Zeitung Heute : Die verkauften Kaiser

Er kam vom Kindergarten nicht heim, die Eltern suchten nach ihm – vergeblich. Er wurde entführt, wie so viele Kinder in China

Harald Maass[Shuinan]

Li Hupeng verschwand auf dem Weg vom Kindergarten nach Hause. Das war im Mai 2002. „Ich habe mich gewundert, dass er nicht nach Hause kam“, erzählt die Mutter Ding Mingjuan. Die Bäuerin ging den mit Pappeln gesäumten Feldweg zum Kindergarten. Fragte bei den Nachbarn nach. Als sie in der Nacht immer noch keine Spur von ihrem damals vierjährigen Sohn hatten, brach Ding zusammen. „Wir wussten, dass ihn jemand entführt hat“, sagt Großvater Li Yongshun. Zwei Jahre lang sollte die Familie kein Lebenszeichen von Hupeng erhalten.

Ihre Gesichter lächeln von den kopierten Zetteln, die an Hauswänden in den Dörfern hängen. In den Lokalzeitungen sieht man ihre Fotos. Jedes Jahr werden in China Tausende Kinder entführt. Die meisten sind Jungen, die an kinderlose Familien in Nachbarprovinzen weiterverkauft werden. Die Mädchen landen als Haushaltshilfen bei reichen Stadtfamilien oder werden in Zwangsehen verkauft. Laut einer jüngst veröffentlichten Polizeistatistik wurden allein zwischen 2001 und 2003 mehr als 42000 Kinder aus den Händen der Entführer befreit. Die meisten Fälle werden jedoch nie aufgeklärt.

„Wir suchten tagelang nach Hupeng“, berichtet Großvater Li. Mit dem Motorrad fährt er in die Nachbardörfer, noch in der Nacht des Verschwindens strahlt der Lokalsender eine Suchmeldung aus. Die Männer der Familie kommen zu einer Krisensitzung zusammen, durchstreifen mit Hunden die Wälder. Nach ein paar Tagen finden sie eine Zeugin. „Ein Mädchen hatte beobachtet, wie zwei Männer auf einem Motorrad mit Hupeng wegfuhren“, sagt Li. Die Familie geht zur Polizei. Dort erfahren sie, dass zwei Wochen zuvor bereits ein anderer Junge aus der Gegend verschwunden ist.

Die Polizisten glauben jedoch nicht an eine Entführung. „Ihr müsst uns Beweise bringen“, erklären die Beamten der Familie. In der Provinz Shanxi gibt es viele Bauernkinder, und die Kader in der Kreisstadt haben offenbar keine Lust, sich um die Fälle zu kümmern. Erst als Ende Mai zwei weitere Kinder in dem Landkreis verschwinden, beginnt die Polizei widerwillig, die Entführungsfälle zu untersuchen. Die Menschenhändler haben sich jedoch schon weitere Opfer ausgesucht. Im Juni und Juli verschwinden zwei weitere Kinder, fünf und zwei Jahre alt. Noch immer gibt es keine Spur. „Die Polizei unternahm einfach nichts“, sagt Li.

Die Bauern in Shuinan, einem 400-Einwohner-Dorf in Shanxi, führen ein entbehrungsreiches Leben. Die kleinen Lössfelder, die sie wie zur Kaiserzeit nur mit einfachem Gerät und Muskelkraft bestellen, werfen kaum genug zum Überleben ab. Familie Li lebt in einem einfachen Ziegelhaus. Lehmboden. Im Hauptzimmer ein alter Fernseher. Die Menschen hier sind Schicksalsschläge gewohnt. Der Verlust des einzigen Sohnes ist jedoch eine Katastrophe.

Im alten China war es üblich, dass Familien in großer Not ihre Söhne und Töchter als Leibeigene an den Gutsherren verkauften. Das ist lange vorbei. Aber mit dem Einzug des Kapitalismus in China werden Kinder jetzt wieder zur Ware. Einer der Gründe dafür ist die Ein-Kind-Politik Chinas. Ein zweiter die traditionelle Bevorzugung von Jungen in der chinesischen Gesellschaft. „Xiao Huangdi“ werden sie genannt, „kleine Kaiser“. Die Überzeugung, dass jede Familie einen Sohn als Träger des Stammbaums und zur Absicherung der Eltern im Alter haben muss, ist vor allem auf dem Land tief verwurzelt. Die UN schätzen, dass in China derzeit 22 Prozent mehr Jungen als Mädchen geboren werden.

Weil die Provinzen die Ein-Kind-Politik unterschiedlich streng auslegen, hat sich in den vergangenen beiden Jahrzehnten ein reger Kinderhandel entwickelt. Professionelle Menschenhändler reisen in die Armutsgebiete, um Wanderarbeitern und Bauern ihre Babys abzukaufen oder die Kinder zu stehlen.

Drei Monate nach der Entführung von Hupeng fehlt noch immer jede Spur. Die Polizei in der Kreisstadt Yuncheng setzt eine Sonderkommission ein, doch die besteht nur auf dem Papier. Frustriert von der Untätigkeit der Behörden schließen sich die Eltern zusammen, Li Yongshun wird ihr Sprecher. Er geht zur Stadtregierung, spricht beim Frauenverband der Kommunistischen Partei vor. Ohne Erfolg. Niemand will sich mit dem Fall befassen. Schließlich legen die Familien Geld zusammen und schicken Li und einen weiteren Entsandten nach Peking. Eine Nacht dauert die Zugfahrt in die Hauptstadt.

„Tagelang standen wir vor den Behörden in Peking Schlange“, erzählt Li. Die Volksrepublik China ist bis heute ein zentralistischer Staat, in dem alle Entscheidungen in der Hauptstadt zusammenlaufen. Tausende Chinesen reisen deshalb jedes Jahr aus ihren Provinzen nach Peking, um ihr Schicksal den Behörden vorzutragen. In Peking gibt es eigene Petitionshotels, billige Schlafsäle, in denen die Antragsteller ausharren. „Peking war so teuer, dass wir uns kaum trauten, etwas zu essen zu kaufen“, sagt Li. Nach einer Woche gelingt es den Bauern, ihren Fall einer Behörde vorzutragen. Die Beamten rufen in Yuncheng an. „Erst jetzt fing die Polizei an, überhaupt nach unseren Kindern zu suchen“, sagt Li.

Doch die Entführungen hören nicht auf. Bis zum Winter verschwinden drei weitere Kinder im Landkreis. Die Monate vergehen. Die Eltern von Hupeng bekommen unterdessen ein weiteres Kind, ein Mädchen, das sie Xiang Ge nennen – Denken an den Bruder. Großvater Li spricht weiter bei den Behörden vor.

Am Ende ist es ein Zufall, der zu Hupengs Befreiung führt. Im Herbst 2003 fällt einem Beamten im Pekinger Sicherheitsministerium, Direktor Zhu, der Suchantrag der Bauern aus Shanxi in die Hände. Direktor Zhu reist nach Yuncheng, spricht mit den Eltern der vermissten Kindern. Die Polizei schickt Bilder der vermissten Kinder und ein Täterprofil an die Behörden in den Nachbarprovinzen. Im Februar 2004 nehmen Polizisten in Henan zwei Männer fest, die auf einem gestohlenen Motorrad eine Brücke über den Gelben Fluss überqueren wollen. Beim Verhör gestehen die Männer, zehn Kinder in Shanxi entführt und an Familien in Henan verkauft zu haben. Eines davon ist Hupeng. Anfang März bringen Polizisten die Kinder zurück nach Shanxi. Nach zwei Jahren ohne Lebenszeichen ist Hupeng wieder bei seiner Familie.

„Diese Verbrecher sollten die Todesstrafe bekommen“, fordert Großvater Li. Hupeng steht schüchtern in der Ecke des Zimmers und blickt zum Boden. Er ist ein kräftiger Junge mit roten Backen und kurzen Haarstoppeln. Seit seiner Rückkehr habe der Junge oft Albträume, sagt die Mutter. Die Menschenhändler, insgesamt neun Verdächtige, sitzen im Gefängnis. Die Familien in Henan, die den Menschenhändlern die Kinder abgekauft hatten, kamen mit geringen Geldstrafen davon.

Nicht überall gehen Entführungen am Ende gut aus. Wir besuchen die Familie Yao im Nachbardorf Shifeng, deren Sohn Yao Liang ebenfalls im September 2002 verschleppt worden war. Die Kleidung der Bauern ist abgewetzt, die Gesichter wirken müde. „Wir waren überglücklich, als Yao Liang wieder zurückkam“, sagt Mutter Fan, die über einem kleinen Kohlefeuer das Abendessen kocht. Als wir jedoch fragen, ob wir mit Yao Liang sprechen können, antwortet das Bauernpaar ausweichend. Nur der ältere Bruder, Yao Qiang, ist im Haus. „Wir sind arm. Für uns ist es schwer, zwei Kinder aufzuziehen“, sagt Vater Yao. Die Leute in Henan hätten das Kind gut behandelt. Plötzlich wird klar, dass Yao Liang wieder in Henan ist.

Einen Tag und eine Nacht dauert die Fahrt von Shanxi zu dem Dorf Laoguanzui in Henan. Eine wohlhabende Gegend. Auf den Getreidefeldern sind Dreschmaschinen im Einsatz. Die mehrstöckigen Häuser der Bauern sind aus Beton. Als wir nach Familie Chen fragen, schauen uns die Dorfbewohner misstrauisch an. Bauer Chen Junli hatte 2002 den Menschenhändlern Yao Liang abgekauft. Wir rufen ihn auf der Handynummer an, die uns die Eltern mitgegeben haben. „Die Sache geht euch nichts an“, sagt Chen, doch dann erklärt er sich bereit, uns an der Dorfbrücke zu treffen. Die Minuten verstreichen. Dann fährt ein Mann auf einem Motorrad auf der anderen Flussseite an die Brücke. Hinten auf der Maschine sitzt Yao Liang.

„Wir wollen keinen Ärger haben“, sagt Chen Junli, während er uns zu seinem Haus begleitet. „Ich habe nur Töchter“, sagt Chen und deutet auf drei Mädchen, die uns durch ein Fenster im Innenhof beobachten. Seit zwei Jahren lebe Yao Liang mit der Familie. „Für mich ist er wie mein eigener Sohn“, sagt der Mann. Er gehe wie alle Kinder des Dorfes zur Schule. Weitere Fragen will er nicht beantworten. „Wir haben uns mit der Familie in Shanxi geeinigt. Das geht niemanden etwas an.“

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