Zeitung Heute : „Die volkstümliche Sau hat mir sofort gefallen“

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Von Thilo Wydra

Der Baby Schimmerlos! Das es den noch gibt. Da sitzt er, mitten in einem Café im sonnigen München, Sonnenbrille auf. Und echauffiert sich, wettert richtig und wird gleich darauf wieder still und sehr ernst. Franz Xaver Kroetz, der am Montag übrigens 56 wird, ist voller Dynamik. In letzter Zeit war es um den Schauspieler, den Bühnenautor („Wildwechsel“, „Stallerhof“), ja, um den „Cross-Over- Menschen“, wie er sich selbst nennt, etwas still geworden. Im schnelllebigen Fernsehen gerät man rasch in Vergessenheit. Fort und weg.

Der schmierig-fesche Münchner Klatsch- Reporter Baby Schimmerlos in Helmut Dietls gefeiertem Sechsteiler „Kir Royal“ – das ist 16 Jahre her. Für Fernseh-Verhältnisse sind das Dekaden. 1989 trat er dann noch im „Leibwächter“ von Adolf Winkelmann auf. Vor neun Jahren hat er dann zuletzt in eine Kamera gegrantelt: in Franz Xaver Bogners „Madame Bäuerin“. Und nun ist er der Karl Stadler, „ein alter verrauschter Bauer, der den lieben Gott spielen möchte“, so beschreibt er seine Rollenfigur, ein bayerischer Gutsbesitzer und Schafzüchter, tief verwurzelt in den Traditionen der Familie. „Wolf im Schafspelz“ (Sonntag, ARD, 20 Uhr 15) heißt der von Filippos Tsitos inszenierte und von Stefanie Kremser geschriebene „Tatort“, der im Sommer 2001 in München und Umgebung gedreht wurde. Und der, wenn man denn so will, das Fernseh-Comeback des Schauspielers Kroetz ist.

In einem „Tatort“ hat Kroetz im Übrigen schon einmal mitgespielt, damals in Wolf Dietrichs „Spiel mit Karten“ (1980) – Jahrzehnte ist das her. Kroetz wirkt geradezu froh über die lange Bildschrimabstinenz. „Früher, da konnt’ ich ja in München nicht einmal mehr die S-Bahn nehmen, und ich bin ja eigentlich ein uriger Mensch, ich mag nicht erkannt werden. Ein Schriftsteller, der will seine Ruhe haben. Aber jetzt ist des alles vorbei, die fünf Leute, die mich jetzt noch erkennen.“ Ins Schwärmen gerät Kroetz dennoch, wenn er über die alten Zeiten spricht, oder besser: vielleicht gerade deswegen: „Früher, so etwas wie ,Kir Royal’, das war exquisites Fernsehen, des war vom Feinsten, auch wenn es irrsinnig teuer war. Und der Dietl, der ist ja ein Genie. Damals wurde eine Folge geschrieben, dann wurde gedreht, dann wieder geschrieben – reinster Luxus, heut’ wär des unvorstellbar.“

Jetzt also „Tatort“; immerhin mit das aufwändigste, was das Fernsehen heute produziert. Kroetz als Stadler. Der sieht sich und sein Ein und Alles, sein Gut, in massiver Gefahr. Seine Schafzucht läuft nicht mehr so richtig, Sohn Maximilian (Hendrik Duryn) hat sich längst für einen anderen Beruf entschieden. Vater Stadlers beste Kraft ist Schafsmeister Jost Schulze (Achim Buch). Der wird tot aufgefunden, neben der Leiche ein aufgespießter Schafskopf. Vielleicht war’s einer der türkischen Arbeiter, vielleicht gar der Gutsmechaniker Recep oder dessen Sohn Arkan, der von Schulze eine Woche zuvor angezeigt wurde? Zumal in jener Mordnacht das alljährliche Opferfest der Türken begangen wurde. Dabei wird geschlachtet. Als die Kommissare Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) mit ihren Ermittlungen beginnen, stoßen sie auf familiäre Verstrickungen, ja, auf Abgründe.

Kroetz spielt diesen rotwangigen Stadler in sich ruhend und wortkarg, und irgendwie mag man ihn, diesen introvertierten Muffkopp, hat Mitgefühl mit seiner immer aussichtsloseren Situation. Wäre es nach dem Stadler gegangen, es hätte alles bleiben können, wie’s is. Wieviel Kroetz ist in diesem Bauern? Wenig, meint der Schauspieler:„Ich bin Künstler, des muss über Verwandlung laufen.“ Der „Tatort“ wird nicht sein einziger Fernsehauftritt bleiben. Auch bei den ,Rosenheim-Cops’ hat er mitgemacht. „Da hab ich ein rechtes Schwein von volksdümmlichem Sänger gespielt“, sagt er, „so eine volkstümliche Sau – das hat mir sofort eingeleuchtet und sehr gut gefallen.“

Es mag seine Rückkehr auf den Bildschirm sein, doch der schnurrbärtige Grantler, der Dramatiker, der „für den echolosen Raum schreibt“, wie er sagt, er sieht die Schauspielerei nur als Ausflug: „Ich stelle fest, dass das ja doch ein sehr eingeschränktes Dasein als Schauspieler ist, man ist gerade beim Fernsehen in einem Maße entmündigt, was mich dann immer wieder große Kraft kostet.“

Blut hat der Schauspieler Kroetz dennoch geleckt, Spaß hat’s ihm gemacht. Er nahm die Offerte an, in Franz Xaver Schwarzenbergers inzwischen abgedrehtem „1809 – die Freiheit des Adlers“ mitzuwirken, der Adaption von Felix Mitterers Epos um den Südtiroler Freiheitskämpfer Andreas Hofer. Und wieder ist’s ein zwielichtiger Bursche, den er spielt:den diabolischen Kapuzinermönch Haspinger.

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