Zeitung Heute : Die verstopften Ohren des Laurent Blanc

MARTIN HÄGELE

LENS .Michel Platinis Figur erinnert immer noch an den Athleten, kein Ansatz von Gourmetbäuchlein.Doch als Schiedsrichter Buhjsaim Ali Mohamed nur Sekunden nach dem "Golden Goal" Laurent Blancs zum Sieg für Frankreich abgepfiffen hatte, zog der Organisationschef der Fußball-WM so vehement seine Hose hoch, daß man glauben mußte, der feine Stoff sei ihm zuvor beim Sitzen über den Hintern gerutscht.Dabei hatte sie eigentlich picobello auf der Hüfte gesessen.

Wieviele ehrenwerte Messieurs, Bürger, Gauner oder ganz einfach Fußball-Fans der Grande Nation im gleichen Augenblick vor Erleichterung nach unten gelangt haben zum Gürtel, Bund oder Hosenträger oder ganz anders als sonst nach einem Sieg zu schreien und herumzutollen begannen, ist nicht exakt bekannt.Auf jeden Fall waren es mehr als jemals zuvor, die ihre Freude abreagieren mußten.

Denn daß ein Weltmeisterschafts-Gastgeber und haushoher Favorit von einem Außenseiter aus einem WM-Turnier geboxt wurde, das ist zuletzt passiert, als man mit dem Schiff zu einer Weltmeisterschaft reiste und die Bilder davon einen Monat später im Kino liefen: Brasilien - Uruguay 1:2 in Rio de Janeiro, von dieser nationalen Katastrophe im Sommer 1950 sollen sich die Carriocas erst Jahre später erholt haben.Und es hat, wie wir aus Vaters Erzählungen über den Anfang des Fußball-Wahns wissen, seinerzeit in Brasilien mehrere Selbstmorde gegeben.

Der 32jährige Laurent Blanc hatte einen ähnlich schrecklichen Film im Kopf.Auch die Ahnung, daß womöglich eine halbe Stunde später Frankreichs schönste Fußballparty mit einem Schlag vorbei sei und er sich sein Leben lang verspotten lassen müßte mit dem Wort "Paraguay".Und Laurent Blanc, der wegen seiner Routine vorgesehen war als fünfter und wichtigster Schütze beim anschließenden Elfmeter-Schießen, konnte sich auch vorstellen, daß er bei diesen Showdown gar nicht mehr eingreifen könnte.Denn die Kicker vom Gran Chaco fieberten dieser Form der Entscheidung entgegen.Vor allem der verrückte Riese mit den leuchtend gelben Neopren-Streifen auf seiner schwarzen Torwart-Kluft.Jose Luis Chilavert hätte sein Versprechen wahrgemacht, als erster Torwart bei einer WM ein Tor zu schießen.Und wahrscheinlich hätte er gleich mehrere Elfer pariert.Die Angst vor diesem selbstbewußten Chilavert hatte sich von Minute zu Minute mehr breitgemacht unter den "Blauen".

"Sie haben versucht, mich zurückzurufen", hat Blanc später erzählt, "aber irgendwo müssen meine Ohren verstopft gewesen sein." Und plötzlich stand der Libero, mit dem kein Mensch gerechnet hatte, sechs Meter frei vorm Tor.Als Trezeguets Kopfball auf ihn zusegelte, hat er nicht einmal versucht, die Kugel zu stoppen und souverän einzuschieben.Er hat ganz einfach draufgehauen, mit aller Wucht und auch gegen die eigene Furcht.Es war Glück, daß der Ball unter Chilaverts Ellbogen durchsauste.Allerdings wird nun in den Büchern stehen, daß Blanc am Tag, an dem er mit 73 Länderspieleinsätzen den Rekord des großen Platini einstellte, die Republik allein dank seiner Courage gerettet hat.

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