Zeitung Heute : Die Verhaftung Milosevics: Tapetenwechsel

Stephan Israel

Slobodan Milosevic hat seine erste Nacht in einer Gefängniszelle verbracht. "Er ist erschöpft, sonst nichts", sagte Verteidiger Toma Fila am Montag, auf dem Weg zum zweiten Besuch beim prominenten Untersuchungshäftling im Belgrader Zentralgefängnis. Milosevic sei deprimiert, könne kaum glauben, was ihm geschehen sei. Ein Arzt hat den 59-jährigen Häftling allerdings für grundsätzlich fit befunden, lediglich der Blutdruck sei etwas hoch.

Zum Thema Online Spezial: Wie geht es weiter mit Milosevic? Am Sonntag, wenige Stunden nach der Festnahme, ist Slobodan Milosevic ein erstes Mal dem Untersuchungsrichter vorgeführt worden. Heute soll das Verhör fortgesetzt werden. Bei der ersten Einvernahme hat Milosevic die Anklagepunkte Amtsmissbrauch und Korruption zurückgewiesen. Eigenhändig hat er das Gesuch um Haftentlassung während des Ermittlungsverfahrens unterschrieben. Aber selbst sein Verteidiger sieht nach der dramatischen Festnahme kaum Chancen für das Gesuch.

In den Belgrader Medien werden die Details der neuen Unterkunft von Slobodan Milosevic genüsslich und mit einiger Schadenfreude ausgebreitet. Selbst die bis zum Sturz des Autokraten noch streng linientreuen Blätter berichten jetzt mit Häme über das erbärmliche Schicksal des starken Mannes. Die Zelle von Slobodan Milosevic liegt in einem Trakt, der kürzlich frisch gestrichen, mit Neonlicht und neuen Böden etwas verschönert wurde. Der Trakt trägt unter den Häftlingen im tristen Bau aus der kommunistischen Ära den Spitznamen "Hyatt-Flügel", benannt nach der besten Hoteladresse in Belgrad. Verteidiger Toma Fila stellte freilich sofort klar, dass Milosevic keine Sonderbehandlung genieße. Das Belgrader Zentralgefängnis sei ein "typisches Balkangefängnis". Im Trakt von Milosevic gibt es immerhin warmes Wasser und sogar Duschkabinen, aber nicht etwa ein Radio oder gar ein TV-Gerät. Die Zelle in der neuen Residenz ist nur bescheidene sechs Quadratmeter groß.

Immerhin ist Milosevic im "Hyatt-Flügel" von den Schwerverbrechern in der Anstalt abgeschottet. Auch darf der prominente Häftling damit rechnen, dass ihm der Alltag mit kleinen Privilegien erleichtert wird. Er bekommt Zeitungen, Bücher und frische Kleider und darf Besucher aus dem engeren Kreis der Familie empfangen.

Seine Frau Mira Markovic war schon da. Sie wohnt mit der Tochter Marija und der Schwiegertochter nebst Enkel Marko auch nach der Festnahme des Familienoberhaupts vorerst weiter an der Uzickastraße 11. Die Tage an der Nobeladresse sind aber gezählt, denn offiziell ist die Residenz, bestehend aus mehreren Gebäuden, Staatseigentum. Nach den dramatischen Ereignissen dürfte sich die ehemalige "First Family" den Anspruch auf Wohnrecht endgültig verscherzt haben: Die serbische Polizei hat am Montag eine vollständige Liste des Waffenarsenals präsentiert, das auf dem Gelände um die Milosevic-Villa ausgehoben wurde. Dazu gehören zwei Radpanzer, drei Maschinengewehre, eine Panzerfaust, kleine Granatwerfer, zwei Kisten mit Handgranaten, zehn Kisten mit Munition und über 20 verschiedene Pistolen. Allein Tochter Marija soll drei Pistolen bei sich gehabt haben, alle nicht registriert. Die Tochter des ehemaligen Präsidenten ist für den Ausspruch bekannt, sie verlasse das Haus nie ohne "Mobiltelefon, Schlüsselbund und Pistole".

Die Residenz an der Uzickastraße 11 war in jeder Hinsicht kein gewöhnliches Wohnhaus. Die Anlage liegt gleich hinter dem Museum und dem Mausoleum für Jugoslawiens lange verstorbenen Diktator Tito. Während der kommunistischen und dann während der nationalistischen Milosevic-Ära war die Belgrader Nomenklatura im Vorort Dedinje unter sich. Auch zahlreiche Diplomaten haben im gut bewachten Villenviertel Residenzen. Fern von den lärmigen und mit Abgas gefüllten Straßenschluchten der Zwei-Millionen-Stadt genießt man hier frische Luft. Als Objekt, das dem Staat gehört, war die geheimnisumwitterte Milosevic-Residenz bis zuletzt rund um die Uhr nicht nur von Polizei, sondern auch von einer Sondereinheit der Armee bewacht. Die Residenz gleiche einer Festung mit einem Schutzraum, der sogar einem Atomkrieg standhalten könnte, wollen Insider wissen.

Auf dem Gelände sollen nicht nur Waffen, sondern auch Lebensmittel und Trinkwasser eingelagert sein. Dank Stromaggregaten war man für jeden Fall gewappnet. In der Milosevic-Residenz wurden offenbar bis zum bitteren Ende große Pläne gehegt. Die Polizei will bei dem Mann, der zum Schluss den privaten Wachtdienst für Milosevic anführte, den Plan für einen Umsturz gefunden haben. Slobodan Milosevic habe mit seiner verzweifelten Truppe das Comeback noch in diesem Monat bewerkstelligen wollen, so die Polizei nach Studium der Unterlagen.

Die Milosevic-Familie, von der Umwelt abgeschnitten, lebte am Ende in einer irrealen Welt. Während der sechsstündigen Gespräche mit Cedomir Jovanovic, dem Unterhändler der Regierung, soll sich Milosevic mehrmals eine Pistole an den Kopf gehalten und gedroht haben, sich zu erschießen. Nach seiner Festnahme war es an Tochter Marija, zur Pistole zu greifen. Sie zielte dabei nicht in die Luft, sondern auf den erfolgreichen Vermittler Jovanovic. Er möge sich besser umbringen, anstatt ins Gefängnis zu gehen, soll Marija Milosevic dem Vater beim Abschied noch nachgerufen haben.

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