Zeitung Heute : Die virtuelle A-Klasse wird in Berlin gebaut

KURT SAGATZ

Die Visualisierungsexperten von art + com haben für Mercedes eine Echtzeit-Simulation erstellt VON KURT SAGATZ­Mit der neuen A-Klasse will Mercedes-Benz vor allem das jüngere Publikum begeistern.Das kompakte Fahrzeug verbindet eine Vielzahl von Eigenschaften, die genau auf diese Zielgruppe zugeschnitten sind: Klein und wendig, innovativ und formschön, aber zugleich individuell gestaltbar und nach modernen Sicherheitsstandards konzipiert.Um das jüngere Käuferpublikum anzusprechen, wollen die Stuttgarter auch hinsichtlich der Kommunikation des neuen Fahrzeugtyps neue Wege gehen.Aus diesem Grund setzt das Unternehmen nun verstärkt die computergestützten Medien als Marketing-Instrument ein.Wie das aussieht, demonstriert Mercedes-Benz auf der am Donnerstag in Frankfurt am Main beginnenden Internationalen Automobilausstellung (IAA).Dort präsentieren die Stuttgarter nicht nur die Modellvielfalt der A-Klasse, sondern zugleich auch die erste Echtzeit-Computersimulation eines Automobils, die derzeit noch den etwas unförmigen Namen VRF (Virtual Reality Fahrzeug) trägt.An einem sechs Meter langen Arm, der an einer raumfüllenden Konstruktion montiert wurde, befindet sich ein 21-Zoll-Computerflachbildschirm modernster Bauart, der ohne großen Kraftaufwand in jede vorstellbare Richtung bewegt werden kann. Mit diesem Bildschirm in Händen kann das Fahrzeug von allen Seiten betrachtet, der Innenraum untersucht oder die Sicht eines Mitfahrers auf der Rückbank simuliert werden, erklärt HdK-Professor Joachim Sauter, der für die Berliner Visualisierungsfirma art + com das Konzept entworfen hat.Die fotorealistischen Bilder werden dabei in Echtzeit von einem Onyx-Rechner aus dem Hause Silicon Graphics (Kostenpunkt: eine Million DM) errechnet.Selbst der Blick auf den Unterboden stimmt haargenau mit dem Original überein.Allerdings muß sich niemand auf den Boden legen, um das Auto von unten zu betrachten.Per Trackball kann das Fahrzeug wie auf einer Hebebühne gehoben oder gesenkt werden. Über den Touchscreen-Bildschirm können Türen und Motorhaube leicht geöffnet und Fahrzeugeigenschaften verändert werden.Und auch für die richtige Geräuschkulisse sorgt der SGI-Superrechner.Eine neue Farbe gefällig? Etwa Meteorgrau oder Dschungelgrün? Oder doch lieber Lederpolster als Stoffbezüge? Kein Problem.Ein, zwei kurze Aktionen auf dem Display zeigen, daß die A-Klasse nicht nur aus den drei großen Linien Classic, Elegance und Avantgarde besteht, sondern ingesamt 70 unterschiedliche Ansichten beinhaltet.Und dabei ist das Zubehör wie beispielsweise der Cup-Holder darin noch gar nicht enthalten. Mit dem Bildschirm in der Hand kann so das Wunschauto quasi vorgebaut werden.Auf der Messe erhält der Besucher am Ende seiner "Probefahrt" auf Wunsch einen Ausdruck des von ihm ausgewählten Fahrzeugs.Langfristig gesehen gehe die Vision, so Projektleiter Christoph Stratmann, natürlich dahin, daß die Eigenschaften, die der Kunde sich bei der virtuellen Besichtigung ausgesucht hat, bei einer späteren Bestellung gleich zum Werk gesandt würden, damit am Ende auch tatsächlich das individuell erstellte Fahrzeug ausgeliefert werden kann ­ und zwar zu dem ebenfalls beim Besuch im Mercedes-Showroom per Computer ermittelten Lieferdatum. Die Vorteile der virtuellen Besichtigung liegen auf der Hand.Weder auf der Messe noch bei den großen Niederlassungen und schon gar nicht bei den Händlern ist genügend Platz vorhanden, alle Fahrzeugvarianten auszustellen.Der Vorlauf zur Simulation war indes immens.Mitte 1996 entwarfen Mercedes-Benz und die Berliner Visualisierungsexperten die grobe Linie, die dann vom Team von Sauter und Stratmann ­ drei Modellierer, vier Programmierer und insgesamt sechs Interface-Konstrukteure ­ umgesetzt wurde.Zuvor mußten allerdings viele Hindernisse aus dem Weg geräumt werden.So war zuerst geplant, den langen Monitorarm auf Roboterschienen zu lagern.Dies hätte jedoch zu Sicherheitsproblemen geführt, denn nicht umsonst werden Roboter nur dort eingesetzt, wo sie keinen Menschen gefährden können ­ was auf den Showroom eines Mercedes-Händlers sicherlich nicht zutrifft.Denn wer will schon, daß ein fehlgesteuerter Computerarm potentielle Autokäufer erschreckt. Neben der mechanischen Seite mußten die Leute von art + com auch hinsichtlich der Software zeigen, was sie können, schließlich galt es nicht nur ein bestehendes Fahrzeug begehbar zu machen, sondern eines, das aus drei Grundlinien, zehn unterschiedlichen Lacken und insgesamt 14 Polsterungen bestehen kann, die wiederum ohne lange Wartezeiten auf dem Bildschirm aufgebaut werden sollten.Denn wer einen Mercedes kauft, möchte selbst bei unebener Fahrbahn und sanft dahingleiten ­ und gibt sich auch virtuell nicht mit ruckelnden Computerbildern zufrieden.

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