Zeitung Heute : Die Väter aller Fragen

03.07.2003 00:00 UhrVon Norbert Thomma

Was geschah wirklich am 11.September? In Berlin trafen sich sieben notorische Zweifler

Warum veröffentlichen die USA bis heute keine der angeblichen Beweise gegen bin Laden? Warum wurden am 11. September nicht einmal Versuche unternommen, die Flugzeuge abzufangen? Warum wurden in den Geheimdiensten, die angeblich versagt haben, maßgebliche Personen befördert?

Die Sogwirkung solcher Fragen ist kraftvoll. Sie hat am Montagabend mehr als 750 Menschen in die Humboldt-Universität gezogen, Unter den Linden 6, erstes Stockwerk. Die Veranstaltung war im Nu ausverkauft, ohne große Werbung. Auf der Eintrittskarte sind die rauchenden Türme des World Trade Center zu sehen. Daneben die Namen von sieben Referenten und ihr Thema: „Der inszenierte Terrorismus.

“ Es könnte auch heißen: „Erste öffentliche Hauptversammlung deutscher Skeptiker&Fragesteller.“

Die sieben – Journalisten, Buchautoren, Fernsehmacher – kannten sich bisher nicht persönlich. Was sie eint, ist: Sie glauben nichts, was über den 11.9. geschrieben steht. Nun sind sie einen ganzen Tag zusammen gesessen und haben sich ausgetauscht, ihre Theorien, Fragen, Hypothesen, Recherchen. Vor allem: Fragen. Sie reden vom „publizierten Mainstream“, von „der offiziellen Verschwörungstheorie“.

Das Auditorium Maximum ist ein hoher Raum mit Empore. Die grünen Klappstühle sind speckig, die hölzernen Schreibbretter abgenutzt, die Wände teilweise getäfelt. Im Publikum sitzen Jugend, Krawatten, graue Bärte, kurze Hosen, lichte Haarkränze. Auf dem Podium sind Tische, Mikrofone und Namensschildchen aufgereiht. Seit 1908 dürfen an dieser Universität Frauen studieren; die Mehrzahl der aktuellen Studenten ist weiblich. Doch der Zweifel ist maskulin.

19 Uhr 40, der Fernsehjournalist Ekkehard Sieker spricht über das berühmte Video mit bin Laden. Nach landläufiger Meinung beweist es dessen Verbindung zu den Attentätern. Das Video gab es zuerst nur mit englischer Übersetzung. Sieker hat bei der „Washington Post“ angerufen, beim Pentagon, bei der „New York Times“, er wollte sich die arabische Fassung besorgen. Warum?, sei er überall gefragt worden, das mit der englischen Version sei doch praktisch. Er habe das Original schließlich für das Magazin „Monitor“ von drei unabhängigen Fachleuten übersetzen lassen – und nichts daran belege bin Ladens Verstrickungen. Warum interessiert das niemanden?, ruft Sieker in den Saal. Warum betreibt die Presse Verklärung statt Aufklärung?

Heftiger Beifall. DIN-A-4-Blätter werden unter den Zuhörern herumgereicht. Auf ihnen steht „Tagesmeldung 30.6.03: BRD am Ende. Bankrottes Irrenhaus sucht neue Betreiber.“

Mathias Bröckers spricht. Sein Buch „Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11.9.“ hat sich bei Zweitausendeins 95000 Mal verkauft, die 32. Auflage wird vorbereitet. Er fragt nach den Namenslisten, die das FBI sofort nach den Anschlägen ins Netz gestellt hat: Haben sich nicht sechs von 19 Terroristen als lebend gemeldet? Und warum hat Mohammed Atta drei Tage vor seinem Tod ein Miles& More-Konto eröffnet? Großes Gelächter.

Der Redner hofft, „die Lügen des Irak-Krieges“ würden auch das Nachdenken über den 11.9. beleben. Nicht existente Massenvernichtungswaffen schwirren durchs Audimax, gefälschte Geheimdienstpapiere, erfundene Käufe von Aluröhren… Das sind die Fakten. Eine merkwürdige Verbindung zu Saddam Hussein fällt einem auf: Wilhelm von Humboldt hat diese Hochschule zu ihrer Eröffnung „Mutter aller modernen Universitäten“ genannt. Die Luft ist warm und stickig.

Draußen im Treppenhaus gibt es zwei Tische, einen mit Büchern und einen mit Erfrischungen. Die Bücher heißen „Das Schweigekartell“, „Die verbotene Wahrheit“, „Das Imperium verfällt“, „Heiliger Krieg: Amerikas Kreuzzug“, „Das Bush-Imperium“ usw. Hier lagert der gedruckte Generalangriff auf die US-Regierung. Die Bücher verkaufen sich gut. Eine Flasche Radeberger gibt es zu 1 Euro 80. Bier verkauft sich noch besser.

Um 21 Uhr 20 ist Geschrei zu vernehmen. „Nazis raus! Nazis raus!“ Gerangel, Tumult, Geschubse. In Reihe 7, Platz 19, sitzt Horst Mahler. Schwarze Jeans, das schwarze Hemd spannt überm wuchtigen Bauch. Er lächelt souverän, sein Nacken ist von Hektik gerötet. Ein Mann ruft in amerikanischer Färbung: „Er leugnet den Tod von sechs Millionen Juden.“ Aus dem Publikum tönt es: „Ruhe!“ Eine alte Dame lautstark: „Die Leute haben bezahlt, sie wollen zuhören.“ Der Eintritt kostet fünf Euro, ermäßigt drei. Der Mann ruft: „Ihr werdet nicht einmal mit einem Nazi fertig.“ Er wird von kräftigen Ordnern in dunklen Anzügen aus dem Saal gedrängt.

Noch mehr Zweifel vom Podium: Die geostrategische Neuordnung der Welt hat vor dem 11.9. festgestanden; die Schläge gegen Afghanistan und der Irak waren bereits geplant; hinter allen Terrorgruppen stecken westliche Geheimdienste; der Buchautor Gerhard Wisnewski („Operation 9/11“) sagt, die entführten Flugzeuge könnten in der Luft ausgetauscht und beim Aufprall menschenleer gewesen sein, dies sei eine uralte US-Strategie aus der Zeit der Kuba-Krise, der Projektor wirft Dokumente auf eine Leinwand. Das Publikum staunt. Alles ist möglich.

Gleich nach den Anschlägen war im Internet der Verdacht aufgekommen, es könnten die Illuminaten gewesen sein. Wenn man die Zahlen des 11.9.2001 einzeln addiert, ergibt dies 14, Quersumme 5. Wie bei der 23, der heiligen Zahl der Illuminaten, dieser Jahrhunderte alten Verschwörerloge. Und was ist mit dem 30.6.2003, als an der Humboldt-Uni die Experten tagten? Addition 14, Quersumme 5. Wer hat diese Veranstaltung organisiert? Hat sie überhaupt stattgefunden? Wo ist Alexander von Humboldt?

Schon wieder neue Fragen.

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