Zeitung Heute : Die unsichtbaren Dritten Warum Verdi ganz radikal war – und ganz viel Angst hatte

Alfons Frese[Potsdam],Ursula Weidenfeld

Von Alfons Frese, Potsdam,

und Ursula Weidenfeld

Es ist nicht so, dass sie alle den Streik gewollt hätten. Im Gegenteil. Den Gewerkschaftern ist am späten Donnerstagnachmittag die Furcht vor einem Arbeitskampf im öffentlichen Dienst anzusehen. Je mehr Zeit verstreicht, desto mehr Bedenken wuchern in den Köpfen. Ein Streik, könnte der noch etwas bringen? Wie viel mehr müsste es sein, damit die Mitglieder nach einem Arbeitskampf zufrieden wären? Wahrscheinlich würde der gar nichts bringen. Müde und zermürbt warten sie auf den Fluren und im Foyer darauf, dass etwas passiert. Dass endlich etwas passiert. Etwas, damit sie nicht streiken müssen.

In der Sparkassenakademie in Potsdam werden zwar auch am Donnerstagnachmittag nochmal zornig die Fäuste geschüttelt, wenn die angereisten Gewerkschafter in Richtung der Arbeitgeber-Sitzungsräume blicken. Doch das sind Gesten für die Kameraleute. Sie meinen es nicht mehr so, die Entsandten, die für Verdi oder für die Tarifunion des Beamtenbundes, für die kommunalen Angestellten oder die öffentlich bediensteten Lokführer nach Potsdam gekommen sind. Sie meinen es ja gar nicht mehr so. Es wäre ein Unfall, wenn jetzt doch noch alles platzen würde. Ein schwerer Unfall. Sie haben dem Schlichterspruch schließlich zugestimmt. Es sind die anderen, die den Frieden gefährden.

Während der getrennten Beratungen und kleinen Runden – und es gibt viele getrennte Beratungen und kleine Runden an diesem Tag – rührt sich das kollektive Gedächtnis der Arbeitnehmer. Damals, als die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi noch ÖTV hieß. 1992, als es noch keine Drohungen der Arbeitgeberseite gab, man werde einfach aus dem Tarifverbund aussteigen und nicht mehr mitmachen. Damals also, nach einem Verhandlungsmarathon im Straßenbahnerheim in Stuttgart auf der Höhe im Wald unter dem Fernsehturm, da hat die ÖTV ihre bitterste Niederlage kassiert. 5,4 Prozent – mit diesem Schlichterspruch ging die ÖTV in den Streik. Und genau mit demselben Ergebnis kam sie nach elf Tagen wieder heraus. Die ÖTVler lehnten das Ergebnis in der Urabstimmung ab – und ÖTV-Chefin Monika Wulf-Mathies, die dennoch akzeptierte, musste wenige Monate später gehen. Seitdem wissen alle im öffentlichen Dienst, dass bei einem Streik nicht viel zu holen ist.

Auch, wenn es diesmal an den anderen liegt, wie hier jeder sagt: Wenn so etwas wie 1992 wieder passiert wäre und wenn so etwas der gerade erst gegründeten Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und dem gerade erst gewählten Vorsitzenden Frank Bsirske passiert wäre, dann hätte Verdi vor der Zerreißprobe gestanden. Eine Niederlage für Bsirske hätte die Unzufriedenen und Frustrierten bei Verdi, die Enttäuschten und die Verlierer des Fusionsprozesses in die Vorhand gebracht.

Die Schatten der Vergangenheit sitzen deshalb mit am Tisch an diesem Donnerstag, wenn Bsirske mit Bundesinnenminister Otto Schily allein redet. Sie sind dabei, wenn in der großen Tarifkommission der Verhandlungsstand erörtert wird. Sie mahnen zur Vernunft, wenn doch noch einer einmal murmelt, man müsse ja nicht abschließen.

Sie haben doch Angst bekommen vor einem Streik, die Dienstleistungsgewerkschafter. Nach den starken Tönen am Anfang. Deshalb wird immer noch einmal verhandelt, weiter palavert. „Spitz auf Knopf“ stehe es, wispert Verdi-Vorstandsfrau Margaret Mönig-Raane mit rot unterlaufenen müden Augen, bevor sie am frühen Nachmittag für ein paar Stunden die Szene verlässt. Ein kleines Köfferchen zieht sie hinter sich her, 20 Fotografen eilen hinter ihr und dem Köfferchen her, ein Kameramann kippt um, ein Aschenbecher auch. Mönig-Raane enteilt, sie hat keinen Blick für den winterlich verfrorenen Templiner See. Die Kameraleute schon. Sie filmen die Eisschollen und drinnen den umgekippten Aschenbecher, und die Redakteure denken sich schon passende Sätze dazu aus. Sie wissen, dass es keine guten Bilder mehr gibt, wenn es erst einmal dunkel geworden ist. Und sie wissen, dass es einen Abschluss erst geben kann, wenn es dunkel geworden ist. Und die anderen zugestimmt haben.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben