Zeitung Heute : Die Verwandlung

So sehen Sieger aus: Eine Woche nach dem großen Knall ist aus dem distinguierten Frank-Walter Steinmeier auf einmal ein polternder Volkstribun geworden. Kollege Beck hingegen feiert seine Rückkehr nach Mainz: „Es ist schön, bei euch zu sein“

Stephan Haselberger[Regensburg/Mainz]

Irgendwann in der vergangenen Woche beschließt die Sozialdemokratin Angelika Buske aus Friesenhagen in der Nordpfalz, ein Zeichen zu setzen. Sie kramt ein altes Bettlaken hervor, nimmt zwei Besenstiele dazu und bastelt auf dem Wohnzimmerboden ein Transparent. Auf das Laken schreibt sie: „Hallo Kurt, schön dass Du da bist!“ Kurt Beck kann jetzt viele solcher Transparente und Plakate sehen. Auf ihnen steht: „Danke, Kurt!“, „Wir wissen, was wir an Dir haben“ oder: „Bei uns bist Du die Nummer 1“.

Es ist 10 Uhr 30 am Samstagmorgen, und der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz schiebt sich inmitten eines Kamerapulks durch die Mainzer Phönix-Halle in Richtung Podium. Früher wurden hier Panzer der US-Armee instand gesetzt. Heute geht es um Becks Seelenheil.

In der früheren Werkshalle im Stadtteil Mombach ist die Landes-SPD zu ihrem Parteitag zusammengekommen. Der Termin stand lange fest, weshalb es sich um ein ordentliches Delegiertentreffen handelt. Was das aber für ein Treffen werden würde, das konnte keiner ahnen. Hätte irgendjemand den 400 Delegierten vor zwei Wochen erzählt, dass Beck an diesem Tag nicht mehr als SPD-Bundesvorsitzender vor sie treten würde – die Genossin Buske aus Friesenhagen und ihre rheinland-pfälzischen Parteifreunde hätten ihm entrüstet den Vogel gezeigt.

Dann aber wurde dem „Kurt in Berlin übel mitgespielt“, wie Frau Buske sagt. Und deshalb muss die Landespartei jetzt ein „Solidaritätsfest für Kurt Beck“ feiern. So formuliert es SPD-Generalsekretärin Heike Raab, die das Festkomitee leitet. Als Höhepunkt haben Generalsekretärin Raab und die Parteitagsregie Becks umjubelte Wiederwahl als Landesvorsitzender vorgesehen.

Solidarität mit Kurt Beck – in der Mainzer Parteitagshalle zeigt sie sich am Samstag vor allem in minutenlangem Beifall. Er begleitet Beck schon bei seinem Weg auf die Bühne, und er verstummt auch nicht, als der Ministerpräsident und Landesvorsitzende am Rednerpult zu seinen ersten Sätzen ansetzt: „Liebe Genossinnen und Genossen, es ist schön, bei euch zu sein“. Beck muss die Begrüßung mehrmals wiederholen, so laut ist der Applaus. Dann dankt er „für die Solidarität in den letzten Tagen“. Die Landespartei habe „Freundschaftlichkeit und Freundschaft in der Politik bewiesen“, lobt er. Dass andere diese Freundschaftlichkeit nicht an den Tag gelegt haben – vor allem am vergangenen Wochenende nicht, als Beck sich zum Rücktritt genötigt sah –, das muss er vor denen da unten im Saal nicht mehr sagen. Sie verstehen ihn auch so.

Auf die genauen Umstände des Umsturzes an der SPD-Spitze am vergangenen Sonntag am Schwielowsee bei Potsdam geht Beck nicht mehr ein. Aber auf ein paar Sätze zu jenem unseligen „politischen Stil“, als dessen Opfer er sich letztlich sieht, will der Mann aus Steinfeld in der Südpfalz nicht verzichten. „Ich will mir nicht einreden lassen, dass es ein Vorzug in der Politik sei, dass man den Umgang des Wolfsrudels miteinander pflegt. Das sind Umgangsformen von vorgestern, wir sollten sie überwinden“, ruft er den Delegierten zu.

Am Dienstag dieser Woche war Beck noch deutlicher geworden. Da hatte er seinen Rücktritt bei einer Pressekonferenz in Mainz mit gezielten Fehlinformationen aus der SPD begründet. Er verwies darauf, dass aus SPD-Kreisen gestreut worden war, er habe von Außenminister Frank-Walter Steinmeier zum Verzicht auf die SPD-Kanzlerkandidatur gedrängt werden müssen. In diesem Zusammenhang sprach Beck von einem „Judas“. Manche in der SPD werfen ihm deshalb vor, er befördere Dolchstoßlegenden.

Auf dem Parteitagspodium in der Phönix-Halle achtet Beck genau darauf, keinen weiteren Anlass für solche Kritik zu liefern. Er weiß, dass etliche Delegierte später ohnehin noch einmal scharfe Kritik an der Bundespartei üben werden – Delegierte wie die rheinland-pfälzische Bundestagsabgeordnete Doris Barnett, die sich angesichts des „unverschämten Vorgangs“ noch immer „fassungslos“ zeigt.

Ihm soll keiner schlechten „politischen Stil“ vorwerfen können. Und so richtet er „gute Wünsche an diejenigen, die Aufgaben in der Partei an der Spitze übernehmen werden“, ohne den Namen seines Rivalen, des alten und neuen SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering, zu nennen. Dafür nennt er den des Kanzlerkandidaten. Sein „besonderer Gruß“ gelte Frank-Walter Steinmeier, ruft Beck. Die ganze Partei könne sich darauf verlassen, dass die SPD in Rheinland-Pfalz ihren „Beitrag zum Bundestagswahlkampf leiten wird“.

Dass die Solidaritätsadresse an den Kanzlerkandidaten von Herzen kommt, darf bezweifelt werden. Es war schließlich Steinmeier, der am Schwielowsee Müntefering als Becks Nachfolger im Amt des SPD-Vorsitzenden durchsetzte – gegen dessen erklärten Willen. Umgekehrt sind Zweifel daran erlaubt, ob Steinmeier noch auf Becks uneingeschränkte Unterstützung baut.

Einen Tag vor den Mainzer Beck-Festivitäten am Samstag steht Frank-Walter Steinmeier in einem Bierzelt auf der Dult, dem traditionellen Volksfest in Regensburg. Es ist sein erster Großauftritt seit der Nominierung zum Kanzlerkandidaten. An den Biertischen sitzen 2000 Besucher, nur die Hälfte sind Genossen. Sie kennen den Mann mit dem Silberhaar bisher nur als nüchternen Chefdiplomaten der Bundesrepublik Deutschland, der abends in den Fernsehnachrichten im Dreiteiler immer so schön sachlich die Weltläufe erklärt. Jetzt steht dieser seriöse Herr Steinmeier oben auf der Bierzeltbühne, er hat die Ärmel hochgekrempelt und schwitzt seine Hemdbrust durch, er wird laut. Würde sein Publikum jetzt die Augen schließen, es könnte auf den Gedanken kommen, Gerhard Schröder spreche zu ihnen: Steinmeier klingt wie sein Mentor, wenn er vor einem Mikrofon die Stimme hebt.

Überhaupt erleben die Regensburger Bierzeltgäste einen kräftig schrödernden Kanzlerkandidaten. Als Frontmann im bayerischen Landtagswahlkampf ist sich dieser Steinmeier nicht zu fein auch für Attacken der derberen Sorte. Ein ganze Viertelstunde verwendet er auf Attacken gegen die CSU. Deren Chef Erwin Huber habe inzwischen mehr Wahlkampfstrategien als „Hemden im Schrank“. Und was CSU-Generalsekretärin Christine Haderthauer so von sich gebe, sei „ein Anschlag auf das Ansehen des bayerischen Abiturs“.

Auf das Bierzelt geht inzwischen ein heftiger Platzregen nieder, es donnert und blitzt, aber Steinmeier macht weiter. In seinem Manuskript stehen noch viele Punkte: das Lob zehnjähriger sozialdemokratischer Regierungspolitik, die Forderung nach besserer Bildung für alle, die Abrechnung mit Lafontaine, Anmerkungen zur Finanzkrise und der wichtigen Rolle von Finanzminister Peer Steinbrück. Zum Schluss spricht Steinmeier von der SPD, ihrer Lage und ihrer neuen Führung. „Die SPD ist nicht das alte Möbelstück, das sich in der politischen Landschaft herumschubsen lässt“, dröhnt er: „Ich bin das leid!“

40 Minuten dauert Steinmeiers Rede, am Ende gibt es starken Applaus. Seine Hemdbrust ist jetzt endgültig nass, das Gesicht leuchtet rot. Steinmeier nimmt einen Schluck aus seinem Bierglas. Er lächelt, man sieht seine Grübchen, er wirkt jetzt sehr zufrieden mit sich und der Welt. Den Namen von Kurt Beck hat er in Regensburg nicht ein einziges Mal erwähnt.

Beim Beck-Solidaritätsfest am Samstag in Mainz wird am Ende auch gelächelt. Streckenweise hörte sich Beck schon wieder an wie der selbstgewisse Landesvater von früher, nichts als das Wohl seines Landes im Blick. Irgendwann nach fast einer Dreiviertelstunde freien Vortrags, der von einem schnell gelöschten Feuer unter dem Dach der Phönix-Halle nur kurz unterbrochen wird, kommt Beck auf den Landschaftsschutz zu sprechen. Er witzelt: „Was man sich von Menschen wünschen würde: dass sie rechtzeitig aus dem Bett kommen, wünscht man sich von Flüssen nicht.“

In Berlin hätten jetzt wieder alle die Augen verdreht. In Mainz gibt es dafür Applaus. In Mainz wird einer wie Kurt Beck auch mit einem Ergebnis von 99,7 Prozent als SPD-Landesvorsitzender wiedergewählt. In Mainz hängen sie an einem solchen Tag mannshohe Plakate auf. Der Slogan, mit dem die SPD normalerweise für neue Mitglieder wirbt, hätte auch als offizielles Parteitagsmotto dienen können: „In unserer Mitte ist Dein Platz.“ Man kann es auch anders ausdrücken: Kurt Becks Ausflug in die Bundespolitik ist nach langer Quälerei am Wochenende halbwegs glücklich zu Ende gegangen. Die Reise von Frank-Walter Steinmeier hat gerade erst begonnen.

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