen Fassaden der Finanzkonzerne lassen kaum andere Schlußfolgerungen zu.Das führt oft dazu, daß die Position der Banken verkannt wird.So zentral ihre Bedeutung für Wirtschaft und Gesellschaft in Wahrheit ist, der Umgang mit den Instituten bleibt von Zwiespalt geprägt. Erstaunlicherweise haben es bisher nur wenige Bankiers in der Geschichte der deutschen Kreditwirtschaft verstanden, dem unausgesprochenen, aber weit verbreiteten Erklärungsbedarf in der Öffentlickeit gerecht zu werden.Allen voran war es Alfred Herrhausen, der von Terroristen ermordete Vorstandssprecher der Deutschen Bank, der mit seinen - nicht selten von einer Portion Selbstkritik gekennzeichneten - Vorträgen über Verantwortung und Macht der Banken einen wesentlichen Beitrag zum besseren Verständnis des Geldgewerbes geleistet hat.Zwar prägten auch andere Namen aus dem größten deutschen - und europäischen - Finanzkonzern das Bild der deutschen Großbanken.Männer wie der nicht ganz unumstrittene Hermann-Josef Abs oder der Außenpolitiker der Deutschen Bank, Wilfried Guth, gehören sicher dazu.Doch ist eindeutig: das deutsche Geldgewerbe braucht mehr verantwortungsbewußte und vor allem mehr offene Moderatoren. Mit dem aktuellen Stabwechsel im Hause der Deutschen Bank, mit dem Rückzug von Hilmar Kopper und der Berufung des Investmentbankers Rolf-Ernst Breuer zum neuen Vorstandssprecher wird das spürbar.Dabei ist Breuer nicht mehr als ein Übergangskandidat in einer Übergangszeit.Das freilich mindert seine Verantwortung nicht.Vor allem muß Breuer den Vorbehalten begegenen, die sich im Rahmen der jüngsten Stahlehe im Revier erneut auf die Deutsche Bank und mithin auf seine Person konzentrieren.Immer wieder, so auch zuletzt im Fall Thyssen/Krupp, sind es die schier undurchschaubaren Überkreuzbeteiligungen und Querverflechtungen von Banken, Versicherungen und Industrie, verbunden mit einer erstaunlichen Anhäufung von Kontrollposten in einer Hand, die den Argwohn der Öffentlichkeit - ganz zu Recht - schüren und die Banken in Rechtfertigungszwänge bringen.In der Tat: viele Fäden laufen bei den Geldhäusern zusammen, besonders viele im Hause der Deutschen Bank: Ob Daimler oder KHD, ob Conti oder Allianz, ob Hapag-Lloyd oder Metallgesellschaft - überall hat der Branchenprimus mitzureden und mitzuregieren.Da liegt die Vermutung nahe, daß die Hauptversammlungen der Deutschen Bank inzwischen von größerem Gewicht sind als manche Debatte im Deutschen Bundestag. Es ist veständlich: In einer Zeit der Umbrüche, in der die Politik vergeblich an die gesellschaftliche Verantwortung der freien Wirtschaft appelliert, den Führungskräften in der Industrie nationale Gefälligkeiten aber alles andere als opportun erscheinen, richtet sich der Blick der Öffentlichkeit zwangsläufig auf die Entscheidungsträger in den mächtigen Banken.Als ob die wahre Wunder vollbringen könnten und über jede Markt-Gesetzmäßigkeit erhaben wären! Das Gegenteil ist der Fall: Noch stärker als die Industrie sind die Banken im globalen Dorf einer 24-Stunden-Kontrolle ausgesetzt.Nicht am Vorstandstisch - an den internationalen Finanzmärkten wird über gut oder schlecht jeder Strategie einer Geschäftsbank entschieden.Dabei bleiben auch die Institute vom Zwang zur Umstrukturierungnicht verschont. Um sich nicht ständig auf dem Sünderbänkchen zu finden und weiteren Imageschaden zu vermeiden, zog die Deutsche Bank gleichwohl Konsequenzen und entschied sich für einen freiwilligen Abbau ihrer Industriebeteiligungen.Deutschbanker Rolf-Ernst Breuer wird daran festhalten.Dabei weiß das CDU-Mitglied Breuer auch, was es der Regierung schuldig ist.Unlängst, nach dem "faux-pas" der Deutschen Bank, hatte das Kanzleramt die Diskussion der geplanten Aktienrechtsnovelle, die mit einer Beschränkung der Bankenmacht verbunden ist, erst einmal von der Tagesordnung gestrichen.

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