Zeitung Heute : Die Versuchsunordnung

23.05.2011 16:59 UhrVon Martin Gehlen
Plakativ. Auf dem Kairoer Tahrir-Platz sind alle eingeladen, ihre Wünsche auf Stoffbahnen zu pinseln. Dass die auch wahr werden, kann in Ägypten allerdings gerade niemand garantieren. Foto: Katharina Eglau Foto: Katharina Eglau, Winterfeldtstr.
Plakativ. Auf dem Kairoer Tahrir-Platz sind alle eingeladen, ihre Wünsche auf Stoffbahnen zu pinseln. Dass die auch wahr werden, kann in Ägypten allerdings gerade niemand... - Foto: Katharina Eglau, Winterfeldtstr.

Jeder Schritt ist unerprobt, der Weg ungewiss und Erfolg weder selbstverständlich noch garantiert. Seit dem Sturz von Hosni Mubarak vor 100 Tagen versucht sich das ägyptische Volk am Wechsel zur Demokratie – und hofft, dass die neue Freiheit nicht zur Falle wird

Die Stühle haben noch schützende Plastikverkleidung an den Beinen, die Klimaanlagen sind mit Folien abgeklebt. Strahlend weiß sind die Wände der Räume, es riecht nach frischer Farbe, die Maler sind gerade weg. Keine vier Wochen alt ist das Hauptquartier der neuen Eladl-Partei, gelegen in einer Büroetage mit Blick auf den Nil im noblen Kairoer Stadtteil „Garden City“.

„In 10 von 27 Regierungsbezirken haben wir bereits Regionalbüros", erzählt Ahmed Shoukri, 34 Jahre alt und Mitbegründer der Partei. „Wir sind ein gutes Team und wollen mitmischen“, sagt er, der von Berufs wegen Urologe ist. Shoukri stammt aus einer politischen Notablenfamilie, sein Großvater Ibrahim Shoukri war Gründer der Sozialistischen Arbeiterpartei und einer der wichtigsten Gegenspieler von Hosni Mubarak, bis dieser im Jahr 2000 die Partei endgültig verbot.

Seit der Revolution arbeitet Enkel Ahmed praktisch rund um die Uhr, um in die Fußstapfen seiner Vorfahren zu treten. Manchmal, erzählt er, komme er so spät heim, dass er im Wohnzimmer auf der Couch schlafe, um seine Frau und die beiden kleinen Kinder nicht zu wecken. Zusammen mit einer Handvoll junger Architekten, Computerexperten und Kaufleuten hat er die Eladl-Partei in den letzten Wochen aus dem Boden gestampft, ihr arabischer Name heißt übersetzt „Gerechtigkeit“.

15 Seiten lang ist das Programm der Partei, das Logo darauf zeigt eine rote, stilisierte Waage über der kantigen Kalligraphie des Parteinamens. Die programmatischen Konturen dagegen sind weitaus verschwommener.

Man trete ein für eine freie Wirtschaft und möglichst geringe Eingriffe des Staates, erläutert Ahmed Shoukri. „Gerechtigkeit ist Hoffnung“, steht als Motto auf den Werbeaufklebern. Gesellschaftspolitisch jedoch versteht sich die Partei als konservative Kraft, die für Werte wie Ehe, Familie und Religion eintritt. Ziel sei es, bei den ersten freien Parlamentswahlen im September „rechts von der Mitte“ 50 bis 75 Sitze zu erobern, das entspricht 10 bis 15 Prozent der Stimmen.

Shoukri und seine Mitstreiter entstammen der „Bewegung für Veränderung“, die der frühere Direktor der Internationalen Atomenergieaufsichtsbehörde und Friedensnobelpreisträger Mohamed el Baradei ins Leben rief und der am Ende auch die Muslimbruderschaft angehörte. Nach Mubaraks Sturz haben sich die Mitglieder des Bündnisses in alle Winde zerstreut. Stattdessen sind inzwischen mehr als 60 Parteien im Entstehen, die im September um die 40 Millionen Wahlberechtigten am Nil konkurrieren werden. „80 Prozent der Ägypter gehören zur schweigenden Mehrheit, sie haben sich bisher nicht entschieden“, sagt Ahmed Shoukri.

An einem runden Tisch in der Empfangshalle des Parteihauptquartiers sitzen fünf Besucher. Sie alle kamen, um Antworten zu finden. „Was wollen Sie gegen die Armut tun?“ „Wie sehen Sie das Verhältnis zu Israel?“ „Wie will ihre Partei die Wirtschaft ankurbeln?“ „Was kostet der Mitgliedsbeitrag?“ Die Fragen prasseln nur so auf Mohamed Bakri ein. Die Gesichter am Tisch sind ernst und aufmerksam, als ihnen Bakri, der gelernte Bankkaufmann, antwortet. Bei der Eladl-Partei hilft er als Freiwilliger, und er weiß zu berichten, dass jeden Tag neugierige Bürgerinnen und Bürger vorbeikommen. Die ägyptische Öffentlichkeit ist so politisiert und aufgewühlt wie seit Menschengedenken nicht mehr.

Für Ägyptens Wechsel von der Diktatur zur Demokratie gibt es kein Drehbuch, schon gar kein arabisches. Jeder Schritt ist unerprobt, der Weg abschüssig und ungewiss, der Erfolg ist weder selbstverständlich noch garantiert. Dass das Land in Bürgerkrieg oder Militärdiktatur endet, scheint momentan ebenso möglich wie eine demokratische Zukunft. Und auf dem berühmten Tahrir-Platz wird freitags wieder so flehentlich gebetet wie zuletzt am Freitag des Rücktritts von Hosni Mubarak, vor wenig mehr als 100 Tagen, an jenem historischen 11. Februar 2011.

Dem Klischee eines verbohrten Frömmlers entspricht Abdullah al Fakharany keineswegs. Man kann sich den 21-Jährigen schwer vorstellen, wie er Koransuren murmelnd um die Häuser zieht. Vom ersten Tag der Revolution an, dem 25. Januar, war der junge Muslimbruder dabei. Sein Smartphone liegt auch spätabends griffbereit vor ihm auf dem Tisch. Zu der Muslimbruderschaft ist er gekommen, weil er „ein Boot suchte, wo alle an Bord in die gleiche Richtung rudern“. Die Mitglieder seien ganz normale Leute und gute Muslime, das habe ihn angezogen.

Jeden Abend hocken al Fakharany und seine Freunde auf den einfachen Plastikstühlen im Open-Air-Café vor der Kairoer Börse. So wie hier zuletzt die Kurse fielen, sinkt auch die Stimmung der jungen Revolutionäre, wenn sie über die Zukunft ihrer Heimat Ägypten diskutieren. „Das größte Problem sind wachsendes Chaos und Anarchie, der mangelnde Respekt vor Recht und Gesetz“, sagt der junge Mann – und so wie er denken inzwischen viele seiner Landsleute.

In ärmeren Stadtteilen wie Imbaba oder Bulaq kann man ungeniert an der einen Ecke Schusswaffen und an der nächsten Drogen oder Kampfmesser kaufen. Mit gezückten Pistolen versuchten Verwandte und Komplizen kürzlich im Strafgericht von Kairo, Angeklagte aus einem Prozess zu befreien. Zweistündige Feuergefechte zwangen Kunden in Deckung, als in der Abul-Aziz-Einkaufsstraße Händler von Haushaltsgeräten mit einer Bande von Schutzgelderpressern aneinander gerieten. Zudem lungern mindestens 200 000 seit dem Sturz Mubaraks arbeitslose Regimeschläger in den Straßen herum und stiften Unruhe, wo sie nur können.

Premierminister Essam Sharaf hetzt von Brandort zu Brandort wie ein politischer Feuerwehrmann. Lohnstreiks kommen immer häufiger vor, 50 Prozent der Produktion Ägyptens liegen inzwischen lahm. Im Staatshaushalt klaffen Rekordlöcher, ohne Milliardenkredite vom Golf und vom Internationalen Währungsfonds ist Kairo demnächst zahlungsunfähig. Investoren haben ihre Projekte gestoppt, die Touristen bleiben weg. Allein in der Tourismusbranche schätzt der ägyptische Finanzminister Samir Radwan die Einnahmeausfälle auf 2,2 Milliarden Euro seit dem 25. Januar, dem Auftakt der Proteste.

Aladin Dawfiq hat die Revolution zu einem Krüppel gemacht. Sechs Schrotkugeln stecken ihm im Kopf, zwei haben sein linkes Auge durchbohrt, am Steuer sitzen kann er nun nicht mehr. Mit seinem Jeep hat Dawfiq schon Tony Blair und dessen zwei älteste Söhne zehn Tage lang durch den Sinai gefahren. Der Fahrer war einer der besten seiner Zunft, nun beugt er sich tastend über braunes Kartonpapier, das auf dem Boden liegt. „Ich war dort für euch“, kritzelt er und „Ägypten ist unser aller Land“. Für euch – damit meint er seine drei Söhne, 7, 9 und 12 Jahre alt.

Drei gebundene DIN-A3-Kladden liegen in dem Foyer des Internationalen Kongresszentrums aus, jeder darf darauf seine Erinnerungen, Gefühle und Gedanken zum ägyptischen Umbruch schreiben. Es ist ein Geschichtsprojekt der berühmten Bibliothek in Alexandria. „Wir wollen das Vermächtnis der Augenzeugen für die kommenden Generationen bewahren“, sagt Sobaa Smilam, dessen Idee das Projekt war. Auf seinem hellblauen T-Shirt steht: „Für Erfolg im Leben.“ Im normalen Leben ist er Manager einer Import-Export-Firma in der Hafenstadt.

Drinnen im Kongresszentrum ist das Auditorium bis auf den letzten Platz gefüllt – das erste politische Großtreffen der neuen Kräfte Ägyptens. Praktisch alle politischen Gruppen sind gekommen zu „Ägyptens erster Konferenz: Das Volk schützt die Revolution“. Einzig die Führung der Muslimbrüder hielt sich demonstrativ fern. Den ganzen Tag wird hingebungsvoll diskutiert. Die 2500 Delegierten genießen ihre neuen Freiheiten, auch wenn es vorne am Mikrofon kreuz und quer durcheinandergeht. Die einen plädieren dafür, den Sinai mehr zu entwickeln, andere erklären, die Einführung einer Arbeitslosenversicherung führe nur zu Faulheit, wieder andere fordern eine Verzehnfachung des Mindestlohnes. Von der Tribüne aus mischt sich auch der halbblinde Aladin Dawfiq ein und fordert lautstark, die Opfer der Revolution dürften nicht länger vom Staat im Stich gelassen werden.

„Wir müssen die Leute dazu bringen, endlich wieder an die Arbeit zurückzukehren, sonst geht Ägypten den Nil herunter“, sagt Karim al Assal, von Beruf Architekt und auch ein Mitorganisator der Eladl-Partei. Nach dem Freitagsgebet haben Mitglieder der Partei auf dem Tahrir-Platz einen Stand aufgebaut. Auf dem Tisch liegen Parteiprogramme, Aufkleber und Beitrittsanträge – bis Ende des Jahres ist die Mitgliedschaft kostenfrei. Alle Parteien müssen sich bislang durch Spenden reicher Mitglieder finanzieren.

Auf dem Asphalt haben die Aktivisten eine weiße Stoffbahn ausgelegt, wo jeder aufmalen kann, was ihm in den Sinn kommt. „Die stärkste Waffe der Konterrevolution sind religiöse Unruhen“, steht darauf als Motto in großen roten Buchstaben. „Ich heiße Mohamed, großgezogen hat mich meine christliche Tante Susu, möge Gott ihre Seele segnen“, schreibt ein junger Mann und verschwindet wortlos in der Menge. „Wir sind 80 Millionen, da kann man nicht erwarten, dass alles binnen drei Monaten gut wird“, meint Ahmed Shoukri. „Eine solche Revolution gibt es nur alle hundert Jahre – so eine Chance bekommen wir im Leben nicht noch einmal.“

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